Was vermögen Bilder, genauer: Fotos, ĂŒber die RealitĂ€t zu verraten? Sind sie ein Abbild ebenjener, oder viel eher eine aus dem Dunkel des Negativ durch Licht wie durch Zauberhand vermittelte Interpretation der RealitĂ€t? In Michelangelo Antonionis 1966 erschienenem Film âBlow upâ beobachtet ein Fotograf in einem Park wie zufĂ€llig ein Paar und hĂ€lt sie per Fotokamera fest. Hat er damit seine Wahrnehmung der RealitĂ€t eingefangen, oder die von ihm unabhĂ€ngig existente AuĂenwelt?
Bei der Entwicklung stellt der Fotograf seltsame Dinge fest: Ragt da eine Pistole aus einem GebĂŒsch, die er vor Ort ĂŒberhaupt nicht bemerkt hatte? Ist seine Kamera Zeuge eines Mordes geworden, er selbst jedoch nicht? Und in der Tat meint Antonionisâ Protagonist auf den nachfolgenden, rasch entwickelten Bildern, die den Fotochemikalien ausgesetzt langsam ihre Wirklichkeit preisgeben, genau das zu sehen: ein Verbrechen, schlieĂlich auch eine Leiche. Doch je mehr er die Bilder auf ihren ReprĂ€sentationsgehalt hin untersucht, umso unklarer wird jener. Mit jeder VergröĂerung wird das Foto seiner Eindeutigkeit beraubt, zurĂŒck bleiben körnige Bildpunkte, anstelle einer reellen Wirklichkeit nur noch unscharfe Blickpunkte, die alles und nichts bedeuten könnten, zeigen.
Und dann der Nebel
WĂ€hrend Antonioni sich in einem vielbeachteten Spielfilm den Fragen nach RealitĂ€t, Zeit und gar der Wahrnehmung im GroĂen und Ganzen nĂ€hert, kann der geneigte Betrachter Ă€hnliche Fragenstellungen beim britischen KĂŒnstler Tris Vonna-Michell (*1982) â hier in Form eines kĂŒnstlerischen Audioslides â ausmachen. âRegistersâ (2016) zeigt zuvorderst eins: Fotos, sowohl im melancholischen Schwarz-WeiĂ als auch in Farbe. Auf der Tonspur erklingt die Atmo, die im Film oder Hörfunk den Raumeindruckes eines bestimmten Ortes wiedergeben soll. Dann eine Stimme, dem Fotograf bzw. KĂŒnstler selbst gehörend, die von einer Kamera berichtet: Eine schwere Kamera, nicht klar, ob sie ĂŒberhaupt funktioniere.
Und dann war da immer ein Nebel. Die ganze Zeit habe er, der ErzĂ€hler, Fotos gemacht. Die vorgetragene Narration im knapp 12-minĂŒtigen âRegistersâ steigert sich von einer beilĂ€ufigen Anekdotenform rasch in eine stream of consciousness-artige Beat-Poetik. Die Worte des ErzĂ€hlers werden schneller, drohen sich zu ĂŒberschlagen. Bestimmte Worte werden stetig wiederholt: Exposure, clean, right hand, left hand, fog, pollution, room. Die Bilder hingegen verraten nichts von der Aufregung, in ruhiger Abfolge zeigen sie Stadtansichten, Menschen, GroĂ- und Makroaufnahmen. Wir befinden uns in Japan.
Detailverliebt bis zur Unkenntlichkeit
2001 verbrachte Tris Vonna-Michell einige Zeit in Tokyo. Nachdem er all sein Geld verloren hatte, schlief er fĂŒr mehrere Wochen auf der StraĂe, kam schlieĂlich fĂŒr einige Zeit bei einer psychisch kranken Hostess unter, die in London Kunst studiert hatte. 2008 kehrte Vonna-Michell zurĂŒck nach Japan â die Fotos aus âRegistersâ stammen aus jener Zeit. Arbeitet hier also jemand seine Vergangenheit anhand von Bildern auf, rekonstruiert (s)eine eigene Geschichte? Die Bilder geben keinen Aufschluss darĂŒber. Auch die ErzĂ€hlung aus dem Off bleibt vage oder dann wieder so detailverliebt, dass jegliche Klarheit verunmöglicht wird.
Vonna-Michell verstĂ€rkt diese Uneindeutigkeit auf der formalen Ebene noch, wenn er zwischenzeitlich die Fotos auf eine WasserflĂ€che projiziert und die Bilder zu wabern beginnen. Dieser eindrucksvollen Impressions-Melange, die aus der Kombination der nahezu autonom genutzten Bild- und Tonebene entsteht, bedient sich Tris Vonna-Michell immer wieder. So wie in der Mixed Media-Installation âPostscript 1â, in der sich der KĂŒnstler 2013 anhand von eigenen Fotos sowie Archivmaterial und selbst aufgenommenen Sprachaufnahmen der persönlichen Geschichte seiner aus Berlin stammenden Mutter nĂ€herte und jene mit ErzĂ€hlungen seines Vaters aus dem Kalten Krieg vermischte.
Auf die Leerstellen konzentrieren
Im zweiten Teil des Abends wird Takahiko Iimuras Experimental-Film âMA: Space/Time In The Garden Of Ryouan-Jiâ aus dem Jahre 1989 zu sehen sein. Der Film beschĂ€ftigt sich dem Titel folgend mit dem japanischen Wort âMaâ (é), das sich als Raum bzw. LĂŒcke zwischen zwei Struktureinheiten verstehen lĂ€sst. Langsam fĂ€hrt die Kamera den Zen-Garten des RyĆan-ji Tempels ab. Das Auge des Betrachters fokussiert automatisch die bemoosten Steingruppen, die von weiĂem Kiesel umgeben sind. Das Bild ist unterlegt mit stark hallenden, perkussiven Tönen. Nachdem die Kamera den Garten einmal der LĂ€nge nach abgefahren ist, fordert ein Zwischentitel den Zuschauer auf, nicht die Objekte oder die Töne zu beachten, sondern die Distanz sowie die Pausen zwischen ihnen.
Leerstellen definieren die Ereignisse, die entsprechend zur Unterbrechung der Substanz âleerer/ereignisloser Raumâ werden. Erlebnisse entstehen so in gewisser Weise aus jenen Nicht-Ereignissen heraus. Jene Leerstellen scheinen bei Vonna-Michell sodann auch den Unterschied im Ganzen auszumachen, indem sie die LĂŒcken zwischen Gezeigtem und Gehörtem okkupieren und in der Wahrnehmung des Betrachters eine ganz eigene Geschichte entstehen lassen. Ăhnlich den körnigen Bildpunkten, die als Resultat der gröĂten VergröĂerung in âBlow upâ als einziges ĂŒbrig bleiben und eine unabhĂ€ngige Ereigniswelt in sich zu bergen scheinen. So wie Jochen Distelmeyer einst sang: âEine eigene Geschichte aus reiner Gegenwart, sammelt und stapelt sich von selbst herum um michâ.
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