Bald in der SCHIRN: Thomas Bayrle. Fröhlich sein!
30.01.2026
13 min Lesezeit
Die Kunst der Superform: Die SCHIRN zeigt ab dem 12. Februar aktuelle Werke von Thomas Bayrle. Verwebt, vernetzt und wiederholt widmet er sich den Strukturen von Konsum, Arbeit, Urbanität und Technologie, Pop- und Massenkultur sowie (Ersatz-) Religion.
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Thomas Bayrle (*1937) ist eine Legende. Die SCHIRN widmet dem in Frankfurt lebenden Künstler vom 12. Februar bis 10. Mai 2026 eine große Soloschau mit über 50 Werken der letzten 20 Jahre. Bayrle behandelt in seiner Kunst grundlegende Aspekte der modernen Gesellschaft. Wie hängen Religion und Gesellschaft, Individuum und Masse, industriell gefertigte Produkte und die technischen Apparate ihrer Herstellung zusammen? Neben den Strukturen von Konsum, Arbeit, Urbanität und Technologie spielen Fortbewegung, Pop- und Massenkultur sowie (Ersatz-) Religion eine zentrale Rolle. Der Künstler widmet sich ikonischen Darstellungen ebenso wie populären Werken der Kunstgeschichte von Michelangelo über Caravaggio und Masaccio bis hin zu Claude Monet. Die Ausstellung zeigt Malerei und Grafik, Skulptur und Objektkunst, Soundinstallationen und eine Videoarbeit.
In den 1960er- und 1970er-Jahren legte Bayrle den innovativen Grundstein seiner charakteristischen Superformen. Das Wiederholen, Vernetzen und Verweben von Einzelelementen zu einem Gesamtbild findet sich bis heute in nahezu allen Werken Bayrles und ist eng verbunden mit der Biografie des Künstlers. Bayrle absolvierte zunächst eine Lehre als Maschinenweber, bevor er sich der Gebrauchs- und Druckgrafik widmete. Die dort angewandten Drucktechniken hat er sowohl materiell als auch konzeptuell in seiner Kunst weitergeführt und damit den Weg vom Analogen zum Digitalen geebnet. So gehen seine Werke mit dem aktuellen Ausstellungsort der SCHIRN, dem Industriegebäude der ehemaligen Dondorf Druckerei, einen besonderen Dialog ein.
Der Titel der Ausstellung erinnert an Bayrles prägende Zeit als Professor an der Städelschule von 1975 bis 2002 und seinen Einfluss auf eine nachfolgende Künstlergeneration. „Fröhlich sein!“ war ein Leitsatz, den er seinen Studierenden gerne und häufig mit auf den Weg gab. Für Bayrle selbst war „Fröhlich sein!“ eine Lebensauffassung, eine künstlerische und politische Haltung.
Verschränkungen zwischen Architektur und Zeitungslayout
Den Auftakt bildet eine Filmcollage von Sunah Choi mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen von Helke Bayrle, Künstlerin und langjähriger Ehefrau von Thomas Bayrle. Der Rundgang beginnt mit der von 1999 bis 2001 entstandenen mehrteiligen Arbeit über die Architektur von Philip Johnson (1906–2005), Mitbegründer des International Style sowie der architektonischen Postmoderne. Die Installation besteht aus der quaderförmigen Skulptur aus Holzlatten „Layout Philip Johnson“ (1999) und zehn Postern „Philip Johnson / The New York Times“ (2001/2025). Sie kann als struktureller Vergleich von Architektur und Zeitungslayout betrachtet werden: In den Postern werden verschiedene Zeitungsseiten der New York Times übereinandergelegt. Dadurch wird der Text unleserlich, aber das Raster (engl.: grid) der Zeitungsseite sichtbar – sie erscheint nun in weißen quer und senkrecht verlaufenden Streifen als Architektur. Die Arbeit ist zudem als Echo auf Bayrles eigene Tätigkeit als Bücherproduzent im Verlag Gulliver-Presse sowie auf das Ausstellunggebäude, die ehemalige Dondorf Druckerei zu verstehen.
Eine Hommage an Ikonen der Kunst
Die SCHIRN präsentiert mehrere Serien, in denen sich Bayrle mit ikonischen Werken der Kunstgeschichte oder christlichen Darstellungskonventionen auseinandersetzt. Zu sehen sind etwa drei Adaptionen Bayrles von Caravaggios Altargemälde „Die Inspiration des Heiligen Matthäus“ (1602), das den Akt der Inspiration des Evangelisten durch den Engel zeigt. Bayrle überführt das Gemälde nach seinem Prinzip der Superform in ein kleinteiliges Raster und füllt jedes der Kästchen mit dem Piktogramm eines iPhones aus. Diese werden so gedreht, skaliert und verzerrt, dass sich die Superform schließlich von der geordneten Struktur abhebt. In „Hl. Matthäus trifft Engel“ (2015) sind etwa auf den zahlreichen kleinen Bildschirmen die Reproduktion des Caravaggio-Gemäldes zu sehen. Die mit dem Smartphone knipsenden Betrachter*innen werden Teil der Arbeit und verstellen den Blick auf das eigentliche, verpixelte Motiv.
Die Werkgruppe zum Thema Christi Himmelfahrt wiederum hat kein konkretes Motiv zum Vorbild. Auch hier ist der zentralen Figur jeweils Bayrles charakteristisches Raster zugrunde gelegt, die kleinen Grafiken zeigen hochfliegende weibliche und herabfliegende männlichen Personen. Die Figur der Himmelfahrt wird vor unterschiedliche collagierte Hintergründe geblendet. In „Himmelfahrt [Ascension I]“ (2019) ist eine Modellstadt zu sehen, die sich in einem Zeitungsausschnitt und Karoraster auflöst; in „Himmelfahrt“ (2019) eine Fotocollage, die thematisch auf die Pandemie referiert. Zu sehen sind Personen in weißen Schutzanzügen, die über einen Untergrund aus Wärmefolie gehen, in dem vereinzelt menschliche Köpfe und Körper auftauchen. In „Himmelfahrt VII“ (2019) ziert eine Schutzmaske das Gesicht der zentralen Figur. Diese ist von kleinen leuchtenden Screens gerahmt. Der Schriftzug „Pfingsten war immer am überzeugendsten wegen dem brennenden Rosenstock“ ist nur teilweise lesbar.
„Heuhaufen Marmoriert“ und „Roll Over Smartfon I“ (beide 2019) sind an Claude Monets bekannte Gemäldeserie der „Meules“ (dt.: Heuschober) angelehnt. Auch in dieser Appropriation baut Bayrle die Getreideschober durch iPhones mit teilweise bunten Bildschirmen auf. Im Entstehungsjahr wurde auf einer Auktion für eines der „Meules“-Gemälde von Monet der höchste jemals erzielte Preis für ein Werk des Künstlers erreicht. Käufer war der Kunstsammler und SAP-Mitgründer Hasso Plattner, dessen Unternehmen auf Software spezialisiert ist.
In einigen Arbeiten nimmt Bayrle Bezug auf das Masaccios Fresko „Die Vertreibung aus dem Paradies“ (1426) in der Brancacci-Kapelle in Florenz. Das Meisterwerk der Frührenaissance steht sinnbildlich für die menschliche Erkenntnis der eigenen Körperlichkeit, Nacktheit und Sterblichkeit. Bayrle beschränkt sich auf das zentrale Paar und ergänzt es um zeitgenössische Referenzen, aus denen die Körper von Adam und Eva gebildet werden. In „Brancacci Chapel“ (2020) sind die beiden Figuren mit zwei unterschiedlichen Motiven ausgefüllt. Bayrle hat diese von einer südkoreanischen Nachrichtenagentur übernommen, abgebildet sind eine Gruppe salutierender weiblicher sowie eine Gruppe protestierender männlicher Personen. In der Version „Vertreibung aus dem Paradies“ (2020) hingegen sind Adam und Eva inmitten einer pflanzenreichen Umgebung zu sehen, als hätten sie den Paradiesgarten nie verlassen.
Technologische und gesellschaftliche Veränderungen – Genderrollen, Roboter und Smartphones
Das christliche Bildthema der Pietà (dt. Mitleid) verknüpft Bayrle mit Motiven technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Als Vorbild dient hier Michelangelos berühmte Marmorskulptur „Pietà“ (1499) aus dem Petersdom in Rom, die die sitzende Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß zeigt. In Bayrles „Pietà red cars“ (2019) besteht sie aus einem viel befahrenen, ineinander verschlungenen Straßennetz mit kleinen roten Autos. Die Bildgrundlage in „Pietà (Flugzeug)“ (2018) bilden zahlreiche Totenköpfe, in der Mitte zur Darstellung eines Flugzeugs verdichtet, das die Gruppe durchkreuzt. In den 1980er-Jahren hatte der Flugverkehr ein globales Ausmaß erreicht, das sich seitdem zerstörerisch auf den Planeten auswirkt. Die Tapisserie „iPhone Pietà“ (2017) thematisiert die Vernetzung durch das Smartphone seit den 2010er-Jahren, welche Mensch und Maschine auf nie dagewesene Weise miteinander verbindet. Bayrle ließ diesen Teppich mittels eines automatisierten Webstuhls produzieren. In „Pietà (Rising Woman, Falling Man)“ (2020) nimmt der Künstler das Pietà-Motiv zum Ausgangspunkt einer Reflexion über veränderte Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert.
Eine Werkgruppe mit den humorvollen Titeln wie „Erholung in der Idiotie I“ und „II“ (beide 2022), „Non Fungible Tokens ,Turn Right‘“ (2022) oder „I Fon Salat-Roboter“ (2022) rückt Industrieroboter in den Fokus, wie sie etwa in der Automobilindustrie zum Einsatz kommen. Im Zentrum der Bilder angeordnet, werden die Roboter in verschiedenen Stadien ihrer Bewegungsabläufe dargestellt. Die Bildnisse bestehen hier wieder aus einer Vielzahl kleiner iPhones. Arme und Hände der Roboter stehen in einem ironischen Verhältnis zu Bayrles künstlerischer Arbeitsweise.
Neue Lebensrhythmen und Ästhetiken in der Massengesellschaft
Auf der documenta 13 in Kassel zeigte Bayrle 2012 erstmals aufgeschnittene Motoren in Betrieb. Damit visualisierte er die Ästhetik von Maschinen, aber auch den Lebensrhythmus und die Verfassung der Menschen in der Massengesellschaft. Er löst vormalige Autoelemente aus ihrem eigentlichen Funktionszusammenhang und erhebt sie in den Status von Skulpturen. Die Ausstellung zeigt „Rosary“ (2009) mit der motorisierten Bewegung eines isolierten Ford Galaxy Scheibenwischers. Bei der Skulptur „Rosaire“ (2012) handelt es sich um einen aufgeschnittenen Motor eines Citroën 2CV, dessen Kolben sich sichtbar in den Zylindern bewegen. Sowohl „Rosary“ als auch „Rosaire“ sind als Gemeinschaftsarbeiten mit Bernhard Schreiner entstanden und mit einem Soundloop von Rosenkranz betenden Menschen unterlegt. Während seiner Ausbildung zum Musterzeichner und Weber hatte Bayrle der sich ständig wiederholende, monotone Lärm der Maschinen der Jacquard-Webstühle an Rosenkranz betende Menschen erinnert. Auch die Skulptur „Automeditation“ (1987/2017) bezieht sich auf das Rosenkranzgebet. Sie besteht aus vier übereinander gestapelten Autoreifen, deren Außenseiten mit einem Auszug aus dem lateinischen Gebet Ave Maria versehen sind.
Die Ausstellung schließt mit Darstellungen zweier populärer Figuren. Die Porträts „Kim Kardashian XII“ und „XIII“ (beide 2021) zeigen die zeitgenössischen Medienikone aus vielen kleinen roten Lippenstiften zusammengesetzt. Der Großteil ihrer Einkünfte stammt aus der Mode- und Schönheitsindustrie. Durch formale Anleihen kreiert Bayrle eine Analogie zu Jan Vermeers populärem Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (1655). Es zeigt keine bestimmte Person, sondern ist eine sogenannte Tronie, ein Bildnis einer imaginären Figur. Auch die Papst-Darstellungen „Pope I“ und „II“ (beide 2021) ähneln mit der liturgischen Kopfbedeckung, der Mitra, eher einem konventionellen kirchlichen Repräsentanten als einer bestimmten Person. Die Komposition setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlich gefärbter kleiner Schuhe zusammen.