Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Future of Yesterday, 2026, Film still
© Courtesy of the artists & Fortes D’Aloia & Gabriel

Jetzt in der SCHIRN: Bárbara Wagner & Benjamin de Burca. The Tunnels We Dig

14.01.2026

8 min Lesezeit

Bárbara Wagner & Benjamin de Burca
Ein Paar posiert lächelnd vor einer blauen, geometrisch gefliesten Wand in lässiger Kleidung.

In ihren Videoarbeiten und -installationen arbeitet das Künstler*innenduo Bárbara Wagner & Benjamin de Burca mit multigenerationellen Musikszenen zusammen. Die SCHIRN zeigt Arbeiten jenseits der etablierten Kunstszene, in denen kultureller Widerstand und die Aushandlung von Identität der Beteiligten porträtiert wird.

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Die SCHIRN präsentiert vom 29. Januar bis 26. April 2026 die erste große Einzelausstellung von Bárbara Wagner (*1980) & Benjamin de Burca (*1975) in Deutschland. Seit über einem Jahrzehnt realisiert das in Brasilien lebende Künstler*innenduo gemeinsam Videoarbeiten und -installationen stets im Dialog mit anderen Künstler*innen und Kollektiven. In ihren kollaborativen Filmen konzentrieren sich Wagner & de Burca vor allem auf kulturelle Bewegungen und kollektive Praktiken, die außerhalb der etablierten Kreise zeitgenössischer Kunst stattfinden.

Die Schau verbindet drei audiovisuelle Arbeiten, die in unterschiedlichen Kontexten entstanden: „Future of Yesterday“ (Deutschland, 2026), „RISE“ (Kanada, 2018) und „Estás vendo coisas / You are seeing things“ (Brasilien, 2016). Porträtiert werden lokal geprägte, multigenerationelle Musikszenen, die jeweils in den frühen 1980er-Jahren als Jugendbewegungen abseits des Mainstreams entstanden, eigenständige kulturelle oder musikalische Strukturen und Referenzsysteme hervorbrachten und heute von einer jüngeren Generation neu interpretiert werden.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die eigens entwickelte Neuproduktion „Future of Yesterday“ (2026). Diese Videoinstallation widmet sich der aktuellen Hardcore-Szene und insbesondere Straight Edge (kurz „sXe“) in Deutschland – einer Bewegung, die an der Ostküste der USA als „cleane“ Gegenkultur innerhalb des Hardcore-Punks begann. In „RISE“ (2018) geht es um Kanadier*innen der ersten und zweiten Generation afrokaribischer Herkunft. In einem Akt der Selbstermächtigung nehmen sie mit Elementen des Hip-Hop und Rap den öffentlichen Raum der U-Bahn in Toronto künstlerisch ein. Eine der ersten Arbeiten von Wagner & de Burca „Estás vendo coisas / You are seeing things“ (2016) untersucht die Brega-Musik aus Recife im Nordosten Brasiliens.

Bezeichnend für den künstlerischen Prozess von Wagner & de Burca ist die kollaborative Zusammenarbeit: Die porträtierten Gruppen sind aktiv an der Gestaltung von Skript, Bühnenbild, Musik, Choreografie und Inszenierung beteiligt. Wagner & de Burcas audiovisuelle Arbeiten thematisieren eindrucksvoll jeweils drängende soziopolitische Anliegen in den Gemeinschaften der Darsteller*innen; sie greifen kulturelle Ausdrucksformen auf, mit denen diese sich identifizieren und ihre öffentliche Stimme finden. Der Ausstellungstitel ist einem Gedicht aus dem Film „RISE“ entnommen. In den gezeigten Arbeiten wird der Tunnel als physische Struktur im urbanen Raum inszeniert und dient zugleich als Metapher für transformative Prozesse des kulturellen Widerstands, der Aushandlung von Identität und des künstlerischen Ausdrucks.

Ein Paar posiert lächelnd vor einer blauen, geometrisch gefliesten Wand in lässiger Kleidung.
Porträt von Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, 2025
© Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Courtesy of the artists and Fortes, D’Aloia & Gabriel, São Paulo/Rio de Janeiro

„Das Besondere an den Videoinstallationen des Duos ist der intensive kollaborative Prozess mit den jeweiligen Kollektiven und Akteur*innen unterschiedlicher Generationen. Es geht nicht darum, Randgruppen eine Bühne zu verleihen, sondern Begegnungen verschiedener Communitys und Künstler*innen zu erzeugen, die Dynamiken in der Zusammenarbeit zu ergründen.“

Katharina Dohm, Kuratorin der Ausstellung

Straight Edge – Energetisch, kollektiv, clean

Die eigens für die Ausstellung in der SCHIRN entwickelte Neuproduktion „Future of Yesterday“ (2026) widmet sich der Straight-Edge-Bewegung in Deutschland, insbesondere in der Rhein-Main-Region, und führt an prägende Schauplätze wie Skatehallen, Proberäume und Hardcore-Punk-Konzerte.

Als „cleane“ Gegenkultur innerhalb der Hardcore-Punkszene in den 1980er-Jahren entstanden, rebelliert Straight Edge gegen einen selbstzerstörerischen Hedonismus sowie den allgemeinen Mainstream: Ihre Mitglieder leben nüchtern, vegetarisch (oder vegan) und setzen auf autonome, nichtkommerzielle Organisationsformen. Frei von Alkohol- und Drogenkonsum lebt die kleine Community von der Energie und Dynamik ihrer Livekonzerte, die unabhängig von Alter, Herkunft oder Interessen als Ventil dienen. Die teils ebenerdigen Bühnen lassen die Grenze zwischen Publikum und Bands verschwimmen und werden zum Raum kollektiver Choreografien, körperlicher Präsenz und gegenseitigen Respekts.

„Future of Yesterday“ entstand in Zusammenarbeit mit den Bands Blinded und One sowie anderen Mitgliedern der lokalen Straight-Edge-Szene, die den kreativen Prozess der Arbeit aktiv mitgestalteten. Zentral in der Arbeit ist eine lange, fast ununterbrochene Kamerafahrt, die verschiedene Generationen in einen gemeinsamen zeitlichen Raum bringt. Eine rhythmische Zeitlupensequenz registriert die physische Wirkung von Hardcore-Musik auf einen kollektiven Körper. Mit dem Titel der Arbeit „Future of Yesterday“, der sich auf einen Songtext im Film bezieht, spielen Wagner & de Burca mit dem typischen Referenzsystem, mit dem die gegenwärtige Szene frühere Generationen von Hardcore-Bands würdigt, etwa in ihren eigenen Songs oder im Do-it-yourself-Merchandise.

Junge zeigt eine Kassette mit dem Titel „Die Zukunft von Gestern“ in kreativem Design.
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Future of Yesterday, 2026, Film still
© Courtesy of the artists & Fortes D’Aloia & Gabriel
Junger Mann spielt E-Gitarre in einer Garage, umgeben von Autos und Werkzeugen, in schwachem Licht.
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Future of Yesterday, 2026, Film still
© Courtesy of the artists & Fortes D’Aloia & Gabriel
Skater springt über eine Rampe, während ein anderer mit einer Kamera filmt. Nachtstimmung im Skatepark.
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Future of Yesterday, 2026, Film still
© Courtesy of the artists & Fortes D’Aloia & Gabriel

Widerständiger Hip-Hop voller Empathie, Liebe und Hoffnung

„Rise“ (2018) gleicht einer Hip-Hop-Oper in vier Akten. Rhythmus und Poesie dienen als Katalysatoren eines Aushandlungsprozesses zwischen Tradition, Diaspora und kulturellem Wandel in Kanada. Die Arbeit zeigt junge Dichter*innen, Rapper*innen und Sänger*innen afrokaribischer Herkunft in unterirdischen Stationen einer U-Bahn-Linie in Toronto, die Stadtzentrum und Randgebiete verbindet. Poesie und Musik nutzen die Protagonist*innen als Mittel des Selbstausdrucks und des kulturellen Widerstands gegen soziale Ausgrenzung.

Die Stimme des Indigenen Ältesten und Poeten Duke Redbird (*1939), einer bedeutenden und provokativen Schlüsselfigur der kanadischen Literatur- und Kulturszene, umrahmt als Prolog und Epilog die Erzählung. „Rise“ wurde in Kollaboration mit Mitgliedern der Bewegung R.I.S.E. (ein Akronym für „Reaching Intelligent Souls Everywhere“ / Intelligente Seelen überall erreichen) entwickelt. Gegründet 2012 von dem kanadischen Dichter Randell Adjei, widmet sich die Initiative der Kunst des gesprochenen Wortes zum Austausch von Geschichten und persönlichen Erfahrungen historisch marginalisierter Stimmen der Stadtbevölkerung.

Wagner & de Burca richten in ihrer Videoarbeit den Blick auf diese neue Generation von Künstler*innen, deren Poetik bekannte Codes und Zeichen der US-amerikanischen Rap- und Hip-Hop-Industrie wie die Verherrlichung von Kriminalität und die Objektifizierung des weiblichen Körpers hinter sich lässt und Hip-Hop neu gestaltet. Die von den Protagonist*innen selbst verfassten Verse und Musikstücke voller Empathie, Einsamkeit, Liebe und Hoffnung werden in den urbanen Tunneln der U-Bahnstationen zu einer Erzählung von Subversion und Widerstand verwebt. Darauf bezieht sich auch das Zitat, das für die Schirn Ausstellung titelgebend ist.

Zwei Männer posieren in einer modernen Umgebung vor der Kamera, während ein dritter Mann sie filmt.
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, RISE, 2018, Film still
© Courtesy of the artists and Fortes D’Aloia & Gabriel, São Paulo/Rio de Janeiro
Zwei Frauen in modischer Kleidung stehen vor einem U-Bahnhof, während eine Person im Hintergrund wartet.
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, RISE, 2018, Film still
© Courtesy of the artists and Fortes D’Aloia & Gabriel, São Paulo/Rio de Janeiro
Eine Person mit Dreadlocks in bunter Sportjacke steht lebhaft vor einer rot gefliesten Wand.
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, RISE, 2018, Film still
© Courtesy of the artists and Fortes D’Aloia & Gabriel, São Paulo/Rio de Janeiro

Spannungen zwischen Musiktradition und -industrie, Ausgrenzung und Anerkennung

„Estás vendo coisas / You are seeing things“ (2016) ist der Brega-Szene in Recife im Nordosten Brasiliens gewidmet, die sich seit den 1970er-Jahren von einer kulturellen Randerscheinung zu einer erfolgreichen Musikindustrie entwickelt hat.

Die Videoarbeit spielt im Nachtklub Planeta Show und wurde gemeinsam mit Musiker*innen erarbeitet, die regelmäßig dort auftreten. Sie gehören zur ersten Generation von Brega-Künstler*innen, die von ihrer Musik leben kann. Viele von ihnen führen jedoch weiterhin ein Doppelleben wie die Sängerin Dayana Paixão und MC Porck, die im Mittelpunkt der Erzählung stehen und nebenher als Feuerwehrfrau und Friseur arbeiten. Der Film verbindet private Backstage-Momente, fiktive Sequenzen und dokumentarische Szenen, die Brega-Musikgruppen rund um Recife bei der Aufnahme ihrer eigenen Musikvideos zeigen.

Wagner & de Burca ergänzen ihre Arbeit filmisch durch eine Ebene, in der Botschaften durch Tempo und Rhythmus vermittelt werden. Sie untersuchen die Spannung zwischen Musiktradition und -industrie und beleuchten, wie Musik und Tanz als Wissens- und Kulturformen gesellschaftliche Anerkennung finden und Menschen die Möglichkeit bieten können, sich über Ausgrenzungen hinwegzusetzen.
Das Musikgenre Brega wurde ursprünglich von der Kulturelite verpönt und spiegelt die Sichtbarwerdung einer aufstrebenden Mittelschicht Brasiliens wider. Brega Romântico entstand zunächst in einfachen, selbst gebauten Aufnahmestudios und etablierte sich zum heute als Popmusik bekannten Brega Funk, in dem romantische Melodien mit amerikanischem Hip-Hop, brasilianischem Techno und karibischem Reggaeton verschmelzen. Der Titel der Videoarbeit ist der Songzeile „It’s all illusion / from your heart / Hallucinations / You are seeing things“ entnommen.

Eine Person mit Tattoos und blonden Haaren blickt in einen Spiegel, umgeben von bunten Lichtern.
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Estás vendo coisas / You are seeing things, 2016. Film still (MC Porck and Dayana)
© Courtesy of the artists and Fortes D’Aloia & Gabriel, São Paulo/Rio de Janeiro
Zwei schick gekleidete Personen stehen vor einem bunten, leuchtenden Hintergrund mit geometrischen Mustern.
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Estás vendo coisas / You are seeing things, 2016. Film still (MC Porck and Dayana)
© Courtesy of the artists and Fortes D’Aloia & Gabriel, São Paulo/Rio de Janeiro