In der virtuellen Welt der Videospiele liegen die Bonus Level meistens gut versteckt an ungewöhnlichen Orten â hĂ€ufig aber unterirdisch. Sie verheiĂen dem Spieler bei BewĂ€ltigung Belohnungen in Form zusĂ€tzlicher Punkte, weiterer Leben, seltener Artefakte oder â zumindest zeitweise â phĂ€nomenaler FĂ€higkeiten. Ăhnlich verhĂ€lt es sich mit Martin Wenzels Ausstellung âBonus Levelâ, der im basis-Atelierhaus ElbestraĂe vom 13.-15. Oktober drei Ebenen bespielt und auf deren Entstehungsweg so manche HĂŒrde genommen werden musste, um die SchĂ€tze entdecken, heben und schlieĂlich prĂ€sentieren zu können.
Wie in einem Computerspiel fĂŒhrt der Ausstellungsparcours von Level zu Level hinab, bis zu einem ehemaligen Luftschutzkeller, den Wenzel ĂŒber Monate hinweg entrĂŒmpelte und dabei einige Zeitzeugnisse aus der Frankfurter Geschichte zutage brachte. Die zeitintensive Vorbereitung der Ausstellung war fĂŒr Wenzel eine Forschungs- und Entdeckungsarbeit. Der HfG- und StĂ€delschulabsolvent Martin Wenzel arbeitete, wie fĂŒr ihn typisch, ortsbezogen, indem er sich mit der konkreten Umgebung und den dort vorgefunden Objekten und VerhĂ€ltnissen auseinandersetzt.
Schaftstiefelgrotesk
Dabei zieht er alle Register kĂŒnstlerischer Medien: von Typografie und Video ĂŒber Fotografie und Zeichnung, bis hin zu Skulptur und Rauminstallation. âIch probiere mich mit diesen RĂ€umen sowie den vorgefundenen Materialien und Objekten in alle Richtungen aus. Dieses Projekt ist das gröĂte, was ich bisher gemacht habe.â Auf das diffizile Beziehungskonglomerat der Werke seines Projektes verweist bereits das Plakat: Auf der Abbildung des dĂŒsteren Treppenabgangs in den Luftschutzkeller prangen die titelgebenden Lettern âBonus Levelâ in der prĂ€gnanten Tannenberg-Typo, die in den 1930er- Jahren von dem Offenbacher Typografen Erich Meyer entworfen und bezeichnenderweise âSchaftstiefelgroteskâ genannt wurde. Noch heute wird diese Typo mit Nazi-Propaganda assoziiert.
Wenzel wĂ€hlte diese Schriftart als Aufmacher fĂŒr seine Ausstellung, weil sie ihm bei der ErschlieĂung des Luftschutzkellers immer wieder begegnete. âIch spiele nicht mit diesem âNazi-Gruselâ, aber es ist ein Teil dieses GebĂ€udes, den ich nicht einfach wegkehren kann.â Allerdings unterlegt Wenzel die unheilassoziierte Typo der Buchstaben mit den vier Bestandteilen des CMYK-Farbmodells. Auf diese Farben verweist Wenzel in seinen Arbeiten immer wieder. So prĂ€sentiert er im ersten Level der Ausstellung â dem Projektraum â unter anderem in einem Lastenaufzug vier uralte, entleerte Feuerlöscher, die er bei der EntrĂŒmpelung des Kellers fand und in den vier Grundfarben Cyan, Magenta, Yellow und Schwarz strich.
Im letzten Level
Im nĂ€chsten Level â dem Untergeschoss â befindet sich Wenzels Atelier, an dessen TĂŒr eine Kontrabass-Saite gespannt ist, die, sobald man sie zupft, den Raum mit einem Ton erfĂŒllt. Doch das ist nicht das einzige GerĂ€usch, das zu hören ist. Im Nachbarkeller hat die Rockband KGW ihre ProberĂ€ume, die am Eröffnungsabend, versteckt hinter dem GemĂ€uer, jedoch gut hörbar, ein Live Konzert geben wird. Was fĂŒr ein Bonus! In das nĂ€chst tiefere und letzte Level gelangt man ĂŒber eine steile, schwarzgetĂŒnchte Treppe in den Luftschutzkeller. An den WĂ€nden eines Raumes wird der Betrachter mit den schriftlich fixierten Aufforderungen âHinsetzenâ und âRauchen verbotenâ in der Tannenberg Typo konfrontiert und hat die geschichtliche Situation vor Augen.
Die kĂŒrzlich erst im Rahmen der EntschĂ€rfung einer riesigen Fliegerbombe aufgefrischte Erinnerung an die Bombenangriffe auf Frankfurt lebt hier unmittelbar wieder auf. Wenzel hebt diese Imagination auf ein neues Level, in dem er an der gegenĂŒberliegenden Wand den typisch deutschen Begriff âBratwurstâ schreibt. So passiert es mit zahlreichen FundstĂŒcken, die Wenzel in dem Keller wie viele kleine Boni freigelegt hat. Eine groĂe Tonne, die ursprĂŒnglich Wandseife enthielt â vielleicht zur Reinigung von WĂ€nden vom Phosphor der Bomben â eine monströse, zerbrochene TĂŒr oder ein Gitter: Das alles sind AlltagsgegenstĂ€nde, die Wenzel bewusst ihrem Assoziationskontext enthebt, indem er sie farblich verfremdet (hier: angelehnt an das Miami Vice Logo), an die Wand hĂ€ngt oder von der Decke baumeln lĂ€sst.
Durch diese Funktionsentfremdung und der Kombination mit anderen Objet trouvĂ©s entstehen neue SinnzusammenhĂ€nge, die das Objekt zum Kunstwerk erheben und ihm spielerische und manchmal auch provokante ZĂŒge verleihen. FĂŒr den Besucher erschlieĂt sich, nach vielleicht anfĂ€nglicher Irritation und einigen Ăberraschungen, nicht nur der Untergrund und ein StĂŒck Geschichte Frankfurts, sondern wohl auch ein VerstĂ€ndnis fĂŒr den offenen Entstehungsprozess der Kunst Martin Wenzels â wie im Bonus Level.
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