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Bonus Level im Luftschutzkeller

11.10.2017

5 min Lesezeit

Martin Wenzel lÀdt in die Tiefen der Kellergewölbe des Basis Atelierhauses auf eine Entdeckungsreise ein.

In der virtuellen Welt der Videospiele liegen die Bonus Level meistens gut versteckt an ungewöhnlichen Orten – hĂ€ufig aber unterirdisch. Sie verheißen dem Spieler bei BewĂ€ltigung Belohnungen in Form zusĂ€tzlicher Punkte, weiterer Leben, seltener Artefakte oder – zumindest zeitweise – phĂ€nomenaler FĂ€higkeiten. Ähnlich verhĂ€lt es sich mit Martin Wenzels Ausstellung „Bonus Level“, der im basis-Atelierhaus Elbestraße vom 13.-15. Oktober drei Ebenen bespielt und auf deren Entstehungsweg so manche HĂŒrde genommen werden musste, um die SchĂ€tze entdecken, heben und schließlich prĂ€sentieren zu können.

Martin Wenzel, Bonus Level, Basis Projektraum, Frankfurt, 2017

Wie in einem Computerspiel fĂŒhrt der Ausstellungsparcours von Level zu Level hinab, bis zu einem ehemaligen Luftschutzkeller, den Wenzel ĂŒber Monate hinweg entrĂŒmpelte und dabei  einige Zeitzeugnisse aus der Frankfurter Geschichte zutage brachte. Die zeitintensive Vorbereitung der Ausstellung war fĂŒr Wenzel eine Forschungs- und Entdeckungsarbeit. Der HfG- und StĂ€delschulabsolvent Martin Wenzel arbeitete, wie fĂŒr ihn typisch, ortsbezogen, indem er sich mit der konkreten Umgebung und den dort vorgefunden Objekten und VerhĂ€ltnissen auseinandersetzt.

Schaftstiefelgrotesk

Dabei zieht er alle Register kĂŒnstlerischer Medien: von Typografie und Video ĂŒber Fotografie und Zeichnung, bis hin zu Skulptur und Rauminstallation. „Ich probiere mich mit diesen RĂ€umen sowie den vorgefundenen Materialien und Objekten in alle Richtungen aus. Dieses Projekt ist das grĂ¶ĂŸte, was ich bisher gemacht habe.“ Auf das diffizile Beziehungskonglomerat der Werke seines Projektes verweist bereits das Plakat: Auf der Abbildung des dĂŒsteren Treppenabgangs in den Luftschutzkeller prangen die titelgebenden Lettern „Bonus Level“ in der prĂ€gnanten Tannenberg-Typo, die in den 1930er- Jahren von dem Offenbacher Typografen Erich Meyer entworfen und bezeichnenderweise „Schaftstiefelgrotesk“ genannt wurde. Noch heute wird diese Typo mit Nazi-Propaganda assoziiert.

Martin Wenzel, Bonus Level, Basis Projektraum, Frankfurt, 2017

Wenzel wĂ€hlte diese Schriftart als Aufmacher fĂŒr seine Ausstellung, weil sie ihm bei der Erschließung des Luftschutzkellers immer wieder begegnete. „Ich spiele nicht mit diesem ‚Nazi-Grusel‘, aber es ist ein Teil dieses GebĂ€udes, den ich nicht einfach wegkehren kann.“ Allerdings unterlegt Wenzel die unheilassoziierte Typo der Buchstaben mit den vier Bestandteilen des CMYK-Farbmodells. Auf diese Farben verweist Wenzel in seinen Arbeiten immer wieder. So prĂ€sentiert er im ersten Level der Ausstellung – dem Projektraum – unter anderem in einem Lastenaufzug vier uralte, entleerte Feuerlöscher, die er bei der EntrĂŒmpelung des Kellers fand und in den vier Grundfarben Cyan, Magenta, Yellow und Schwarz strich.

Im letzten Level

Im nĂ€chsten Level – dem Untergeschoss – befindet sich Wenzels Atelier, an dessen TĂŒr eine Kontrabass-Saite gespannt ist, die, sobald man sie zupft, den Raum mit einem Ton erfĂŒllt. Doch das ist nicht das einzige GerĂ€usch, das zu hören ist. Im Nachbarkeller hat die Rockband KGW ihre ProberĂ€ume, die am Eröffnungsabend, versteckt hinter dem GemĂ€uer, jedoch gut hörbar, ein Live Konzert geben wird. Was fĂŒr ein Bonus! In das nĂ€chst tiefere und letzte Level gelangt man ĂŒber eine steile, schwarzgetĂŒnchte Treppe in den Luftschutzkeller. An den WĂ€nden eines Raumes wird der Betrachter mit den schriftlich fixierten Aufforderungen „Hinsetzen“ und „Rauchen verboten“ in der Tannenberg Typo konfrontiert und hat die geschichtliche Situation vor Augen.

MARTIN WENZEL, "ABCE (CMYK)", 2017, Courtesy the artist and PPC Philipp Pflug Contemporary, Frankfurt am Main
Martin Wenzel, Bonus Level, Basis Projektraum, Frankfurt, 2017

Die kĂŒrzlich erst im Rahmen der EntschĂ€rfung einer riesigen Fliegerbombe aufgefrischte Erinnerung an die Bombenangriffe auf Frankfurt lebt hier unmittelbar wieder auf. Wenzel hebt diese Imagination auf ein neues Level, in dem er an der gegenĂŒberliegenden Wand den typisch deutschen Begriff „Bratwurst“ schreibt. So passiert es mit zahlreichen FundstĂŒcken, die Wenzel in dem Keller wie viele kleine Boni freigelegt hat. Eine große Tonne, die ursprĂŒnglich Wandseife enthielt – vielleicht zur Reinigung von WĂ€nden vom Phosphor der Bomben – eine monströse, zerbrochene TĂŒr oder ein Gitter: Das alles sind AlltagsgegenstĂ€nde, die Wenzel bewusst ihrem Assoziationskontext enthebt, indem er sie farblich verfremdet (hier: angelehnt an das Miami Vice Logo), an die Wand hĂ€ngt oder von der Decke baumeln lĂ€sst.

Durch diese Funktionsentfremdung und der Kombination mit anderen Objet trouvĂ©s entstehen neue SinnzusammenhĂ€nge, die das Objekt zum Kunstwerk erheben und ihm spielerische und manchmal auch provokante ZĂŒge verleihen. FĂŒr den Besucher erschließt sich, nach vielleicht anfĂ€nglicher Irritation und einigen Überraschungen, nicht nur der Untergrund und ein StĂŒck Geschichte Frankfurts, sondern wohl auch ein VerstĂ€ndnis fĂŒr den offenen Entstehungsprozess der Kunst Martin Wenzels  – wie im Bonus Level.

Martin Wenzel, Bonus Level, Basis Projektraum, Frankfurt, 2017

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