5 Gründe, Thomas Bayrle in der SCHIRN zu sehen
Spannungsvoll detailreich-ornamental: Die SCHIRN präsentiert bis zum 10. Mai eine große Soloschau des in Frankfurt lebenden Künstlers Thomas Bayrle. Fünf Gründe, warum sich der Besuch lohnt.
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Eine Frankfurter Legende
Geboren 1937 in Berlin, beginnt Thomas Bayrles Verbindung zur Rhein-Main-Region mit seinem Studium an der Werkkunstschule Offenbach am Main (heute Hochschule für Gestaltung, HfG). Der Maler, Objekt- und Videokünstler avancierte zur Frankfurter Legende: von 1975 bis 2002 lehrte er als Professor an der Städelschule und prägte auch mit seinem Motto „Fröhlich sein!“ eine ganze Generation an Künstler*innen. Das Motto ist weniger Aufforderung als innere Haltung – eine Haltung, um mit Leichtigkeit und Offenheit auf das Leben zu blicken und für die eigenen Überzeugungen einzutreten.
Doch nicht nur durch seine Lehre, auch durch die Teilnahme an vielen internationalen Ausstellungen wie der documenta oder der Biennale di Venezia und Einzelausstellungen, wie im Museum für Angewandte Kunst in Wien, machte der Künstler auf sich aufmerksam. Von Malerei und Grafik, Skulptur und Objektkunst bis Soundinstallationen und einer Videoarbeit – in der SCHIRN-Ausstellung zeigt sich an über 50 Arbeiten aus den letzten 20 Jahren Bayrles vielseitiges Schaffen und Abarbeiten an grundlegenden Aspekten der modernen Gesellschaft.
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Die Superform aus nächster Nähe
Seit den 1960er-Jahren vernetzt und verwebt Thomas Bayrle aus vielen wiederholten, kleinen Einzelelementen ein größeres Gesamtbild. In seiner Strukturierung schafft er eine Logik, ein kompositorisches Prinzip, das er „Superform“ nennt. So ergibt sich beispielsweise aus vielen aneinandergereihten Schuhen das abstrahierte Porträt des Papstes oder aus vielen kleinen iPhones der Arm eines Industrieroboters.
Das für die Superform so charakteristische serielle Prinzip und ihre Reproduzierbarkeit sind eng verbunden mit der Biografie Bayrles, der eine Lehre als Musterzeichner und Weber in einer Maschinenweberei absolvierte, bevor er sich der Gebrauchs- und Druckgrafik widmete.
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Immer am Zahn der Zeit
Stets arbeitet Thomas Bayrle am Zahn der Zeit. Er beobachtet die Veränderungen der modernen Gesellschaft und thematisiert sich verändernde Strukturen von Konsum, Technologie, Mobilität, Popkultur und Religion.
Christliche Darstellungskonventionen wie die Pietà tauchen dabei immer wieder in Bayrles Schaffen auf und spiegeln dessen Interesse an Religion – mit ihren eigenen Regeln, Ritualen und Glaubenssystemen – wider. In der Tapisserie „iPhone Pietà“ von 2017 bezieht sich der Künstler auf Michelangelos Skulptur aus dem 15. Jahrhundert. Doch bildet bei Bayrle nicht etwa Marmor, sondern das iPhone das grundlegende Element, durch welches das klassische Bild der trauernden Maria mit dem toten Christus in ihren Armen entsteht.
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Zwischen Individualität und Gesellschaft
Statt bloß moralisierend zu kritisieren, analysiert Thomas Bayrle die wechselseitigen Abhängigkeiten und Prozesse, die mit gesellschaftlichen und technischen Veränderungen einhergehen. In der Superform, in der der Künstler das Spannungsverhältnis zwischen Kleinem und Großem demonstriert, zeigen sich zugleich auch die dynamischen Wechselwirkungen zwischen dem einzelnen Individuum und der Gesellschaft. Im SCHIRN PAPER schreibt Assistenzkuratorin Theresa Dettinger: „In Bayrles Superformen bildet das einzelne Bild die Grundlage des Ganzen. Erst im Kollektiv ergeben die einzelnen Elemente eine Einheit […] die zwar kollektivierend, aber nicht totalitär wirkt, da sie die Summe ihrer Teile nicht nivelliert.“
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Auch im Regen immer Pop
Religiös-ikonische und kunsthistorische Motive dienen Thomas Bayrle immer wieder als Ausgangspunkt, beispielsweise von Caravaggio oder Claude Monet. Bayrle transformiert die Vorbilder jedoch in einer Kombination aus analoger und digitaler Arbeitsweise in seiner typisch seriellen Manier. Aus unzähligen roten Lippenstiften erhebt sich das Porträt der gegenwärtigen Modeikone Kim Kardashian, deren formale Komposition Jan Vermeers „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (1655) entlehnt ist.
Verschränkungen zwischen Mode, Popart und Konzeptkunst zeigen sich auch an Bayrles bunten Regenmänteln: 1968 entwarf Bayrle ein Tassenraster, das er mit einem Modehaus auf transparente Plastikregenmäntel produzieren und in Kaufhäusern verkaufen ließ. Typisch Bayrle bewegen sich die Mäntel dabei an einer Schnittstelle von Konsumproduktion und Kunstkritik. Sie fragen: Wann ist eine künstlerische Arbeit ein Kunstwerk?
Ein Highlight zur Ausstellung: Die bunten Regenmäntel sind zurück! Dank unserer Kooperation mit dem Frankfurter Artist- und Designer-Space LAB106 gibt es eine Neuauflage der Thomas Bayrle Arbeit aka der tragbaren, farbenfrohen Eyecatcher für Regentage jetzt auch wieder für Zuhause zu kaufen.