5 Fragen an Lili Reynaud-Dewars „Perfekte Leben“
16.04.2026
7 min Lesezeit
Happy Birthday, SCHIRN! Anlässlich des 40. Geburtstags der Kunsthalle hat die Künstlerin Lili Reynaud-Dewar ein Buch geschrieben, das das Leben der SCHIRN mit ihrer eigenen Biografie in einen Dialog stellt. Direktor Sebastian Baden und Kurator Matthias Ulrich verraten, was dieses künstlerische Biopic so besonders macht.
1. 40 Jahre SCHIRN – wenn das kein Grund zum Feiern ist! Für gewöhnlich werden zu solchen Anlässen meist Publikationen herausgegeben, die einen Rückblick auf die wichtigsten Meilensteine des Hauses bereitstellen und ganz im Sinne einer Imagebroschüre funktionieren. Was macht Lili Reynaud-Dewars Perfekte Leben anders und wie kam die Idee zustande?
SEBASTIAN BADEN
Zu unserem 40-jährigen Jubiläum sollte ein unkonventionelles Buch erscheinen, das die Geschichte der SCHIRN aus einer persönlichen, aber externen Perspektive betrachtet. Die meisten Publikationen, die zu Geburtstagen erscheinen, sind wie Hagiographien – überbordende Selbstverherrlichungen. Aber die SCHIRN wird als Gebäude einer Sanierung unterzogen, mit 40 Jahren ein Facelifting, besser könnte es nicht kommen. Diesen Gedanken einer Erneuerung im Sinne eines institutionskritischen Rückblicks wollten wir gerne über ein Buch transportieren. Nun hat das Buch den Charakter eines autobiografischen Romans, verbunden mit der Geschichte einer Künstlerin, Lili Reynaud-Dewar; das Ergebnis ist eine spannende Lektüre zwischen Kulturpolitik, Coming of Age, Starkult und Kunstkritik.
2. Der Recherche- und Organisationsaufwand für das Buch war sicherlich immens. Wie können wir uns den Prozess dahinter vorstellen?
matthias ulrich
Wir haben zunächst überlegt, welche Personen inner- und außerhalb der SCHIRN von Relevanz für ihre Biografie sein könnten und diese auf ihre 40-jährige Geschichte verteilt. Anschließend organisierten wir Interviews, die Lili unter vier Augen führte, entweder in Frankfurt oder per Telefon. Als sie ganz am Anfang des Projekts vor Ort war, um mit mir die Vorgehensweise zu besprechen, ging sie zwischendurch in die Büros der Kolleg*innen und sprach mit ihnen. Dieser Anfang lief unter dem Titel: Ghost in the SCHIRN.
Zahlreiche Ereignisse zusätzlich zu den über 400 Ausstellungseröffnungen, vor allem die nationale und lokale Kultur und Politik betreffend, recherchierte Lili in den größeren Tageszeitungen. Zuletzt hatte sie Zugang zu dem frühen Bildarchiv der SCHIRN, das die vordigitale Zeit in Form von Ektachromen (fotografische Filme zur Herstellung von Dias) dokumentiert hat, genauso wie zum digitalen Bildarchiv. Das Ergebnis sind 200 Abbildungen und etwa 500 Seiten Text, davon ungefähr die Hälfte die SCHIRN betreffend. Die andere Hälfte ist Lili Reynaud Dewars eigener Geschichte gewidmet, zu der sie auf ähnliche Weise vorging: Interviews mit Zeitzeug*innen, französische Politik, Fotosuche bei Freund*innen und Familie etc. Es war also tatsächlich ein relativ aufwendiger Prozess, der – wenn ich mich recht erinnere – im Oktober 2024, begann.
3. Am Jubiläumswochenende erwartet uns nicht nur der Release des Buchs, es wird auch eine Performance der Künstlerin geben. Damit ist die Zusammenarbeit aber noch nicht beendet – inwiefern ist die Publikation bereits ein abgeschlossenes Projekt oder aber Teil eines noch größeren, fortlaufenden Unterfangens?
sebastian baden
Stimmt, die Zusammenarbeit mit Lili entfaltet sich gewissermaßen über mehrere Akte. Nach dem Release wird sie das Buch zunächst am 9. Mai in Form einer performativen Lesung zusammen mit der deutschen Stimme von Anna Böger dem Publikum vorstellen. Lili ist bekannt für ihre tanzbasierten Performances, die gefilmt werden, bevor sie danach in die Ausstellung gelangen.
In unserem Fall wird sie auf ein Format zurückgreifen, das in dem Buch als wichtiger Teil ihrer künstlerischen und kuratorischen Praxis beschrieben wird: die Abendausstellungen im Atelier Maladie d’amour (Liebeskrankheit). Dahinter verbirgt sich eine Lesung oder ein Vortrag im kleinen Rahmen des Ateliers, der immer mehr Freund*innen und Bekannte anzieht. Auf vergleichbare Art werden wir auch anlässlich der Jubiläumsfeier mit der Künstlerin und dem Publikum aus dem Buch vortragen. Damit ist das Projekt aber noch lange nicht beendet.
MATTHIAS ULRICH
Die Publikation dient auch als Grundlage und Archiv für ein Ausstellungsprojekt, das als Wiedereröffnung der SCHIRN am Römer angedacht ist. Während die bekannten Ausstellungsräume geschlossen sind, wird Lili darin performen und Videos davon anfertigen, sodass wir die Vergangenheit mit der Gegenwart später ineinanderfließen sehen. Wie das Buch, kann auch diese Ausstellung neue Anschlüsse anbieten oder zumindest einen Moment der Stille, in der die Vergangenheit rekapituliert und neu fortgesetzt werden kann.
4. Gibt es eine Stelle im Buch, die euch besonders berührt oder überrascht hat. Welche?
SEBASTIAN BADEN
Es gibt in dem Buch viele Stellen, die Veränderungen und Brüche beschreiben; eine Institution wie die SCHIRN lebt nicht aus der Kontinuität, sondern aus den Herausforderungen und Aufbrüchen. Wie in der Kunst machen eigentlich Irritationen die Freude bei der Arbeit aus. Mich hat eine gewisse Zahl besonders beeindruckt: Dass die Stadt Frankfurt in den 1980er-Jahren bis zu 11% ihres Haushalts in die Kultur investiert hat; das ist ein Signal – Zeit zur Nachahmung!
Aus persönlicher Perspektive habe ich auch mit großem Interesse gelesen, wie sich Lili als Künstlerin ihren Weg bahnt. Dieser Prozess der Selbstverwirklichung ist faszinierend, auch weil er zeigt, wie sich Resilienz entwickelt.
MATTHIAS ULRICH
In meinem Fall – und Biografien sind ja immer auch Spiegel, in denen das eigene Leben distanziert wahrgenommen werden kann – erkenne ich mich und meine soziale Umwelt in Lilis Biografie an vielen Stellen wieder: die Musik, die sie hörte, die Bücher, die sie las, die Drogen, die sie nahm. In Marseille beschreibt sie einmal, wie sie die Tür zu einer Bar öffnet und mit einer schnellen Armbewegung ihre Perücke von ihrem rasierten Kopf nimmt, bevor sie an der Theke ankommt. Diese filmreife Szene erscheint mir sehr ausdrucksstark und bezeichnend für ihren ständigen Kampf des Dazugehörens und der Distinktionsaktivität – vermutlich eine in Aufstiegsbiografien weit verbreitete Haltung, die von außen meist fälschlicherweise als besonders radikal eingestuft wird. Und das nur, weil das Nichtkonforme und Nichtdazugehörende als schwächer, oder gar nicht existent wahrgenommen wird.
An der Geschichte der SCHIRN bewegt mich zudem die immerwährende Bedeutung des Gebäudes sowie die fortlaufende Diskussion über ihre topografische und architektonische Identität, die selbst in einer Phase der bislang größten Transformation weiter anhält: der vorübergehend geschlossenen SCHIRN am Römer und ihrem damit verbundenem Interimsstandort in Bockenheim. Vielleicht gehört dieses Unstete, diese permanente Auseinandersetzung mit dem Gebäude, dem Äußerlichen, mehr zur DNA der SCHIRN als sie bislang wusste.
5. In 3 Worten – wie würdet ihr das „perfekte Leben“ der SCHIRN nach Lektüre ihres Biopics beschreiben?
SEBASTIAN BADEN
Die SCHIRN hat eine abwechslungsreich kuratierte Biografie. Ihr Leben ist progressiv und dennoch voller Sensibilität und Spontanität!
MATTHIAS ULRICH
Das Leben der SCHIRN könnte man nach der Lektüre mit drei Worten zusammenfassen: energievoll, populär, glamourös.

