24 Stunden in: Venedig
27.05.2026
8 min Lesezeit
Es ist wieder so weit: Seit dem 9. Mai läuft die Biennale di Venezia. Gibt es einen besseren Grund, nach Venedig zu reisen? Wohl kaum, dachten wir uns und waren zum Opening vor Ort. Von legendären Eisdielen und versteckten Bars hin zu Off-Spaces und Läden, in denen man sich nur allzu gerne verliert – unser Guide für die perfekten 24 Stunden rund um die Kunst.
Zu Fuß oder mit dem Bötchen
Venedig ist die Stadt des endlosen Flanierens. Am besten ohne Zeitplan und Google Maps treiben lassen – durch enge Gassen, über unzählige Brücken und entlang der Kanäle, die sich wie ein verwinkeltes Labyrinth durch die Stadt ziehen. Während man sonst geschnürte Wanderschuhe braucht, funktioniert Venedig ganz anders: Hier läuft man in Friulane. Die bunten Samtschuhe, irgendwas zwischen Pantoffel, Ballerina und Loafer, sind vom Lieblingsschuh venezianischer Gondolieri längst zum It-Piece geworden. Sie stehen für italienisches Handwerk, zeitlose Eleganz und erstaunlichen Komfort. Mit ihrer weichen Samtoberfläche und der flexiblen Gummisohle gleitet man beinahe lautlos durch die Stadt, als würde man auf Butter laufen. Die Schuhe gibt es in der ganzen Stadt – einfach an einem Laden halten, z.B. Calzature Parutto nahe der Rialto Brücke, reinschlüpfen und loslaufen!
Und wenn die 10.000-Schritte-Marke überschritten ist, lohnt sich der Wechsel aufs Wasser: Der Vaporetto – Venedigs Wasserbus – gehört wohl zu den schönsten öffentlichen Verkehrsmitteln der Welt.
La Biennale di Venezia
Die La Biennale di Venezia findet alle zwei Jahre statt und hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 1895 zu einem der bedeutendsten Kunstevents weltweit entwickelt. Zentraler Schauplatz sind die Giardini della Biennale im östlichen Stadtteil Castello, wo 29 Länder in ihren nationalen Pavillons vertreten sind. Zahlreiche weitere Staaten zeigen ihre Beiträge während der Laufzeit an unterschiedlichen Orten im gesamten Stadtgebiet. Unabhängig von den Länderpavillons gibt es im Arsenale eine von Kurator*innen zusammengestellte thematische Ausstellung.
Tipp: Gerade am Haupteingang kommt es oft zu langen Wartezeiten. Am besten nutzt man stattdessen die Seiten oder Nebeneingänge. Und auch auf Essen und Getränke auf dem Gelände kann man gut verzichten. Direkt beim Hintereingang der Giardini liegt die Osteria da Pampo, eine unkomplizierte Adresse für gutes Essen, entspannten Lunch oder Tramezzini auf die Hand.
1. Dayanita Singh im Archivio di Stato
Wer Schwarz-Weiß Fotografie nicht auf seiner Biennale Bingo Bingo Card hatte, wird von der Ausstellung „Archivo“ von Dayanita Singh im Archivio di Stato umso mehr überrascht und begeistert sein. Die Show zeigt atemberaubend schöne Schwarz-Weiß Fotografien, die zwischen Dokumentation, Erinnerung und stiller Poesie changieren. Die Künstlerin verbindet ihr persönliches Archiv aus über 25 Jahren mit Einblicken in das historische Stadtarchiv Venedigs. Entstanden ist eine poetische, fein kuratierte Ausstellung über Erinnerung, Fotografie und das Archivieren selbst. Zwischen italienischer Architektur, Kunstwerken, Blumen und Begegnungen entfaltet sich Singhs ganz eigener Blick auf Italien und seine Geschichten.
2. Yalda Asfah im Ca’Buccari
Zwischen den Giardini der Biennale und dem ruhigen Stadtteil Sant’Elena beschäftigt sich die Künstlerin Yalda Afsah in der Stadt des Karnevals mit gesellschaftlichen Ritualen. In ihrem neuesten Film „PAN“ (2026) richtet Afsah den Blick auf einen Ort, an dem sich eine andere Form von Gemeinschaft bildet. Seit 1920 versammeln sich jeden August Tausende in den bulgarischen Bergen, um gemeinsam die Paneurhythmie zu tanzen, eine kollektive Choreografie, in der sich das Individuum einem höheren Sinn unterordnet. Durch die Augen der Künstlerin auf dieses Ritual zu schauen ist gleichermaßen beruhigend wie faszinierend.
3. Videoausstellung „Canicula“ in der Complesso dell’Ospedaletto
In einer alten Kirche blickt man nicht mehr durch die Linse des Glaubens, sondern durch die der Linse der Kamera auf die Welt. Die Ausstellung „Canicula“ der Fondazione In Between Art Film eröffnet eine der eindrucksvollsten visuellen Erfahrungen der Kunstbiennale 2026. Die Gruppenausstellung verhandelt Bilder, Propaganda, Krise und Aufmerksamkeit – und stellt dabei die Frage, was es heute wirklich bedeutet, zu sehen.
4. Lydia Ourahmane in der Nicoletta Fiorucci Foundation
Unweit davon liegt die Ausstellung „5 Works“ von Lydia Ourahmane in der Nicoletta Fiorucci Foundation. Schon beim Betreten liegt der Duft einer warmen, würzigen Brühe in der Luft. Für einen Moment glaubt man, nebenan bereite ein Restaurant gerade das Abendessen vor. Im oberen Teil des Raums stehen klassische Hotelwagen voller weißer Wäsche, in einem anderen kocht ein großer Topf Suppe. Wie so oft arbeitet Ourahmane mit physischer Präsenz und räumlicher Inszenierung. Ihre Arbeiten schaffen Situationen, die sich irgendwo zwischen minimalistischer Skulptur, Monument und archaischem Ritual bewegen und die Besucher*innen unmittelbar in das Werk hineinziehen.
5. „Still Joy: From Ukraine into the World“ im Palazzo Contarini Polignac
Das Pinchuk Art Centre eröffnet mit zwei Videos des Künstlerduos Roman Khimei und Yarema Malashchuk die Gruppenausstellung „Still Joy: From Ukraine into the World“ im Palazzo Contarini Polignac.
Das Video von 2019 steht einem Werk von 2023 gegenüber, entstanden im Kontext des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Die Arbeiten „Dedicated to the Youth of the World I und II“ zeigen nahezu identische Szenen: Jugendliche in einem Club und den Moment, in dem sie die Party bei Tageslicht verlassen. Die Handlungen bleiben gleich, doch die Welt, in der sie stattfinden, hat sich in diesen Jahren radikal verändert.