18. Juni 2018

Die Ausstellung „Gewalt und Geschlecht“ im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden hat sich ein ebenso aktuelles wie komplexes Thema ausgesucht: das Zusammenwirken von Macht, Gewalt und Geschlechterrollen.

Von Felicitas von Mallinckrodt

Es ist die umfangreichste Sonderschau seit Eröffnung der neuen Dauerausstellung von 2011. Ein großes Vorhaben, dem man mit rund 1.000 Exponaten auf einer Fläche von knapp 2.000 qm auch den entsprechenden Raum gibt. Dabei ist die einleitende Schau künstlerischer Interventionen auf dem Außengelände noch nicht mitgerechnet. Diese „Targeted Interventions“ mit unter anderem Arbeiten von Louise Bourgeois, Birgit Dieker, Sylvie Fleury, und den Guerrilla Girls stimmen die Besucher darauf ein, was in den beiden Ausstellungsräumen auf sie wartet: überraschende Konstellationen, kontroverse Diagnosen und ambivalente Standpunkte.

Gibt es geschlechterspezifisches Gewaltverhalten oder unterliegt es bloß kulturellen Prägungen? Ist Krieg also männlich, Frieden dagegen weiblich? Wie stand und steht es um das Klischee vom mächtigen und ohnmächtigen Geschlecht? Wer hier auf der Suche nach eindeutigen Antworten ist, den wird die Ausstellung zunächst enttäuschen, dann aber mit spannenden Denkanstößen belohnen. Statt eines einheitlichen Erzählstrangs ist „Gewalt und Geschlecht“ in eine theatral anmutenden Inszenierung von sechs Themen unterteilt. Diese fächern sich wiederum in mehrere Unterbereiche auf, in denen sich die Exponate assoziativ verknüpfen.

Wie stand und steht es um das Klischee vom mächtigen und ohnmächtigen Geschlecht?

Alles beginnt – wie im Theater – mit einem Prolog: Hier sind Schlachtengemälde und Soldatenporträts zu sehen, die ihre Besonderheit erst auf der Rückseiten der Repliken enthüllen: Die Bilder wurden von Frauen gemalt. Und dies zu Zeiten, in denen man ihnen künstlerische Gestaltungskraft grundsätzlich absprach. Zwischen den heroischen Bildtopoi und den von struktureller Benachteiligung geprägten Biografien der Künstlerinnen öffnet sich die Spannung zwischen Klischee und Wirklichkeit vermeintlich klarer Geschlechterrollen, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht.

Trostfrauen (Comfort Women) – Wainem Fotograf: Jan Banning, Mojogedang (West Java), 1925–2012

Diese widmet sich eingangs verschiedenen Phänomenen, in denen Macht, Gewalt und Herrschaft – zumeist von Männern über Frauen – zum Ausdruck kommen. Dabei stehen einzelne Schicksale, wie das der Jesidin Salwa R., die vom IS als Sexsklavin missbraucht wurde und deren Kleidung gezeigt wird, neben Formen struktureller Gewalt, wie Sexismus und Frauenfeindlichkeit in Staat, Religion und Wissenschaft.

Es geht um Fragen der männlichen Herrschaft, weibliche Gegenentwürfe und das Aufbrechen dualistischer Rollen

Ausgehend von dieser ersten Diagnose männlicher Dominanz beginnt eine Art weibliche Gegenerzählung: Frauen an der Regierungsmacht von Katharina der Großen bis Angela Merkel, Pionierinnen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, Kämpferinnen in historischen wie heutigen Schlachten – sie alle zeugen von macht- und gewaltvollem weiblichen Handeln, das trotz männlicher Vorherrschaft möglich war und ist. Der Rolle von Frauen im Militär sowie ihr unterstützendes als auch sich widersetzendes Agieren in der Zeit der NS-Diktatur kommt dabei große Aufmerksamkeit zu. Dem Bild der ohnmächtigen Frau in der Opferrolle stehen hier zahlreiche Beispiele weiblicher Ermächtigung (im Positiven wie im Negativen) gegenüber und brechen dualistische Rollenzuschreibungen auf.

Birgit Dieker, Crazy Daisy (c) VG Bild-Kunst Bonn, Foto: MHM/Ulke

Das heutige Verhältnis der Geschlechter ist in Europa zwar von Friedenszeiten geprägt, aber deshalb noch lange nicht friedlich. Komplexe Beziehungsstrukturen können sowohl erfolgreiche „Power Couples“ hervorbringen (in großer Zahl an zwei Wänden zu bewundern), als auch zu schicksalhaften Verstrickungen führen. Dies zeigt beispielsweise die Geschichte der Familie Mann, in der strenge, mehrere Generationen prägende Regeln herrschten und deren Familienbibel zu den Exponaten der Ausstellung gehört. Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern treten zwar auch in körperlicher Gewalt zutage, äußern sich aber häufiger strukturell. Weibliche wie männliche Körperlichkeit spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Machtstrukturen, die heutigen Idealvorstellungen und Rollenverständnissen beider Geschlechter zugrunde liegen, werden in der Ausstellung an vielen Exponaten deutlich.

Portrait der Doña Catalina de Erauso Juan van der Hamen y Léon (1596–1631), Spanien, ca. 1625

„Gewalt und Geschlecht“ ist, wie der Titel schon verrät, keine einfache Ausstellung. In der überbordenden Vielfalt ihrer Themen und Exponate, die sich im Raum durch einen auf Schienen laufenden Vorhang zu immer neuen Konstellationen gruppieren, verlangt sie Offenheit für Assoziationen und überraschende Erzählweisen. Dann schafft sie jedoch einen ebenso herausfordernden wie inspirierenden Raum des Nachdenkens und der engagierten Diskussion über Fragen zum Verhältnis der Geschlechter, auf die es eben keine einfachen Antworten gibt.

Judith mit dem Haupt des Holofernes (nach L. Cranach d.Ä.) / MHM / Andrea Ulke