23. Januar 2019

Über Jahrzehnte hat Mark Dion ein Sammelsurium wundersamer Fundstücke angelegt. Wir durften sein heimisches Kuriositätenkabinett betreten und haben dabei allerhand Entdeckungen gemacht.

Von Natalie Wichmann

Dion betritt wieder den Raum, in der Hand eine altmodische Porzellantasse mit einem ristorangefarbenen Blumenmuster mit heißem, leicht dampfendem Tee. Ich sage ihm, dass ich seine Sammlung sehr beeindruckend finde und frage, was einen Gegenstand für ihn interessant macht. Er lächelt und antwortet beinahe schüchtern: „Na ja, es gibt Dinge im Hintergrund, die weniger spezifisch sind und die vor allem eine bestimmte Stimmung oder Atmosphäre kreieren, und dann gibt es Dinge im Vordergrund, die die Last der Bedeutung tragen müssen. 

Stell Dir vor, Du füllst ein Regal mit Büchern, aber nur eines legst Du auf den Tisch, dann erhält dieses Buch ein anderes Gewicht. Ich mag den theatralischen Aspekt von Installationen. In meiner Vorstellung sind die Betrachter meiner Arbeiten Detektive und ich habe den Tatort inszeniert. Auf diese Weise wird Bedeutung erzeugt.“ Da Dion kein eigenes Atelier hat, wandern viele der Objekte, die er für seine Installationen benutzt, durch seine Wohnung bzw. sein persönliches Umfeld. Wo mancher ein Lieblingsstück nur ungern gehen lässt, empfindet Dion dies ganz anders: „Es gibt Dinge, die ich sehr mag, weil sie schön sind, eine besondere Ästhetik oder eine feine Patina des Gebrauchs haben, aber ich muss sie nicht unbedingt besitzen. Wenn sie Teil einer Installation werden, ist das eigentlich optimal. Denn in gewisser Weise kann ich sie behalten, sie werden immer ein Teil von mir und mit mir assoziiert bleiben, aber ich trage nicht die Last, mich um sie kümmern zu müssen.“

Hinter den Bücherstapeln lugt das Gesicht eines Opossums hervor

Er springt aus seinem Stuhl auf und eilt zu den großen Bücherstapeln, die auf den Glasvitrinen im Flur thronen und beginnt, hektisch zu suchen. „Wo ist es denn? Ich habe hier irgendwo die Ausgabe des einzigen Buchs in unserem Haus, an das ich mich erinnern kann. Ah, hier ist es!“ 

Foto: Natalie Wichmann

Er zieht ein vergilbtes und zerfleddertes Taschenbuch heraus. Hinter den Bücherstapeln lugt das Gesicht eines Opossums hervor. „Hier: ‚A Golden Guide: Seashores‘. Ich bin am Meer aufgewachsen und dies ist das einzige Buch, das wir besaßen. Aus diesem Buch zog ich die bedeutsame Erkenntnis, dass man alle diese Dinge am Strand benennen und kennen und der großen Verwirrung ein Ende setzen kann. Die Bezeichnungen dieser Organismen lassen sich tatsächlich nachschlagen und man kann etwas über ihre Lebenszyklen und Aktivitäten lernen.“ 

Die Natur und ihre Erhaltung sind schon lange Thema in Mark Dions Arbeit

Von einem gewissen Eifer erfüllt, mir seine liebsten Objekte zeigen zu wollen, öffnet er einen Glaskasten und nimmt einen Stapel alter Merkkarten mit Tiermotiven heraus. „Sie dienen der Vogelbestimmung. Sind sie nicht wunderbar? Sie zählen zu meinen wertvollsten Schätzen, vor allem die mit den prähistorischen Tieren, da ich als Kind auch völlig verrückt nach Dinosauriern war.“

Foto: Natalie Wichmann

Mit leicht geröteten Wangen läuft er schnell in das Esszimmer zu einer anderen Vitrine voller Kleinode. Auf dem Weg dorthin bleibt er plötzlich vor dem Sofa stehen, auf dem es sich der Hund gemütlich gemacht hat. „Hera, du frierst doch, ich glaube du brauchst eine Decke.“ Er nimmt die grauweiße Decke von der Armlehne und legt sie um den leicht zitternden Hund, der dankbar seinen Kopf hineinwühlt. „Sie ist ein Windhund, so verbringt sie den größten Teil ihres Tages.“ Wir lassen Hera dösen und widmen uns dem nächsten bemerkenswerten Objekt: dem 3D-Druck eines Fisches.

Es handelt sich um das kleine Modell eines seiner jüngeren Projekte, einer öffentlichen Skulptur in Stavoren in den Niederlanden. Dion ist mittlerweile völlig in seinem Element und erläutert mir den gesamten Entwicklungsprozess dieser Arbeit. Angefangen von ersten roten und blauen Skizzen – er skizziert Projekte meistens mit roten oder blauen Stiften – bis zum Computermodell, der 3D-gedruckten Version und schließlich dem riesigen Fischbrunnen im Zentrum der Stadt.

Foto: Natalie Wichmann

„Also die Kuratoren waren zuerst nicht wirklich begeistert. Sie meinten, das ist wie Disneyland, der bringt die amerikanische Disney-Besessenheit in die Niederlande und ich sagte‚ ihr müsst mir vertrauen, und mittlerweile lieben natürlich alle den Fischbrunnen. Diesen Prozess braucht es aber; man muss die Dinge eben vorsichtig erkunden.“ Die Natur und der Diskurs über ihre Erhaltung sind schon lange Thema in Mark Dions Arbeit.

Eines seiner bekanntesten Werke „Mobile Wilderness Unit“ ist aktuell in der SCHIRN zu sehen. Es besteht aus einem ausgestopften Wolf, der auf einem offenen Anhänger steht, ausgestattet mit Materialien aus dem natürlichen Lebensraum des Wolfes, wie Ästen und Gras. „Wildnis ist eigentlich ein problematischer Begriff. Er gehört zu jenen Begriffen, über den Leute aus dem Bereich Natur- und Flächenschutz sehr viel debattieren, nachdenken und schreiben. William Cronon hat in seinem berühmten Aufsatz ‚The Trouble with Wilderness‘ einen zentralen Gedanken formuliert. Wir leben in einer Zeit der urbanen Verdichtung; die Bevölkerung wandert vom Land in die Städte ab. 

Foto: Natalie Wichmann

Diejenigen von uns, die sich mit der Bewahrung wilder Dinge und Orte befassen, wissen nur zu gut, dass die Leute niemals für etwas kämpfen werden, womit sie nicht wirklich Kontakt hatten. Wenn man nichts über Elefanten weiß oder niemals einen leibhaftig gesehen hat, warum sollte man sich dann um ihren Schutz Gedanken machen?“ „Das führt zu einem Problem und es gibt eigentlich keine Lösung dafür: Sollen wir die Menschen aus der Stadt hinaus in die Wildnis führen? Oder bringen wir die Wildnis zu ihnen?

Die Arbeit greift diesen Diskurs auf humorvolle Weise auf, da der Anhänger an alle möglichen Orte transportiert werden kann, um den Wolf in seinem natürlichen Lebensraum vorzuführen. Aber es spielt auch eine gewisse Kritik an der Idee hinein, dass es ausreicht, den Leuten die wilde Natur vor Augen zu führen, um ihr Bewusstsein dafür zu schärfen. Wie alle meine Arbeiten ist auch diese von Melancholie geprägt, die allerdings durch Humor abgemildert wird.“ Ich frage ihn, ob er glaubt, dass das Thema Wildnis in Kunstprojekten der Zukunft eine Rolle spielen wird? 

Sie meinten, das ist wie Disneyland, der bringt die amerikanische Disney-Besessenheit in die Niederlande und ich sagte‚ ihr müsst mir vertrauen.

Mark Dion
Mark Dion, Mobile Wilderness Unit, 2006, Courtesy: Georg Kargl Fine Arts, Vienna, Foto: Wolfgang Günzel

Er hält einen Moment inne und denkt nach. Schließlich seufzt er und sagt: „Ich denke, es wird immer diese romantische Vorstellung und Anziehungskraft von Wildnis geben. Allerdings weiß ich nicht, ob dies der Diskussion darüber, was für ihre Erhaltung in der Zukunft wesentlich ist, nicht eher abträglich ist. Ich glaube, es ist wichtig, wilde Orte zu bewahren, damit wir sozusagen eine Blaupause des ursprünglichen Zustands haben. Als Gesellschaft können wir uns das erlauben. Wir müssen nicht auch noch die letzten wilden Orte auf der Erde abholzen und nutzbar machen.“ 

Jedes Kuriositätenkabinett braucht ein Krokodil

In Dions Arbeit kommt nicht nur immer die Kritik an unserer Darstellung von Natur zum Tragen sondern auch an der Art und Weise, wie wir sie erhalten wollen. Daher tritt er gerne in einen Dialog mit der Öffentlichkeit über diese und andere Fragen und arbeitet selbst auch an verschiedenen öffentlichen Kunstprojekten mit. Seine letzte Arbeit „Cabinet of Wonder“ ist ein großes Kuriositätenkabinett, welches Dion für den „Gathering Place“ (dt. Versammlungsort), einen öffentlichen Park mit einem Kunstprogramm in Tulsa, Oklahoma, eigenständig entworfen und mit Leben gefüllt hat.

Mark Dion, The Library for the Birds of London (Detail), 2018, Image via artmap.com

Mark Dion, The Wonder Workshop, 2015, Foto: Jeff Spicer/PA Wire, Image via artmap.com

Das Projekt bot Dion eine carte blanche für absoluten künstlerischen Freiraum. Und obwohl das theoretisch nach einer netten Idee klinge, so Dion, sei „das Publikum in Tulsa eben nicht das Publikum von New York City. Der ganze Park ist eigentlich für Kinder konzipiert“. Daher wollte er einen Ort wie den Fischbrunnen in Stavoren schaffen, bei dem, „der Schwerpunkt auf Vergnügen und Staunen und weniger auf Analyse und Kritik“ liegt. Und außerdem muss natürlich ein Krokodil von der Decke hängen, denn „jedes Kuriositätenkabinett braucht ein Krokodil.“

Mark Dion, Cabinet of Wonder, 2018, Image via tulsaworld.com