24. Januar 2019

Was macht ein Eisbär auf der Heizung und ein Krokodil an der Decke? Auf eine Tasse Tee in der heimischen Wunderkammer des Künstlers Mark Dion in New York.

Von Natalie Wichmann

An einem kalten Oktobermorgen, mit dem ersten Geruch von Kaminfeuer in der Luft, verlasse ich die Subway ganz oben in Washington Heights, um mit dem Künstler Mark Dion über seine Arbeit und vor allem seine „Mobile Wilderness Unit“ zu sprechen, die in der WILDNIS Ausstellung der SCHIRN zu sehen ist. Ich laufe an Straßenhändlern vorbei, die billige Kleidung und Fastfood verkaufen und an einem kleinen Wochenmarkt unmittelbar neben dem United Palace, einem jener Filmtheater aus den 1930er Jahren, die heute spirituelle Zentren beherbergen.

Mark Dion wohnt in einem der für dieses Viertel typischen prachtvollen Vorkriegsgebäude. Ich klingele und er betätigt den Türöffner. Als ich vor seinem Apartment ankomme, steht er schon an der Tür und begrüßt mich mit einem freundlichen Lächeln. Er trägt ein weiß-blau-kariertes Oxfordhemd und eine beige Khakihose. Sein graues Haar ist kurz, aber in den Spitzen noch etwas gewellt.

Es ist vor allem das Dekor, das diesen Räumen ihre beson­dere Wirkung verleiht

Dion ist dafür bekannt, dass er sich die Methoden von Naturkundemuseen, Wissenschaft und Archäologie zunutze macht, um mittels seiner selbst gebauten Kuriositätenkabinette unser Verhältnis zur Natur zu erkunden und zu hinterfragen. Diese auch als „Wunderkammer“ bezeichneten Sammlungen von Objekten aus verschiedenen Bereichen wie Naturgeschichte, Geologie, Archäologie, Religion oder Kunst entstanden im 16. Jahrhundert. Die früheste Darstellung eines Kuriositätenkabinetts findet sich in Ferrante Imperatos „Dell’Historia Naturale“ (Neapel 1599), das von oben bis unten mit präparierten Fischen und Säugetieren, Muscheln, Büchern, Mineralien und in der Mitte der gewölbten Decke sogar mit einem ausgestopften Krokodil voll war.  

Mark Dion, Porträt, Foto: Natalie Wichmann

Mark Dions Apartment zieht mich sofort in seinen Bann: diese Art von großzügiger Vorkriegsarchitektur ist der Traum eines jeden New Yorkers. Hohe Decken, weite Räume, Dielenböden und die charakteristischen verzierten Stuckleisten. Aber es ist vor allem das Dekor, das diesen Räumen ihre besondere, beinahe träumerische Wirkung verleiht. Es ist, als würde ich Dions persönliche „Wunderkammer“ betreten, sein ganz eigenes Kuriositätenkabinett aus Figurinen, Geweihen, Nippes und Andenken, kleinen ausgestopften Tieren, Spiegeln, unzähligen Bilderrahmen und Büchern, so vielen Büchern. Im Hintergrund die sanfte Stimme von Otis Redding, er singt über das Vergeuden von Zeit, etwas dem man sich hier Tag und Nacht hingeben könnte und man hätte immer noch nicht alles gesehen. 

Ferrante Imperato, Dell'Historia Naturale, 1599

Aus dem Nichts taucht ein dünner, grauer Hund auf und wuselt um meine Beine. „Das ist Hera“ ruft Dion aus der Küche; er ist irgendwo in den Tiefen der Wohnung verschwunden, während ich all diese Objekte um mich herum inspiziere. Ich nehme mein Notizbuch aus der Tasche und folge ihm durch einen hübschen kleinen Flur in die blassrosa gestrichene Küche. „Möchtest du einen Kaffee? Ich habe allerdings keine Milch. Oder vielleicht einen Tee?“„Gerne einen Tee, English Breakfast, wenn du hast.“ Das Gefühl, von einer Wunderkammer in die nächste zu geraten, setzt sich von Raum zu Raum fort; nur das Motto verändert sich. In der Küche sind es antike Küchengeräte wie Kuchenbleche, Cupcake-Formen und Plätzchenausstecher.

Das Gefühl, von einer Wunderkammer in die nächste zu geraten, setzt sich fort

Dion stellt den Teekessel auf den Herd und führt mich in das purpurrote Esszimmer. In der Mitte steht ein großer Holztisch, der gleichzeitig als Arbeitsplatz und Ausstellungsfläche dient, an dem aber auch gegessen und geredet wird. Die Fenster und Türöffnungen sind von schweren gemusterten Chintzvorhängen eingerahmt, sie verleihen dem Raum eine gewisse Theatralik und entsprechen insofern ganz dem Hang des Bewohners zum Dramatischen.

Foto: Natalie Wichmann
Foto: Natalie Wichmann

Mark Dion ist 1961 in New Bedford, einem kleinen Küstenort in Massachusetts, geboren. Aufgewachsen ist er in einer Arbeiterklassenfamilie: „Meine Eltern waren sehr einfache Arbeiter, meine Mutter hat bestimmt in ihrem ganzen Leben kein einziges Buch gelesen.“ Als Kind hat er sich für die Natur interessiert und seine Freizeit damit verbracht, die Küsten von Neuengland zu erkunden. Es war schließlich der Kunstunterricht an der High School, der sein Interesse an der Kunst geweckt hat.

„Ich hatte einen ziemlich gelassenen Kunstlehrer. Er schaltete das Radio ein und ließ uns im Klassenzimmer alleine. Ich gewann den Eindruck, dass Kunst mit persönlicher Freiheit, Verantwortlichkeit und Eigenmotivation einhergeht, alles Dinge, die mir wirklich wichtig waren und die eine gewisse Begeisterung in mir auslösten.“ Dion bewarb sich also an Kunsthochschulen und erhielt schließlich einen Platz an der Hartford Art School der University of Hartford. Dort entwickelte er schnell eine große Leidenschaft für Gegenwartskunst, nachdem er mit den Arbeiten von Künstlern, wie Dan Graham, Helen Frankenthaler, Kenneth Anger, Ana Mendieta und anderen in Kontakt kam.

Ich gewann den Eindruck, dass Kunst mit persön­li­cher Frei­heit, Verant­wort­lich­keit und Eigen­mo­ti­va­tion einher­geht.

Mark Dion
Küste, New England, Foto: Natalie Wichmann

Doch obwohl er seiner Berufung gefolgt war, spürte er, dass irgendetwas nicht ganz stimmte. „Ich führte irgendwie ein schizophrenes Leben. Am Wochenende ging ich mit meinen Freunden zelten und fischen und unter der Woche diskutierte ich mit einer anderen Gruppe von Freunden über Foucaults Begriff von Macht oder Derrida.“ 

Es ist vor allem die Kulturgeschichte der Natur die Dion interessiert

Er spricht leise, seine Hände liegen locker gefaltet auf dem Tisch. Sein Telefon klingelt ein- oder zweimal, aber er ignoriert es zunächst. „Es dauerte lange, bis ich wieder über die Natur nachzudenken begann. Ausschlaggebend waren Autoren wie der Evolutionsbiologe Stephen Gould, der die aktuellen kritischen Denkrichtungen mit einem Blick auf die Geschichte von Naturdarstellungen verband. Da schloss sich für mich der Kreis und ich erkannte, dass ich meine Energie nicht auf Dinge verwenden muss, die mich nicht interessieren. Vielmehr kann ich sie tatsächlich auf die Dinge anwenden, die ich am meisten liebe. Das scheint heute mehr als offenkundig, aber ich habe lange Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass es vor allem die Kulturgeschichte der Natur ist, die mich interessiert.“

Foto: Natalie Wichmann

Nachdem Dion begonnen hatte, Natur und Kunst auf seine einzigartige Weise zusammenzuführen, indem er sich die Methoden zunutze machte, die seit dem 16. Jahrhundert in Naturkundemuseen zur Anwendung kamen, arbeitet er hauptsächlich ortsbezogen. Das heißt seine Werke entstehen nicht in einem Atelier, um dann irgendwann irgendwo ausgestellt zu werden, vielmehr sind sie an einen bestimmten Ort gebunden. „Ich suche den jeweiligen Ort auf und versuche, offen zu sein, zu zuhören und seine Eigenart zu erfassen. Was ist das besondere Merkmal DIESES Ortes? Es ist natürlich der Kontext, seine soziale Geschichte, seine architektonische Geschichte, bedeutende Persönlichkeiten, die hier waren und wohl auch ein bisschen Zeitgeist, die eine Rolle spielen.“

Der Teekessel pfeift und Dion eilt in die Küche, um meinen Tee aufzugießen. Ich nutze die Gelegenheit und erkunde einige der merkwürdigen Objekte in diesem Raum. Auf der Klimaanlage sitzt ein Eisbär aus Porzellan, der mich über die Schulter von Dion schon eine ganze Weile angeblickt hat. Unter einer Glasglocke sind zwei künstliche Korallen zu sehen, auf einem kleinen Beistelltisch brennt eine Kerze neben einer Vogelskulptur.

Ich suche den jewei­li­gen Ort auf und versu­che, offen zu sein, zu zuhö­ren und seine Eigen­art zu erfas­sen. Was ist das beson­dere Merk­mal DIESES Ortes?

Mark Dion
Foto: Natalie Wichmann

An der den Raum umgebenden hölzernen Wandleiste sind Postkarten angebracht, eine Schneiderpuppe trägt eine russische Pelzmütze. Die Fülle der Dinge lässt die Räume jedoch nicht überladen wirken, vielmehr überkommt den Besucher jenes besondere Gefühl, das nur ein Haus verströmt, dessen Inhalt über lange Zeit zusammengetragen und beinahe schon kuratiert wurde. Dion betritt wieder den Raum, in der Hand eine altmodische Porzellantasse mit einem ristorangefarbenen Blumenmuster mit heißem, leicht dampfendem Tee. Ich sage ihm, dass ich seine Sammlung sehr beeindruckend finde und frage, was einen Gegenstand für ihn interessant macht.

Foto: Natalie Wichmann