Hip-Hops fünfzigster Geburtstag gibt uns Anlass, alte Platten und Mixtapes zu hören und noch einmal die wichtigsten Hip-Hop-Filme der letzten Jahrzehnte anzusehen. Auch wenn niemand so genau weiß, was für ein Genre das genau sein soll.

„Yellow Submarine“ war der Film, den ich immer und immer wieder zurückspulte, von dem ich einfach nicht genug bekommen konnte. Einen Film sehen zu können, der meinem 10-jährigen, hungrigen Beatles-Fan-Herz zusätzlich zu der Musik, nach der es sich es sich verzehrte, auch noch eine visuelle Geschichte erzählen konnte, war wie ein High – ein Katalysator auf das Gefühl, das mir die Musik ohnehin schon gab. „Yellow Submarine“ war die perfekte Einstiegsdroge für meine später eintretende Musikvideosucht.

Genreübergreifend arbeiten natürlich die allermeisten Filme mit der Magie, die entsteht, wenn Musik und Bild zusammentreffen. Das Genre des Musikfilms jedoch zentriert die Musik, anstatt sie zu seiner Begleitung zu machen. Egal ob die Musik und die Musiker*innen den Plot bestimmen, oder ob sie gewählt wurden, um wie in den großen Filmklassikern der Fünfzigerjahre die Handlung und Gefühle zu erzählen – nach dem Abspann hallen in uns vor allem Melodien nach. Wer „Hustle & Flow“ gesehen hat, einen Film, der vermutlich in jedem Listicle der besten Hip-Hop-Filme aller Zeiten zu finden ist, ist mit großer Sicherheit auch einige Wochen lang mit einem Ohrwurm von Three Six Mafia herumgelaufen – nicht umsonst erhielt „Hard out Here for a Pimp“ 2006 den Oscar für Best Original Song.

Wenn wir von Hip-Hop sprechen, meinen wir heute vor allem Musik. Bei dem Versuch, Hip-Hop-Filme als Subgenre des Musikfilms zu verstehen, gerät man allerdings schnell in Schwierigkeiten. Musik ist zwar neben der Mode der Aspekt dieser Kultur, dem es gelang, Hip-Hop in die Welt zu tragen, doch sie ist eben nur ein Teil von ihr. Wenn Hip-Hop-Filme nicht nur Musikfilme sind, welche Erkennungsmerkmale definieren dieses Genre dann?

Handeln Hip-Hop-Filme wirklich von Hip-Hop?

Damals vielleicht noch viel mehr als heute, gehen mit der Zugehörigkeit zu dieser Bewegung auch philosophische Konzepte, eine politische und soziale Haltung und ein Lebensstil einher. Und ganz ursprünglich spielte die Herkunft ebenfalls eine Rolle. Hip-Hop entstand als Jugendkultur Schwarzer amerikanischer Menschen der Arbeiterklasse. Insofern ist es verständlich, dass wir, wenn wir über Hip-Hop-Filme sprechen, nicht nur an Werke denken, in denen die Musik dieser Kultur im Mittelpunkt steht, sondern –  vielleicht auch ein wenig weiter gefasst – die Kultur als Ganzes zentraler Punkt des Films ist. An dieser Stelle wird der Grat allerdings sehr schnell sehr schmal. Denn ja, Hip-Hop ist mit Sicherheit eine ursprünglich Schwarze Kultur. Aber Schwarze Kultur ist weitaus mehr als Hip-Hop.

Viele der Filme, die wir heute als Hip-Hop-Filme zusammenfassen, erzählen überhaupt keine Geschichte über Hip-Hop. Es sind Werke Schwarzer Autor*innen, die von Schwarzen Regisseur*innen inszeniert wurden, in denen uns Geschichten aus einer Nicht-Weißen Perspektive erzählt werden. Sie veranschaulichen Dynamiken Nicht-Weißer Lebensrealitäten und geben uns ein „Worldbuilding”, in denen Weiße Menschen nicht die Mehrheit darstellen. Vor diesem Hintergrund entstehen Figuren, deren Identität ihr Handeln zwar bedingt, aber bei denen es nicht unbedingt darum geht, eine Geschichte aus ihren Identitäten zu machen. Diese Verwechslung sorgt immer wieder dafür, dass vor allem der deutsche, weiße Blick auf afroamerikanische Filmkunst die Pluralität Schwarzer Kunst und Kultur verkennt.

Vor allem in Deutschland enden die Versuche, eine diversere Filmlandschaft zu gestalten und Geschichten zu fördern, die Nicht-Weißes Leben abbilden, immer wieder darin die Nicht-Weiße Identität der Figur zum Plot zu machen, anstatt sich auf die Nicht-Weiße Perspektive der Figur zu konzentrieren. So entstehen vor allem hier oft Stoffe, bei denen wir Nicht-Weißen Personen beim Nicht-Weiß sein zuschauen, anstatt zu sehen wie sie lügen, sich verlieben, oder etwas Spezifisches tun oder wollen. Der amerikanische Film ist diesbezüglich viel weiter. Das nicht zu erkennen, wäre beinahe ungerecht.

Ein toter Winkel: Die Pluralität Schwarzer Lebensrealität

Wenn wir Schwarze Perspektiven im amerikanischen Film mit Hip-Hop gleichsetzen, entsteht die Gefahr, dass sobald Schwarze amerikanische Filmemacher*innen versuchen, sich auszudrücken, die eigentliche Geschichte des Films in den Hintergrund gedrängt wird, und es vielmehr die Ästhetiken sind, die in den Vordergrund gerückt werden. Diese Ästhetiken werden mit Hip-Hop assoziiert, wenn es sich um Figuren handelt, die aus den gleichen Umständen entstanden sind, aus denen Hip-Hop hervorging. Mit dem Zusammenfassen Schwarzer Kunst als Hip-Hop-Kunst, wird die Pluralität Schwarzer Lebensrealitäten übersehen.

Wenn „Do The Right Thing“ – eine politische Tragikomödie die sich mit Strukturen der Apartheid beschäftigt – ein Hip-Hop-Film ist, weil Public Enemy den epischen Soundtrack zu diesem wichtigen Film geliefert hat und eine der Figuren stets mit einer Boombox auftaucht, warum ist „Love Jones“, ein Liebesfilm in dem sich die Protagonist*innen in einem Spoken Word Club begegnen, in dem Jazz gespielt wird, dann kein Jazzfilm? Und wenn Dr. Dres und Queen Latifahs Mitwirken im Heist–Crime-Klassiker „Set it Off“ ausreicht, um den Film zu einem Hip-Hop-Film zu erklären, warum ist „American Gangster“ dann nicht auch ein Hip-Hop-Film? Schließlich spielen sowohl der Rapper T.I. als auch der Rapper Common in diesem autobiographischen Crime Thriller an Denzel Washingtons Seite.

Der Einfluss, den Hip-Hop-Kultur auf Schwarze amerikanische Filmemache*innen und ihre Arbeit hatte und bis heute hat, ist in vielen wichtigen Filmen kaum zu übersehen. Ich frage mich dennoch, ob er ausreicht, um ein Genre zu behaupten. John Singleton verstand sich selbst als den ersten Filmemacher der Hip-Hop-Generation. Seine Arbeiten umfassen dabei aber Liebesgeschichten, Coming-of -Age-Erzählungen und historische Dramen.

Als der VHS-Recorder langsam vom DVD-Player abgelöst wurde, interessierte ich mich weder für John Lennon noch für Leslie Caron. Ich interessierte mich kaum noch für Filme ohne Schwarze Protagonist*innen. 2002 kritzelte ich meinem Vater die Titel „Poetic Justice“, „The Color Purple“, „Friday“ und „Juice“ auf die Videotheks-Wunschliste, 2005 konnte ich mir „Menace 2 Society“, „Boyz in da Hood“ und „How High“ selbst ausleihen. Ein Freund meiner älteren Schwester ließ die DVD des Films „Belly“ bei uns zuhause liegen und veränderte damit mein Leben.

Schwarze Filmemacher*innen arbeiten genreübergreifend

Im Gegensatz zu meinem Musikgeschmack, der in diesen Jahren immer spezifischer wurde und sich vor allem auf Rap aus den Südstaaten beschränkte, war mein Filminteresse willkürlich und offen für jedes Genre, solange die Figuren von Schwarzen Schauspieler*innen verkörpert wurden. Ob der Filmemacher Tyler Perry oder Spike Lee hieß, war mir egal – Komödie, Liebesfilm, Coming-of-Age-Film, Politdrama, True Crime, Thriller – ich wollte alles sehen, was mir das Gefühl gab, mich verorten zu können. Ich schaute diese Filme genau deswegen – weil es Schwarze Filme waren. Und das war zum Teil das Einzige, was diese Filme gemeinsam hatten. Ich schaute sie nicht aus meiner Liebe zu Hip-Hop. Sie lösten in mir auch nicht das gleiche High aus wie „Yellow Submarine“. Ich schaute diese Filme an, weil ich Filme mit Menschen sehen wollte, die so aussahen wie ich oder wie meine Mutter.

Das ist heute nicht mehr so. Heute möchte ich Filme anschauen, die mir gefallen. Ich gucke selten Komödien, Liebesfilme oder Musikfilme. Doch einige der Filme, die ich damals schon so sehr mochte, sehe ich mir auch heute noch wahnsinnig gerne an. Nicht weil ich Hip-Hop liebe oder weil ich das Bedürfnis habe, Geschichten erzählt zu bekommen, die mich an den amerikanischen Teil meiner eigenen Familie und kulturellen Herkunft erinnern. Sondern weil es sich einfach um wahnsinnig gute Filme handelt, die mich für neunzig bis hundertdreißig Minuten in eine gute Geschichte hineinziehen, die ich glauben kann. Mehr muss ein Film nicht leisten. Auch Schwarze Filme nicht. Und Schwarze Filme verdienen eine tiefere Betrachtung, einen Blick, der losgelöst von der weltweiten Faszination und Liebe für Hip-Hop auf die Geschichte eines Films blickt, der aus einer Schwarzen Perspektive erzählt.

THE CULTURE. HIP-HOP UND ZEIT­GE­NÖS­SI­SCHE KUNST IM 21. JAHR­HUN­DERT

29. FEBRUAR – 26. MAI 2024

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