04. Juli 2016

Alex Jakubowski beschäftigt sich nicht nur professionell mit Comics, sie sind auch seine Leidenschaft. Wir haben ihn durch die Ausstellung „Pioniere des Comic“ begleitet.

Von Sylvia Meilin Weber

Unsere erste Verabredung musste kurzfristig verschoben werden. Die Briten hatten abgestimmt: Brexit. Das bedeutete für Alex Jakubowski Arbeit. Viel Arbeit. Jakubowski ist TV-Journalist beim Hessischen Rundfunk und berichtet für Tagesschau und Tagesthemen über aktuelle Wirtschafts- und Politikthemen. Wann immer es geht, dreht er aber auch Beiträge über das, was ihn seit frühester Kindheit brennend interessiert: Comics. Neben seinem Job beim Fernsehen arbeitet der promovierte Publizist als Autor beim Fachmagazin „Alfonz – Der Comicreporter“. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er außerdem sein erstes Buch, in dem er 15 Comic-Sammler porträtierte.

Das ist das Spannende an Comics. Beim genauen Hinsehen entdeckt man ständig neue Details.

Alex Jakubowski

Seine Leidenschaft sieht man Alex Jakubowski an – zumindest wenn er seine Tasche trägt, auf dem Disneys drei Panzerknacker abgebildet sind, so wie ein paar Tage nach der Brexit-Entscheidung, als es dann doch noch klappt mit unserem gemeinsamen Besuch der Ausstellung „Pioniere des Comic“. „Ich bin mit Mickey Mouse und den Superhelden aufgewachsen“, erzählt er. Aber auch die meisten der sechs Comic-Pioniere, die in der Ausstellung präsentiert werden, sind ihm ein Begriff. Wie Winsor McCay, vor dessen „Dream of a Rarebit Fiend“-Strip vom 5. Mai 1906 er stehen bleibt.

Man spürt das Brodeln

Zu sehen ist eine Traumsequenz, in der ein Golfer vor einer Abschlagstelle steht, die erst zu einem kleinen Hügel und dann immer weiter zu einem großen Vulkan anwächst, der schließlich explodiert, bevor der Schläfer aus dem Traum erwacht. „Eine irre Idee, die mich wirklich beeindruckt“, sagt Alex Jakubowski. „Es gibt Comics, die schaffen es, mich vom ersten Bild an einzusaugen. Ich habe festgestellt, dass das oft Comics sind, die wie ein Film funktionieren – so wie diese Geschichte. Bei den ersten acht Panels sehen wir immer denselben Bildausschnitt und dann gehen wir in die Totale, um den Vulkanausbruch zu beobachten. Man spürt beim Anschauen förmlich das Brodeln.“

Auch von Lyonel Feininger, der als Maler der Klassischen Moderne berühmt wurde, hatte Alex Jakubowski bereits vor dem Ausstellungsbesuch gehört, „aber dass er auch Comics gemacht hat, ist mir neu.“ Eine von Feiningers Serien heißt „Wee Willie Winkie’s World“. Darin hinterfragt ein kleiner Junge verträumt die Welt. Alex Jakubowski zeigt auf einen Comic aus der Chicago Sunday Tribune von 1906 und sagt: „Wenn man das sieht, muss man sich fragen, warum Feiningers Comics so lange von der Kunstgeschichte ignoriert wurden. Für jemanden wie mich, der Comics mag, ist das völlig unverständlich.“ Dann tritt er näher an das Blatt und deutet auf die Spitze eines abgebildeten Segelboots, die der untergehenden Sonne ins Auge pikst, woraufhin die Sonne wie ein Luftballon zerplatzt: „Das ist das Spannende an Comics. Beim genauen Hinsehen entdeckt man ständig neue Details. Es gibt kaum einen Comic-Fan, der beim Lesen nicht immer wieder zurückblättert.“

Toll bei Comics sei auch, dass man viel allein durch das Anschauen der Bilder versteht, findet Jakubowski. Deshalb sind Comics bei Kindern so beliebt. Seine fünfjährige Tochter schaut sich auch schon gern Comics an und sein zehnjähriger Sohn ist bereits ein richtiger Fan. Die eigene Leidenschaft für Comics entwickelte sich bei Alex Jakubowski in dem Alter, in dem heute seine Kinder sind: „Ich bin in einem kleinen Dorf im Badischen groß geworden. Unser Gemischtwarenhändler hatte keine riesige Comic-Auswahl, aber wenn er ein neues „Mickey Mouse“-, „Tim und Struppi“- oder „Asterix“-Heft im Sortiment hatte und mein Taschengeld reichte, dann habe ich es mir gekauft.“

Fans müssen lange anstehen

Nachdem er in den 90er-Jahren auf einem Berliner Flohmarkt „Spiderman“-Hefte entdeckte, flammte seine Begeisterung wieder auf. Seitdem wächst seine Sammlung an. In seinem Wohnzimmer steht ein Regal mit Comics, das bis an die hohe Altbaudecke reicht. „Meine Frau ist zwar kein Comic-Fan, aber sie findet das okay“. Seine Lieblingscomics sind die „John Difool“-Serie von Moebius und die „Gaston“-Reihe von André Franquin. Neben Heften sammelt er Originalseiten, Figuren – und Dédicaces, das sind gezeichnete Widmungen von Comic-Künstlern. Oft müssen die Fans lange anstehen, um eine Zeichnung zu ergattern.

Alex Jakubowski stand schon oft in so einer Signierstunden-Schlange. „Dabei fiel mir auf, dass es unter den Sammlern unheimlich viele interessante Menschen gibt.“ So entstand die Idee zu seinem Buch „Die Kunst des Comic-Sammelns" – ein opulentes Coffetable-Book mit 15 Portraits deutschsprachiger Sammler in Text und Fotos. Die Texte schrieb Alex Jakubowski, die Bilder schoss die Frankfurter Fotografin Sandra Mann.

Sie haben uns ihre tollsten Schätze gezeigt

Jeweils einen ganzen Tag verbrachten die beiden mit jedem Sammler – mit einer Manga-Sammlerin, einem Fürsten, in dessen Villa auf Mallorca etliche Ölgemälde des Donald-Duck-Zeichners Carl Barks hängen, einem Ehepaar, das etwa 14.000 Dédicaces besitzt und vielen anderen. Zwei Jahre dauerte die Arbeit am Buch: „Wir haben wahnsinnig nette Leute kennengelernt. Sie haben uns ihr Haus geöffnet, ihre tollsten Schätze gezeigt und waren stolz darauf, dass wir uns dafür interessieren.“

Die meisten dieser Sammler investieren viel Zeit und manche auch viel Geld in ihr Hobby. Zweimal im Jahr gibt es bei Christie’s eine Versteigerung von Comic-Originalen, erzählt Alex Jakubowski. „Einige Disney-Zeichner und zeitgenössische Comic-Künstler bekommen dort für ein Blatt 60.000 bis 100.000 Euro.“ Die Zeichnungen von Frank King, bei denen wir jetzt angelangt sind, erzielen sehr viel weniger, weiß Jakubowski: „Ich habe vergangene Woche ein Angebot über eine seiner Arbeiten im Internet entdeckt. Ein Blatt aus der späten Phase ist schon für etwa 150 Euro zu haben.“ Der Wert eines Comics wird auch dadurch bestimmt, wer darauf zu sehen ist: „Blätter mit den Hauptfiguren sind wertvoller als die, auf denen nur Nebenfiguren zu sehen sind, und Cover sind begehrter als normale Heftseiten.“

Die Verleger haben Experimente unterstützt

Obwohl er auf dem Sammler-Markt nicht besonders hoch gehandelt wird, ist Alex Jakubowski von Frank Kings „Gasoline Alley“-Serie begeistert. In dem seit 1918 täglich erschienenen Strip konnten die Zeitungsleser der Chicago Tribune 40 Jahre lang in Echtzeit miterleben, wie das Findelkind Skeezix beim Autoschrauber Walt Wallet und seiner Familie erwachsen wird. „King zeigt: Comics sind nicht nur Geschichten von Superhelden. Comics können genauso gut auch das reale Leben nachbilden“, sagt Jakubowski und nimmt dann eine Original-Skizze in den Blick, auf der Randnotizen zu sehen sind. „Heute kann man das alles am Computer machen. Das ist für uns Sammler natürlich schade. Denn durch die handgezeichneten Skizzen haben wir die Chance wie ein Archäologe nachzuvollziehen, wie der Zeichner gearbeitet hat.“

Inzwischen sind wir am Ende der Ausstellung angekommen. „Die Arbeiten der sechs ausgestellten Zeichner zeigen, wie reich der Comic an Stilen und Themen ist“, sagt Alex Jakubowski, „die frühen Comic-Pioniere hatten Lust sich auszuprobieren – und die Verleger haben ihre Experimente unterstützt. Das finde ich beeindruckend.“ Dann muss er weiter, denn nach Büroschluss arbeitet er zurzeit an seinem zweiten Buch. Es geht um einen international bekannten Comiczeichner. Mehr will er aber noch nicht verraten.