Dass das Medium Film mehr zu bieten hat als bewegte Bilder und Klang zu einer konventionellen Narration zu verweben, wie auch immer geartet amĂŒsant, berĂŒhrend oder sonst wie gelungen sie sein mag, wird demjenigen klar sein, der sich ab und an auch abseits der groĂen Kinoketten oder Streaming-Dienste umschaut. Seit den Anfangstagen der Kinematographie versuchten Filmemacher immer wieder, die dem Medium eigenen Ausdrucksmöglichkeiten auszureizen und ĂŒber das hinauszugehen, was Alfred Hitchcock einmal abschĂ€tzig das âfotografieren sprechender Köpfeâ nannte.
Der Surrealismus war die erste geistige Strömung ihrer Art, die sich von Beginn an auch dem Medium Film mit dessen umfangreichen Möglichkeiten widmete. Mit âUn chien andalouâ von Salvador DalĂ und Luis Buñuel oder Buñuels âLâĂge dâOrâ wurden wichtige Werke der Bewegung auch auf Film materialisiert: Bedenkt man jene explizit filmischen Handwerkszeuge wie Schnitt und damit einhergehend die Zeitverknappung oder -dehnung, Mise en ScĂšne (also das In-Szene-setzen) oder diverse technische Bearbeitungen wie Filter, Doppelbelichtung oder Filmtricktechnik, erscheint dies angesichts der surrealistischen Kernthemen nur folgerichtig.
Film und ImpulsivitÀt
Wenngleich sich dem surrealistischen Filmemacher unzĂ€hlige Optionen bieten seine Vorstellungswelten auf Filmmaterial zu bannen, bĂŒĂt er bei jener Produktionsweise jedoch ein wichtiges Merkmal surrealistischer Arbeitsweise ein: die SpontanitĂ€t. Machten sich die Surrealisten um AndrĂ© Breton beispielsweise noch die Technik des Ăcriture automatique, des âautomatisierten Schreibensâ, zu Nutze, um das Unbewusste möglichst ungefiltert zu Tage zu befördern, musste man bei der hochtechnisierten und produktionsaufwendigen Filmarbeit gröĂtenteils auf solche ImpulsivitĂ€t verzichten.
RenĂ© Magritte erstand im Oktober 1956 eine Eumig C3, eine 8mm-Kamera österreichischer Produktion. In seinem Besitz befand sich des Weiteren eine Kodak Instamatic M6, mit der auch Super8-Filmmaterial belichtet werden konnte. Wenig bekannt wie erschlossen ist, dass der groĂe Maler in den Jahren von 1956-1967 gut 40 Filme drehte, von denen ĂŒber die HĂ€lfte in den Jahren 1956/57 entstanden ist. Das Belgische Archiv fĂŒr zeitgenössische Kunst ersteigerte diese 1987 aus dem Nachlass Georgette Magrittesâ â einige sind heute im BrĂŒsseler Magritte-Museum zu sehen. Die Filme tragen Titel wie âOstendeâ, âDialogue avec objetsâ, sind nach Freunden benannt oder lauten deskriptiv schlicht âVoyage en IsraĂ«l en 1966â.
Grimassen fĂŒr die Kamera
In der aktuellen SCHIRN-Ausstellung âMagritte â Der Verrat der Bilderâ werden nun vier Filme prĂ€sentiert: In âMasquesâ, âLe marchand dâartâ und âRenĂ©â, allesamt Kurzfilme unter vier Minuten, sieht man Magritte selbst, seine Frau und Freunde beim Herumalbern, Verkleiden und Posieren. âLe marchand dâartâ zeigt Magrittes Wohnung, vollgestellt mit den eigenen Bildern, die einem Ă€lteren, skeptischen Herren offenbar zum Kauf prĂ€sentiert werden. In âRenĂ©â mehr vom gleichen und doch anders, keiner bestimmten Narration folgend, Aufnahmen vornehmlich von Magritte und Georgette, der Maler schneidet Grimassen fĂŒr die Kamera, imitiert Hitler mit Seitenscheitel und Schnauzbart, erinnert an die groĂen Komiker der StummfilmĂ€ra, Chaplin und Keaton.
Seine Frau posiert vor einem seiner Bilder, scheint einen Apfel aus jenem zu nehmen und diesen genĂŒsslich zu verspeisen, immer wieder ein Schnitt auf einen schelmisch lĂ€chelnden Gartenzwerg, dann schlieĂlich Magritte, der seinem geliebten Hund eine Zigarette vor die Schnauze hĂ€lt. Hier macht sich ein Liebespaar eine gute Zeit, miteinander, mit Freunden; der Maler geht spielerisch, ohne falschen Respekt mit seinem eigenen Werk um, das in Ecken gestapelt in der Wohnung herumsteht und noch nichts vom heutigen Marktwert in sich zu tragen scheint.
Ein wichtiges Element
âTuba (Interior)â (1960) sticht ein wenig aus den anderen Filmen hervor â hier scheint zumindest lose mit einem Konzept gearbeitet worden zu sein und surrealistische Elemente treten stĂ€rker in den Vordergrund. Die titelgebende Tuba, die auch in einigen Bildern des KĂŒnstlers auftaucht, liegt hier im Bett einer jungen Frau, die aus dem Schlaf erwacht, dann eine Maske aufsetzt und schlieĂlich auf dem Instrument spielt. SpĂ€ter wird Magritte ein Bild von einem typischen FantĂŽmas-Schurken â Hauptfigur einer französischen Kriminalroman-Serie, die Magritte wie auch andere Surrealisten liebten â gestohlen, anstelle des Bildes findet er dann im Diebesversteck nur jene Tuba mit Maske. Weitere traummalerische und surrealistische Motive tauchen auf: So inszeniert Magritte sein bekanntes Bild âLes Amantsâ, anstatt des heterosexuellen Paares kĂŒssen sich hier jedoch zwei Frauen mit TĂŒchern auf dem Kopf innig.
Die Filme lohnen die Sichtung, zeigen sie doch einerseits Magrittes unverkrampften und spielerischen Umgang sowohl mit dem eigenen Werk als auch mit surrealistischen Grundthemen, die in seinen Bildern teilweise recht dĂŒstere Dimensionen erreichen. Andererseits gewinnen sie ein wichtiges Element surrealistischer Arbeitsweise zurĂŒck, das in den bekannten Filmerzeugnissen der Surrealisten fehlte: die absolute SpontanitĂ€t, die dem Betrachter hier auch noch knapp 60 Jahre spĂ€ter entgegenweht.