22. November 2018

Was geschieht in dem Moment, bevor der Pinsel auf die weiße Leinwand trifft? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Künstlerin Su-Mei Tse unter anderem in ihrem Film „Pays de Neige“.

Von Daniel Urban

Zunächst ist da nur ein weißes Rauschen zu sehen, eine gleichmäßige, bildschirmfüllende Fläche, von der man sich nicht ganz sicher ist, ob es sich nun um ein Standbild oder doch um eine sich beinahe unmerklich bewegende Masse handelt. Auch auf der Tonspur meint man eine Art Rauschen zu hören – oder ist da doch ein Rascheln, ein ordnungsgebender Rhythmus? Erst nach gut 18 Sekunden Laufzeit von Su-Mei Tses Videoarbeit „Pays de Neige“ aus dem Jahre 2015 wird das gezeigte Bild in Relation gesetzt und die Künstlerin selbst betritt plötzlich jene Bildfläche, um sie diagonal zu durchschreiten. 

Hinter sich her zieht sie eine sogenannte Gliederschleppmatte, die das weiße Rauschen, das nun als Kieselsteinboden erkennbar ist, ebnet. Die Künstlerin verlässt das Bild, um es nach einigen Augenblicken in entgegengesetzter Richtung wieder zu betreten – stetig schreitet sie es in gleichmäßigen Linien ab. Konstant bleibt der Ton: unabhängig davon, ob wir die Künstlerin sehen oder sie sich außerhalb des Bildes befindet, die Geräuschkulisse des Durchschreitens wie Ebnens des Kieselsteinmeers bleibt so laut wie zuvor.

Ein Abschaben von Unebenheiten

Knapp acht Minuten lang durchstreift Su-Mei Tse in „Pays de Neige“ beharrlich und gleichmäßig, den Rechen hinter sich herziehend, eine Parkanlage, bevor der Videoloop von vorne beginnt. In einzelnen Aufnahmen zeigt sich ein Springbrunnen, dann wieder erkennt man einen prächtigen historischen Bau. Entstanden ist die Arbeit im Rahmen einer „Artist in Residency“ in der Villa Medici in Rom. Als Tabula rasa im wahrsten Sinne des Wortes könnte man beschreiben, was Tse hier durchführt: das Abschaben jeglicher Unebenheiten, um eine unbeschriebene Fläche herzustellen, die von Neuem mit Inhalten gefüllt werden kann.

Su-Mei Tse, Pays de Neige (Filmstill), 2015 © Su-Mei Tse
Su-Mei Tse, Pays de Neige (Filmstill), 2015 © Su-Mei Tse
Su-Mei Tse, Pays de Neige (Filmstill), 2015 © Su-Mei Tse

Inszeniert wird dies gleich einem Ritual oder auch einer Meditation – die gleichmäßige Beharrlichkeit, mit der die Künstlerin ihrer Tätigkeit nachgeht, erzeugt eine geradezu kontemplative Ruhe beim Betrachter, während die Parkanlage sodann auch Erinnerungen an die japanischen Zen-Gärten wachruft. Das vermeintliche weiße Rauschen des Bildes (die Kieselsteine) und jenes auf der Ton-Ebene (das Geräusch der aneinander reibenden Steine) nimmt das Moment der Tabula rasa auch auf der formalen Ebene in sich auf.

Die Inszenierung gleicht einem Ritual, einer Meditation

So enthält das akustische Signal, das man in der Physik als weißes Rauschen beschreibt, das komplette hörbare Frequenzspektrum auf einmal – eine Welt in kompletter Gleichzeitigkeit, die nach Herzenslust geformt und verändert werden kann, genau wie eine weißes Blatt oder eine leere Leinwand, wie sie die Künstlerin in ihrer Videoarbeit an dem historisch aufgeladenen Ort der Villa Medici in Rom herzustellen scheint.

Su-Mei Tse, Pays de Neige (Filmstill), 2015 © Su-Mei Tse

„Dieser Moment, bevor der Pinsel das weiße Blatt berührt“, dafür interessiert sich Su-Mei Tse, wie sie der Neuen Zürcher Zeitung unlängst verriet. Dieser Moment zeitigt einen immens individuellen Augenblick: Der Moment vor dem Schöpfungsakt, in dem das Individuum vollkommen allein in die Rolle des Weltenschöpfers versetzt wird und das Nichts mit Inhalt füllt.

Einem größeren Publikum bekannt wurde die 1973 in Luxembourg geborene Su-Mei Tse im Jahr 2003, als sie auf der Biennale di Venezia für ihren Beitrag im luxemburgischen Pavillon mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Neben aufwendigen Installationen wie „Stone Collection“, eine an chinesische Gelehrtensteine erinnernde Arbeit, oder „Das Ich in jeder Kartoffel“, eine Ansammlung von fünfzehn aus Keramik gefertigten Kartoffeln, die der Singularität des Daseins in eher ungewöhnlicher Form Ausdruck verleiht, war „Pays de Neige“ in diesem Jahr in der Einzelausstellung „Nested“ im Aargauer Kunsthaus zu sehen.

Dieser Moment, bevor der Pinsel das weiße Blatt berührt.

Su-Mei Tse

Su-Mei Tse, Das Ich in jeder Kartoffel , 2006, Image via www.timvanlaeregallery.com

Für den zweiten Teil des Abends hat sich Su-Mei Tse den 2017 erschienenen Dokumentarfilm „Walk with me“ der Filmemacher Marc Francis und Max Pugh ausgesucht. Insgesamt drei Jahre lang begleiteten die Regisseure den aus Vietnam stammenden buddhistischen Mönch Thích Nhất Hạnh, verbrachten längere Zeit im 1982 von ihm gegründeten Praxiszentrum „Plum Village“ in der Nähe von Bordeaux und begleiteten ihn auf Reisen. In aller Ruhe betrachtet die Kamera das Treiben in der buddhistischen Kommune und versucht, dem Lebensalltag dort nachzuspüren – der buddhistische Mönch selbst steht dabei weniger im Fokus. 

Immer wieder sind Besucher aus der ganzen Welt zu sehen, die an den jährlich stattfindenden Retreats in Plum Village teilnehmen, dann wieder Aufnahmen von der das Dorf umgebenden Natur, über die Schauspieler Benedict Cumberbatch mit sonorer Stimme aus dem Off Passagen aus Hạnhs Buch „Der Duft von Palmenblättern. Erinnerungen an schicksalhafte Jahre“ vorliest.

In „Walk with me“ wird dem Diktum der Achtsamkeit nachgegangen

Vielleicht am interessantesten sind die kleinen Einblicke, die Francis und Pugh dem Zuschauer in das Privatleben der Mönche und Nonnen gewähren: Eine Nonne wird so beim Besuch ihres in die Jahre gekommenen Vaters gezeigt, der vor Freude über das Wiedersehen nicht aus dem Weinen herauskommt. Ein Mönch bekommt beim Besuch seiner Eltern von diesen sein Tagebuch samt Plan für sein zukünftiges Leben präsentiert: cool sein mit 12, Freundin mit 16, mit 24 einen auskömmlichen Job und mit 26 die Millionen-Dollar-Villa. Es sind Momente wie jene, sorgsame, nicht bewertende Beobachtungen einzelner Menschen, in denen die Filmemacher dem Diktum der Achtsamkeit wohl am nächsten kommen.