20. Oktober 2019

Ohne Regen kein Wasser, ohne Wasser kein Reisanbau, ohne Reisanbau keine Nahrung. Shen Xins Film „Warm Spell“ nähert sich sensibel dem ökonomischen, ökologischen und kulturellen Wandel in Thailand.

Von Daniel Urban

In Werbeprospekten, gedruckt wie digital, wissen Reiseveranstalter darauf hinzuweisen, wie famos ein Urlaub in der „Hochsaison“ in Thailand doch sei – von warmem Sonnenschein, kaum Regen, ist dort die Rede, und das auch noch in den traditionellen Wintermonaten! Die zunehmende Dürre verunmöglicht den vor Ort lebenden Menschen das Leben jedoch immer mehr. Im Jahr 2016, in dem sich die größte Dürreperiode seit über 20 Jahren in Thailand ereignete, erklärte die Regierung über 4000 Dörfer aufgrund des Wassermangels zu Katastrophengebieten. 

Für die kommende „Hochsaison“ wird wieder vor extremer Trockenheit gewarnt. In Shen Xins Videoarbeit „Warm Spell“ (2018) schildert gleich zu Beginn ein Bewohner der südthailändischen Insel Koh Yao Yai die unmittelbar dramatischen Auswirkungen: Ohne Regen kein Wasser, ohne Wasser kein Reisanbau, ohne Reisanbau keine Nahrung.

Ein Bewohner der Insel schildert die unmittelbar dramatischen Auswirkungen

Shen Xins gut halbstündiges Werk mutet zunächst wie eine dokumentarische Arbeit an, gewährt es doch immer wieder Einblicke in den Lebensalltag der Inselbewohner. Dieser änderte sich in den letzten Jahren nicht nur aufgrund der existenziellen klimatischen Bedingungen, sondern auch, weil der Tourismus der Nachbarinseln immer mehr auf die vormals unbekannte Insel herüberschwappt und so das Leben dort nachhaltig im Wandel begriffen ist. Die westlichen wie auch asiatischen Touristen werden von der Kamera immer wieder eingefangen. Ein zugewanderter Niederländer berichtet davon, wie die Insel aufgrund des relativ niedrigen Preisniveaus immer mehr chinesische Touristen anzieht, viele von ihnen Bauern, die sich erstmalig überhaupt einen Urlaub leisten können. Beiläufig erzählt er, wie ein Resort von mehreren Sicherheitskräften bewacht wurde, um die chinesischen Touristen draußen zu halten. 

Shen Xin, Warm Spell (Still), 2018, Courtesy the artist, CFCCA Manchester, University of Salford, Middlesbrough Institute of Modern Art
Shen Xin, Warm Spell (Still), 2018, Courtesy the artist, CFCCA Manchester, University of Salford, Middlesbrough Institute of Modern Art

WARM SPELL

Teaser zu Shen Xins Videoarbeit

Shen Xin hatte vor einigen Jahren samt Familie selbst dort Urlaub gemacht und jene Diskriminierung erlebt. Der Niederländer kommt immer wieder zu Wort – während ansässige Arbeiter aus ihrem Arbeitsalltag oder von der Zeit nach dem folgenschweren Tsunami berichten, schwärmt jener von der Magie der Flora und Fauna oder berichtet fasziniert, wie er die eher unbekanntere Insel vor unbestimmter Zeit entdeckt hat.

Shen Xin hatte vor einigen Jahren samt Familie selbst jene Diskriminierung erlebt

Nach dem abgeschlossenen Malereistudium in Singapur näherte Xin sich anschließend an der Slade School of Fine Art in London immer mehr dem Medium Film. Arbeiten wie „Snow Country“ (2013), das sich mit der systematischen Zwangsprostitution der sogenannten „Trostfrauen“ durch das japanische Militär im Zweiten Weltkrieg beschäftigt, oder „Provocation of the Nightingale“ (2017) – eine Vier-Kanal-Installation über ein Liebespaar, die eine Managerin eines Unternehmens für DNA-Analysen, die andere buddhistische Lehrerin –  entstanden im Folgenden. Die Themen in „Warm Spell“ nun werden im Gegensatz zu früheren Werken eher durch ein sinnliches Erfahren denn durch Sprache ineinander verwoben, wie Shen Xin unlängst in einem Interview mit Alvin Li erklärte. 

Shen Xin, Snow Country (Still), 2013, Courtesy of the artist

SHEN XIN, Provocation of the Nightingale, 2017, Courtesy the artist and the Baltic Centre for Contemporary Art, Image via artasiapacific.com

Schon früh eröffnet „Warm Spell“ so neben der dokumentarischen Form nun eine weitere, narrativ anmutende Ebene: Immer wieder ist auf der Tonspur eine Frequenzstörung zu hören, gleich einem elektrisch überladenen Stromfeld, während das Bild wiederholt ins Schwarz-Weiße wechselt.

Das offenbar formlose Geräusch scheint aktiver Gesprächspartner zu sein und in einer für den Zuschauer nicht verständlichen Sprache mit den Akteuren vor der Kamera zu kommunizieren, insbesondere mit einer jungen Frau, die im Abspann nur Faye genannt wird. In einem Hotelzimmer fängt die Kamera die Protagonistin, die sich nackt auf einem Bett windet, immer wieder bei explizit intimen Handlungen ein. „You sound like electricity“, sagt sie zu dem unsichtbaren Gesprächspartner,  „I love it when you do that, you should do it more often“. Der namenlos bleibende Niederländer erzählt im Folgenden von einem herumwandernden Geist, von dem ihm mehrere Bewohner der Insel berichtet hätten. 

You sound like electricity. I love it when you do that, you should do it more often.

Faye
Shen Xin, Warm Spell (Still), 2018, Courtesy the artist, CFCCA Manchester, University of Salford, Middlesbrough Institute of Modern Art

Der Strand, an dem nun mehrere Beach Resorts stehen, sei ein magischer Ort, an dem nicht jeder verweilen dürfe – und für die Einheimischen, so eine Erklärung der geisterhaften Erscheinungen, schlicht ein Friedhof. „Warm Spell“ gleitet so von Augenblick zu Augenblick in eine etwas gespenstisch anmutende Erzählung ab, die sich immer weiter von gesprochener Sprache entfernt und nonverbale Gefühlszustände thematisiert. Ähnlich, wie sich die Stimmen der Protagonisten auf der Tonebene stellenweise überkreuzen und in einer sich nicht ausschließenden Gleichzeitigkeit kulminieren, so bleibt auch „Warm Spell“ ein Filmessay im besten Sinne: Die geisterhafte Präsenz des unsichtbaren Wesen verdrängt nicht das gesprochene Wort, das ganz konkrete Themen wie Ökologie, Ökonomie und soziale Umstände verhandelt.

Als weiteren Film hat sich Shen Xin „Touch Me Not“ (2018) der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie ausgesucht. Der Film wurde auf der Berlinale 2018 mit dem goldenen Bären ausgezeichnet, derweil er von der Kritik überaus kontrovers diskutiert wurde. Der semi-dokumentarische Film lässt sich vermutlich am besten als eine Art filmische Versuchsanordnung über Intimität beschreiben: Drei Protagonisten, Laura Benson, Tómas Lemarquis und Christian Bayerlein, verhandeln in verschiedenen Situationen ihre persönlichen Sehnsüchte, Ängste, jeweils bezogen auf die je eigene Körperlichkeit. 

Shen Xin, Warm Spell (Still), 2018, Courtesy the artist, CFCCA Manchester, University of Salford, Middlesbrough Institute of Modern Art

Adina Pinti­lie, Touch me not (Still), 2018, Image via www.viennale.at

Laura versucht so in verschiedenen sorgsam geplanten Situationen ihrer Berührungsphobie, unter der sie merklich leidet, beizukommen. Tómas, der seit seinem 13. Lebensjahr unter Alopecia universalis, einem kompletten Haarausfall am gesamten Körper, leidet, trifft hingegen in einem Krankenhaus im Rahmen einer Berührungstherapie auf Christian, dessen Körper wiederum von spinalem Muskelschwund stark gezeichnet ist.

Die expli­zi­ten Szenen verstörte Teile des Kriti­ker­pu­bli­kums auf der Berli­nale 

Mit seinen offenen Gesprächen über Intimität, sowie einigen, wenn auch vereinzelten, überaus expliziten Szenen verstörte „Touch Me Not“ Teile des Kritikerpublikums auf der Berlinale so sehr, dass diese die Vorführung verließen. Andere waren begeistert, wieder andere schlicht gelangweilt und hielten den Goldenen Bären für ebenso unbegründet wie die Aufregung. Ob emotionales Meister- oder prätentiöses Machwerk, nicht wegzudiskutieren und höchst selten zu sehen sind Szenen wie jene, in denen der an Muskelschwund leidende Christian Bayerlein entwaffnend offen über seine emotionale wie auch körperliche Wahrnehmung reflektiert, die noch lange nachhallen. Wird hier doch ein körperlich beeinträchtigter Mensch aus dem Zustand des Nichtvorkommens heraus sichtbar gemacht und so vielleicht im besten Falle ein Gespräch mit ihm anstatt über ihn ermöglicht.