23. November 2019

Nach dem traumatischen Verlust eines engen Freundes, setzt sich Künstlerin Hannah Perry in ihrer Videoarbeit „Gush“ mit Trauer auseinander. Und zeigt, wie soziale Medien dabei eine geisterhafte Rolle spielen.

Von Daniel Urban

„The new Passat Highline Plus with leather seats as standard … [The view of the moon through a roadkill hedge] is a glimpse of the grey-eyed madness of you” ertönt eine Männerstimme, die zwischenzeitlich elektronisch verzerrt wird. Das Wort “you” hallt einige Male nach und verstummt schließlich. „Gush“ (2018), den die britische Künstlerin Hannah Perry im kommenden Double Feature präsentiert, gibt nun das Bild auf einen unter der Dusche stehenden jungen Mann frei, der direkt in die Linse schaut.

„I think it’s always difficult to say what you are good at. No likes”, geht es weiter. Streicher, die durch ihre Spielanweisung nahezu verzerrt klingen, füllen die Tonspur mit einem düster-anmutenden Drone-Sound, während die Stimme aus dem Off weiter vor sich hin mäandert: „Drifting from one idea to another“, „Wait – everything hurt, nothing was beautiful“, „Could I have said one small thing to make you happy?“ „Gush“ beschäftigt sich mit Verlust und Trauma, wie Hannah Perry (*1984) im Interview mit „The Art Newspaper“ erläuterte.

2016 hatte sich ihr enger Freund und Künstler Pete Marrow, den Perry an der Goldsmith University in London kennengelernt und mit dem sie im Folgenden auch wiederholt kollaboriert hatte, das Leben genommen. „I wasn’t prepared for the trauma or the horror of it all. [It was] violently shocking in its extreme“, schilderte Perry im Interview die traumatische Zeit. 

I wasn’t prepa­red for the trauma or the horror of it all.

Hannah Perry
Hannah Perry, Gush (Still), 2018, Courtesy of the artist

GUSH

Teaser zu Hannah Perrys Videoarbeit

Der Film „Gush“ war Teil der gleichnamigen Ausstellung, die letztes Jahr im Somerset House London zu sehen war. In der zugehörigen Installation „Rage Fluids“ wurden gedehnte Metallplatten durch tieffrequente Töne zum Schwingen gebracht, wodurch sich die Spiegelbilder der Betrachter auf den glatten Flächen in abstrakte Formen verzerrten. Die gut 20-minütige Videoarbeit „Gush“ wurde in der Ausstellung auf einer kreisförmigen Leinwand aufgeführt.

Die Bilder verzerren das Material und hinterlassen ein inneres Chaos

Hier vermischt Perry selbstgedrehte 360°-Aufnahmen mit Found-Footage sowie eigenen Archivaufnahmen von nächtlichen Stadtfahrten, Partys mit Freunden oder Aufnahmen von Schrottplätzen. Die Bilder der Rundum-Kamera verzerren das aufgenommene Material und verursachen so eine Desorientiertheit, die ausgerechnet durch ein Zuviel an Bildinformation ausgelöst wird – ausgerechnet, weil man gemeinhin annehmen könnte, dass eine Rundumsicht doch erst einmal einen besseren Überblick über die Situation verschaffen sollte. Die Immersion wird zum Hindernis, sie verschlingt den Betrachter und wird zum Ausdruck des inneren Chaos, das sich hier Bahn bricht. 

Hannah Perry, RAGE FLUIDS (GUSH @ SOMERSET HOUSE), 2018, Copyright The Artist, Image via www.townereastbourne.org.uk

Hannah Perry, Gush (Still), 2018, Courtesy of the artist

Perry, die die Kamera sichtbar in ihren Händen führt, ist stets in zwei Hälfen getrennt – ein Körperteil am linken, eins am rechten Bildschirmrand – während sie Zimmer durchschreitet oder Straßen auf und ab läuft. Die Musik, eine Kollaboration aus dem London Contemporary Orchestra und Mitgliedern des CURL-Kollektivs, Coby Sey und Mica Levi, oszilliert derweil zwischen melancholisch-empfindsamen und düster-brodelnden Stücken. 

Das Skript changiert zwischen Gedanken, Slogans und Facebook-Posts

Perrys Skript, das Inspirationen sowohl aus Tagebucheintragungen ihres Freundes wie auch aus von ihr veranstalteten Workshops mit Schülern des London South East College zieht, wird auf der Tonspur von verschiedenen Sprechern wiedergegeben. Es changiert dem Anschein nach zwischen persönlichem Gedankengut, vorgelesenen Slogans und Facebook-Einträgen. Das Gesprochene treibt stets voran, bleibt schwer zu fassen und rekurriert der Form nach somit auf den Titel des Werks: Gush, zu Deutsch: Strom oder auch Erguss. 

Hannah Perry, Study #1 (2019), Cinematography: Mikhail Galustov, Edit: Otto Burnham, Courtesy of the artist
Hannah Perry, Study #1 (2019), Cinematography: Mikhail Galustov, Edit: Otto Burnham, Courtesy of the artist

Diese „Ergüsse“ implizieren in ihrem Durcheinander die Schwierigkeit, vielleicht gar die Unmöglichkeit, innerhalb der Gesellschaft über Themen wie psychische Gesundheit, Trauer oder Trauma zu sprechen.  „Hannah, we care about you and the memories that you share here. We thought that you’d like to look back on this post from 8 years ago” ist da wiederholt zu hören, und es graut einem ein wenig davor, wie stark doch die sozialen Plattformen den Umgang mit Traumata verkomplizieren können, indem sie urplötzlich und unerwartet mit persönlichem Content von vor etlichen Jahren konfrontieren.

Hannah, we care about you and the memo­ries that you share here. We thought that you’d like to look back on this post from 8 years ago.

Auszug aus „Gush“

Als weiteren Film hat sich Hannah Perry „Withnail and I“ des britischen Regisseurs Bruce Robinson ausgesucht. Der 1987 erschienene Film erzählt die Freundschaft von zwei mittellosen Schauspielern im London der späten 1960er Jahre. Ohne Lohn und Brot verbringen sie die Zeit in ihrer heruntergekommenen Wohnung in Camden Town und schlagen sich die Zeit mit Drogen tot, im Unverständnis darüber, wie die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit so riesig sein kann.

Der Film zeichnet ein einprägsames Bild von Freundschaft

Um ihrem Elend zu entkommen, planen sie die zumindest vorübergehende Landflucht in ein kleines Häuschen im Norden England, das Withnails Onkel gehört. Doch auch das Landleben birgt so seine Tücken: das Haus, das seine besseren Tage schon hinter sich hat, tut wenig, um die beiden Schauspieler vor den extremen Wettereinflüssen zu beschützen, und die Landbewohner begegnen den beiden Fremden mit Misstrauen. Als schließlich noch Onkel Monty unerwartet zu Besuch kommt, spitzt sich die Situation zu. Der Film basiert auf einem unveröffentlichten Roman des Regisseurs Bruce Robinsons, in dem er seine eigenen Erfahrungen als junger Schauspieler verarbeitete. 

Withnail and I, 1987, Filmstill, Image via www.bfi.org.uk

In seiner Eloquenz und Tragikomik kann man „Withnail & I“ als Abgesang auf die Aufbruchszeit der späten 60er Jahre deuten. Gleichzeitig wohnt der Beziehung zwischen Withnail und dem namenlosen „I“-Charakter eine einfühlsame Ambivalenz inne, die sich trotz der vermeintlich komödiantischen Grundstimmung in den ausgefeilten Dialogen Bahn bricht und ein einprägsames Bild der Freundschaft zwischen den Protagonisten zeichnet. Für Hannah Perry hat der Film zusätzlich eine sehr persönliche Bedeutung: immer und immer wieder hat sie ihn seinerzeit mit ihren besten Freund Pete Marrow gesehen.

Withnail and I, 1987, Filmstill, Image via wordpress.com