21. Juni 2019

In seiner Videoarbeit „In Our Time“ zeigt Künstler Gerard Byrne, dass Zeit nur ein kulturelles Konstrukt ist. Und Gegenwart eine Idee, die lange nicht so sicher ist, wie sie scheint.

Von Daniel Urban

„Recording in process – do not enter“ prangt in handgeschriebener Großschrift auf einer Lampenabdeckung, im Hintergrund ist ein Radio-Jingle zu hören. Das Bild fokussiert einen Moderator, der die Wettervorhersage für den Tag verliest, und schon läuft als Backing Track Simon & Garfunkels „I am A Rock“. Die Kamera lenkt die Aufmerksamkeit nun auf das Radiostudio, fährt sorgsam das Interieur ab, zeigt in Großaufnahmen den audiotechnischen Stolz der analogen Ära: Kondensatormikrofone, Tonbandgeräte, Schallplattenspieler, gar ein legendäres Tape-Delay ist zu sehen.

Musiker betreten den Aufnahmeraum des Studios und bauen behutsam ihr Equipment auf: Schlagzeug, Bassverstärker, Synthesizer. Der Moderator schaltet eine Anruferin on air, fragt sie immer wieder nach ihrem Namen und versucht ihr auf zunehmend unangenehme, beharrliche Art und Weise den Namen ihres neuen Freundes zu entlocken: „You can tell me, I won’t tell anybody. Come on, tell us!“

Gerard Byrnes Videoarbeit „In Our Time“, 2017 von den Skulptur Projekten Münster in Auftrag gegeben, spielt in einer nicht näher definierten Vergangenheit, doch eines ist klar: wir befinden uns in der goldenen, analogen Zeit des Radios. Die ausschweifenden Kamerafahrten verraten, dass Byrne offenbar viel Liebe in Ausstattung und Inszenierung gesteckt hat. Der hochwertige production value, das klare High-Definition Bild sowie der makellose Ton indes erteilen einem nostalgischen Vintage- oder Retro-Look jedoch eine klare Absage. Jene Ambiguitäten und Ungereimtheiten tauchen im Laufe von „In Our Time“ immer wieder auf, auch wenn sie in der klaren Struktur des Werks zunächst kaum auffallen mögen: Die Zeitansagen des Radiomoderators machen so beispielsweise deutlich, dass Zeit- und Erzähldauer der Arbeit übereinstimmen, sie also in Echtzeit abläuft. 

You can tell me, I won’t tell anybody. Come on, tell us!

Radiomoderator in „In Our Time“

Gerard Byrne, In Our Time, 2017, Installationsansicht Skulptur Projekte Münster, Image via www.skulptur-projekte-archiv.de

IN OUR TIME

Teaser zu Gerard Byrnes Videoarbeit

Nach gut 30 Minuten dann passiert etwas, auf das in der Unterschrift des Werks nur lapidar mit „Video, variierende Länge“ verwiesen wird: Die Videospur beginnt von neuem und wiederholt sich im Loop. Der Ton läuft indes für gut zehn Stunden ohne jegliche Wiederholung weiter: die Zeitansagen bleiben kongruent zur Echtzeit, auch die im Radio abgespielten Lieder verändern sich, ähnlich wie historische Radio Jingles und Nachrichtenausschnitte. Weitere Ungereimtheiten machen sich bemerkbar: Nicht nur der Name des Moderators ändert sich von Ansage zu Ansage, auch die Radiostation changiert ihren Namen – von KFOG ist zunächst die Rede, dann wieder von KGBS oder KGW. Der Radio-DJ kündigt alsbald ein neueres Cover des Roy Orbison Klassikers „Crying“ an, stattdessen erklingt Townes van Zandts „Kathleen“.

Es werden verschie­dene Gegen­war­ten in eine neue Zeit verwo­ben

Auch die zeitliche Zuordnung wird verunmöglicht: In den historischen Nachrichtensequenzen wird von der Ermordung Alberta Kings, Martin Luther Kings Mutter, aus dem Jahre 1974 berichtet, bevor kurze Zeit später Neuigkeiten zu Reagans Präsidentschaft aus den 1980ern bekanntgegeben werden. „In Our Time“ erscheint so wie eine Zeitschleife, mittels der in einem Radiostudio verschiedene Gegenwarten aus unterschiedlichen Ären in eine neue Zeit verwoben werden und gleichzeitig ablaufen.

Gerard Byrne, In Our Time, © Gerard Byrne. Courtesy the artist and Lisson Gallery

Gerard Byrne, In Our Time, 2017, Installationsansicht Skulptur Projekte Münster, Foto: Henning Rogge, Image via www.skulptur-projekte-archiv.de

Die Form der Videoarbeit, die Loops auf der Bildebene bei gleichzeitig fortlaufendem Ton, übersetzt das Prinzip folgerichtig auf die formale Ebene. Das kristallklare HD-Bild wird im Video“ fast selbst zu einem Anachronismus, einem Blick in die Vergangenheit aus der Zukunft heraus. Doch was bedeutet hier eigentlich Gegenwart? „Mich interessiert, wie in unserer Kultur die Idee von Gegenwart entsteht. Wie wird Gegenwart kulturell dargestellt und wie verändert sich diese im Laufe der Zeit“, erläuterte Byrne 2017 die Grundfragen seiner Arbeitsweise während einer Werkschau im Kunstmuseum St. Gallen. 

Mich inter­es­siert, wie in unse­rer Kultur die Idee von Gegen­wart entsteht.

Gerard Byrne

Vorangegange Werke, die unter anderem auf der Documenta, auf Biennalen in Venedig, Sydney, Lyon oder Istanbul zu sehen waren, beschäftigen sich immer wieder mit jenen Fragen. „In Our Time“ erscheint ungemein vertraut, je länger man dem Geschehen jedoch folgt, umso mehr schwinden die Gewissheiten. Als weiteren Film hat sich Gerard Byrne „The Conversation“ aus dem Jahr 1974 ausgesucht. Francis Ford Coppola, der sowohl für Regie und Produktion als auch das Drehbuch verantwortlich war, bezeichnete den Film einst als eine seiner besten Arbeiten.

Zuschauer werden immer weiter in die Welt der Paranoia hinein gesogen

„The Conversation“ ist die Geschichte um eine folgenreiche Abhöraktion, die der Überwachungsspezialist Harry Caul (Gene Hackman) auf privaten Auftrag hin ausführt. Was dieser Handlungsbeschreibung nach das Zeug zu einem mittelspannenden, aber doch beliebigen Thriller hat, wird bei Coppola zu einer intensiven Charakterstudie und einer eindringlichen Besinnung über den Eingriff von Technik in die Privatsphäre. Während der kompletten Filmhandlung weicht die Kamera nicht von der Seite des Protagonisten Harry Caul, und die Zuschauer werden nach und nach immer weiter in dessen von Paranoia und schlechtem Gewissen gezeichnete Welt hinein gesogen.

Francis Ford Coppola, The Conversation (Still), 1974, Image via cloudfront.net

Wenngleich Coppola das Drehbuch zu „The Conversation“ bereits Mitte der 1960er Jahre geschrieben hatte, konnte er den Film erst etliche Jahre später realisieren, inmitten des Tumults um die journalistische Aufdeckung des Watergate-Skandals. Neben der weitläufigen Rezeption von Coppolas Arbeit in diesem Zusammenhang – Vertrauenskrise gegenüber der Politik, Paranoia – gibt es unverkennbar Gemeinsamkeiten mit Michelangelo Antonionis „Blow Up“ von 1966. Dieser setzt sich ebenfalls mit Fragen nach tatsächlicher und vermeintlicher Wirklichkeit auseinander, dort anhand von Fotografie und deren technischer Möglichkeiten der Manipulation.  

Coppola setzt die in „The Conversation“ vom Protagonisten genutzte Audiotechnik ebenso genüsslich wie Byrne in seiner Videoarbeit in Szene, und verdeutlicht im Laufe des Films die Ambivalenz ihrer Nützlichkeit: Stellt sie anfangs die Grundlage Harry Cauls beruflichen Schaffens dar und ermöglicht gleichzeitig das Ausleben seiner Kontrollsucht, schlägt sie schließlich in das genaue Gegenteil um. Zurück bleibt der Abhörspezialist als desillusionierter, angstgeplagter und verbitterter Einzelgänger.

Francis Ford Coppola, The Conversation (Still), 1974, Image via twimg.com