Das Jahr beginnt mit einem Lockdown, das Schirn-Ausstellungsprogramm steht in den Startlöchern. Und wir können es kaum erwarten, wieder die Türen zu öffnen.

MAGNETIC NORTH. MYTHOS KANADA IN DER MALEREI 1910–1940 

Uralte Wälder in entlegenen Regionen, majestätische Ansichten der Arktis, die Magie der Nordlichter: Die Malerei der kanadischen Moderne entwirft ein mythisches, ein imaginäres Kanada. Voller bildnerischer Experimentierfreude reisten Anfang des 20. Jahrhunderts Künstler*innen wie Franklin Carmichael, Emily Carr, J. E. H. MacDonald, Lawren Harris, Edwin Holgate, Arthur Lismer, Tom Thomson oder F. H. Varley aus den Städten tief hinein in die Natur, auf der Suche nach einem neuen malerischen Vokabular für die kulturelle Identität der jungen Nation. In einer verführerischen visuellen Sprache verkörpern diese Gemälde und Skizzen den Traum einer „neuen“ Welt und zeichnen ein Idyll der überwältigenden Landschaft jenseits der Realität der Indigenen Bevölkerung und des modernen Stadtlebens sowie der expandierenden industriellen Nutzung der Natur.

Anlässlich des Ehrengastauftritts Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert die Schirn die Malerei der kanadischen Moderne aus aktueller Perspektive und zeigt erstmals in Deutschland Hauptwerke aus den großen Sammlungen Kanadas, darunter „Blunden Harbour“ (um 1930) von Emily Carr, „Mt. Lefroy“ (1930) von Lawren Harris, „Terre Sauvage“ (1913) von A. Y. Jackson oder „The West Wind“ (1916) von Tom Thomson. Die umfassende Ausstellung beleuchtet mit rund 90 Werken und dokumentarischem Material die in Kanada überaus populären Werke der Künstler*innen rund um die Group of Seven. Dabei wird ihr künstlerisches Wirken auch einer kritischen Revision unterzogen, indem aktuelle Indigene Perspektiven, u. a. der Algonquin-französischen Künstlerin Caroline Monnet oder der Anishinaabe-Filmemacherin Lisa Jackson einbezogen werden.

Lawren S. Harris, Mt. Lefroy, 1930 © Family of Lawren S. Harris
Tom Thomson Autumn's Garland, 1915-1916, National Gallery of Canada, Ottawa Photo: NGC
CAROLINE MONNET. TRANSATLANTIC

Der Atlantik verbindet für die Künstlerin Caroline Monnet beide Seiten ihrer Identität, die von ihren Algonquin-Vorfahren in Kanada und ihren französischen Vorfahren in Europa geprägt ist. Die Schirn präsentiert in der öffentlich zugänglichen Rotunde Monnets immersive Videoarbeit „Transatlantic“ (2018), welche die 22-tägige Reise der Künstlerin auf einem Frachtschiff von Europa nach Kanada dokumentiert. In einer filmischen Montage entfalten die Bilder der Überfahrt, an der Mittelachse gespiegelt und unterlegt von einer tranceartigen Tonspur aus Radiofrequenzen und Morsezeichen, eine eindringliche Sogwirkung. Diese steht im Kontrast zur Statik der drei Betonkugeln „Proximal I, II, III“ (2018/2020), mit denen Monnet ihre Videoarbeit in der Schirn zu einer eindringlichen Installation vereint.

Die sphärischen Skulpturen verweisen unter anderem auf Mondzyklen, welche in der Algonquin-Tradition eine zentrale Rolle spielen. Die Installation beleuchtet auch Auswirkungen der kolonialen Geschichte zwischen Europa und Nordamerika, von Handel und Migration wie auch traumatischen Erfahrungen Indigener Menschen. Das Thema der Repräsentation Indigener Völker und Kulturen in der heutigen Gesellschaft zieht sich durch Monnets gesamtes Werk. In der Schirn tritt ihre Installation „Transatlantic“ in einen Dialog mit Gemälden der kanadischen Group of Seven, die zeitgleich in der Ausstellung „Magnetic North. Mythos Kanada in der Malerei 1910–1940“ gezeigt werden.

 

Caroline Monnet, Foto: Sebastien Aubin  
Caroline Monnet, Transatlantic, 2018 © Caroline Monnet
Caroline Monnet, Transatlantic, 2018 © Caroline Monnet
GILBERT & GEORGE. THE GREAT EXHIBITION

Seit über einem halben Jahrhundert schaffen Gilbert & George gemeinsam Kunst. Ihr herausragendes Œuvre ist bis heute von ungebrochener Brisanz und Bedeutung. Die Schirn widmet dem bildgewaltigen und bisweilen provokativen Universum der exzentrischen Londoner Künstler eine umfangreiche Retrospektive mit Werken von 1971 bis 2019. Gleichzeitig Subjekt und Objekt ihrer Arbeit, bilden Gilbert & George eine vollkommene künstlerische Einheit, die nicht zwischen Kunst und Leben unterscheidet. Als Living Sculptures verkörpern sie ihre Kunst und sind Thema und Gegenstand ihrer großformatigen Collagen und gerasterten Bildwelten.

Ihr Werk kreist um Tod, Hoffnung, Leben, Angst, Sex, Geld und Religion. Es sind auch gesellschaftliche Themen, die sie in ihrer Widersprüchlichkeit zeigen: zugleich fröhlich und tragisch, grotesk und ernst, surreal und symbolisch. Gilbert & George befassen sich mit dem, was beunruhigt. Ihr Ziel ist es dabei nicht zu schockieren, sondern vielmehr unter ihrem Credo „Kunst für alle“ sichtbar zu machen, was sich in der Welt abspielt. Punks und Hipster, Autoritäten und Außenseiter, Schlagzeilen und Werbung – überall mischen sich Gilbert & George ein. Ihr Werk fordert das Weltbild heraus und erweist sich darin immer wieder von Neuem als zukunftsweisend. 

Gilbert & George, LEAFAGE, 1988, Courtesy of Gilbert & George
UGO RONDINONE. LIFE TIME

Ugo Rondinone verleiht alltäglichen Dingen oder Phänomenen eine poetische Dimension. Ein Baum, eine Uhr, die Sonne oder ein Regenbogen – mittels Wiederholung, Isolation oder Reduktion setzt er sie in seinen charakteristischen, stets minimalistisch bespielten Räumen in einen neuen Kontext und schafft atmosphärische Stimmungsbilder. Die Schirn widmet Rondinone eine große Überblicksausstellung und präsentiert zentrale Gemälde, Skulpturen und Videoarbeiten des renommierten Schweizer Künstlers. Eigens für die Schirn konzipiert er eine neue Installation, die sich über die gesamte Länge der Galerie und in die Rotunde erstreckt.

Die Ausstellung „Life Time“ verbindet wesentliche Themen, die das Schaffen des Konzept- und Installationskünstlers seit 30 Jahren prägen: Zeit und Vergänglichkeit, Tag und Nacht, Realität und Fiktion, Natur und Kultur. Immer wieder greift Rondinone in seinen Arbeiten auf die Ikonografie der Romantik zurück oder zitiert aus der Literatur und Popkultur. Der Ausgangspunkt seines multimedialen Œuvres ist die Transformation der Außenwelt in eine subjektive, emotionale Innenwelt. Er entwirft Erfahrungsräume, in denen das Publikum selbst Teil der Installationen und ihrer immersiven Anlage wird.

Ugo Rondinone, life time (Rendering), 2019, Courtesy of the artist and Studio Rondinone
PAULA MODERSOHN-BECKER 

Keine andere deutsche Künstlerin der Klassischen Moderne hat in der öffentlichen Wahrnehmung einen solch legendären Status erreicht wie Paula Modersohn-Becker (1876–1907). Bereits wenige Jahre nach ihrem Tod wurden Wanderausstellungen durch mehrere deutsche Museen organisiert. Die umfassende Retrospektive der Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet sich dem Gesamtwerk der Künstlerin und zeigt, wie radikal sie sich über gesellschaftliche und künstlerische Konventionen ihrer Zeit hinwegsetzte und so zentrale Tendenzen der Moderne vorwegnahm. In ihrem einzigartigen Werk findet Modersohn-Becker zu überzeitlichen, allgemeingültigen Bildern. Neben prägnanten Serien und Bildmotiven stehen insbesondere auch Modersohn-Beckers außergewöhnlicher Malduktus, ihre künstlerischen Methoden sowie die widersprüchliche Rezeption ihres Werks im Zentrum der Präsentation. Mit rund 120 Gemälden und Zeichnungen aus allen Schaffensphasen präsentiert die Schirn einen aktuellen Blick auf das Œuvre dieser frühen Vertreterin der Avantgarde, dessen Qualität bis heute in seinen Bann zieht.

PAULA MODERSOHN-BECKER, Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 25. Mai 1906, Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen
KARA WALKER. A BLACK HOLE IS EVERYTHING A STAR LONGS TO BE

Kara Walker zählt zu den profiliertesten US-amerikanischen Künstlerinnen der Gegenwart. Für Furore sorgten ihre wandfüllenden Scherenschnitte und raumgreifenden Skulpturen, die provokativ und eindrücklich Rassismus, Sexualität, Unterdrückung und Gewalt in den Fokus nehmen. Für die Ausstellung „A Black Hole Is Everything a Star Longs to Be“ öffnet die Künstlerin erstmals ihr umfassendes zeichnerisches Archiv und zeigt in der Schirn Kunsthalle Frankfurt über 650 Arbeiten sowie eine Auswahl ihrer Filme. Dass Walker auf Papier arbeitet, ist zentral. Virtuos bedient sie sich verschiedenster Stile, Techniken und Referenzen.

Ihre intimen Skizzen und Notizen sind Austragungsort graphischer Denkprozesse und zugleich Mittel der Satire und Karikatur, der Imagination und Subversion. Unerbittlich rüttelt Walker an Geschichtsbildern, befragt in radikaler Offenheit und drastischer Bildsprache Rassismus und sexuelle Gewalt. Sie bezieht sich dabei immer wieder auf historische wie aktuelle Ereignisse und Themen – von der Sklaverei bis zur Präsidentschaft von Barack Obama. Die Künstlerin macht bis heute anhaltende Konflikte und Traumata sichtbar und verhandelt schonungslos die Entstehung der kollektiven sowie der eigenen Identität.

Kara Walker, ohne Titel, ohne Datum, Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, ewige Dauerleihgabe der Hüni-Michel-Stiftung © Kara Walker
DOUBLE FEATURE 

Seit neun Jahren ist die Film- und Videokunstreihe Double Feature fester Bestandteil des Programms der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Einmal im Monat stellen Künstlerinnen und Künstler hier ihre eigene Produktion vor, gefolgt von einem filmischen Werk ihrer Wahl. Im Interview diskutieren die Filmschaffenden ihre Arbeiten sowie aktuelle Tendenzen der Film- und Videokunst. Bereits über 70 Künstlerinnen und Künstler haben bislang ihre Arbeiten im Rahmen dieser Reihe vorgestellt.

Im Jahr 2021 erwartet das Publikum u.a. Videoarbeiten des international bekannten Konzeptkünstlers Michael Riedel oder der bei den Kunstfilmtagen Oberhausen ausgezeichneten Kristina Kilian. Die bisherigen Interviews mit Künstlerinnen und Künstlern wie Monira Al Qadiri, Alexandra Bachzetsis, Gerard Byrne, Pauline Curnier Jardin, Eli Cortiñas, Beatrice Gibson, Andrew Norman Wilson, Damir Očko, Mario Pfeifer, Lili Reynaud-Dewar, Ani Schulze, Timur Si-Qin, Paul Spengemann, Pilvi Takala, Shen Xin und Holly Zausner sind unter dem Titel Double Feature Interview über den YouTube-Kanal der Schirn abrufbar. Das Schirn Magazin bietet zudem mit dem redaktionellen Schwerpunkt Video Art regelmäßig diskursive Beiträge, die die Reihe Double Feature begleiten.

WWTTW Still 2 ©2018 Kristina Kilian v.l.n.r Paul Toucang und Hannah Schutsch
WWTTW Still 8 © 2018 Kristina Kilian Hannah Schutsch
AUSBLICK 2022: CHAGALL. WELT IN AUFRUHR

Marc Chagall gilt als Poet unter den Künstlern der Moderne. In einer großen Ausstellung beleuchtet die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine bislang wenig bekannte Seite seines Schaffens: Chagalls Werke der 1930er- und 1940er-Jahre, in denen sich seine farbenfrohe Palette verdunkelt. Das Werk und Leben des jüdischen Malers wurde maßgeblich durch die Nationalsozialisten und den Holocaust geprägt. Bereits in den frühen 1930er-Jahren thematisierte Chagall in seiner Kunst den immer aggressiver werdenden Antisemitismus und emigrierte 1941 schließlich in die USA. Sein künstlerisches Schaffen in diesen Jahren berührt zentrale Themen wie Identität, Heimat und Exil.

Mit über 100 eindringlichen Gemälden, Papierarbeiten, Fotos und Dokumenten zeichnet die Ausstellung die Suche des Künstlers nach einer Bildsprache im Angesicht von Vertreibung und Verfolgung nach. Sie präsentiert wichtige Werke der 1930er-Jahre, in denen sich Chagall vermehrt mit der jüdischen Lebenswelt beschäftigt, zahlreiche Selbstbildnisse, seine Hinwendung zu allegorischen und biblischen Themen, die bedeutenden Gestaltungen der Ballette „Aleko“ (1942) und „Der Feuervogel“ (1945) im Exil, die wiederkehrende Auseinandersetzung mit seiner Heimatstadt Vitebsk und Hauptwerke wie „Der Engelssturz“ (1923/1933/1947). In der Zusammenschau ermöglicht die Schirn eine neue und äußerst aktuelle Perspektive auf das Œuvre eines der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Marc Chagall, Der Engelssturz, 1923-33-47, Kunstmuseum Basel, Depositum aus Privatsammlung, VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Martin P. Bühler

Änderungen vorbehalten

Um gemeinsam die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, ist die SCHIRN bis vorerst einschließlich 31. Januar 2021 geschlossen. Aufgrund der aktuellen Situation kann es zu kurzfristigen Änderungen im Ausstellungsprogramm kommen. Abonnieren Sie am besten gleich den Newsletter der SCHIRN und Sie sind immer up-to-date.

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