Die Kunst der Group of Seven prägt Kanada bis heute. Das haben wir uns genauer angeschaut: Hier sind fünf High­lights zeit­ge­nös­si­scher Landschaftsmalerei!

Die Landschaftsmalerei gibt es fast seit Anbeginn der Kunstgeschichte. Sie wurden im 15. Jahrhundert immer ausgefeilter und erlebte ihre Blütezeit in der Kunst der Romantik im 19. und 20. Jahrhundert. In Kanada nutzte die berühmte Group of Seven Landschaftsbilder – farbenfrohe, heitere Szenen unberührter Natur, obwohl diese in Realität nicht unberührt und leer war, sondern von Indigenen Völkern bewohnt wurde – um den Charakter ihres neu gegründeten Staates zu festigen. Auch heute noch nutzen zeitgenössische Künstler*innen die Landschaftsmalerei auf ganz unterschiedliche Weise: als Vehikel, um die Vergangenheit zu verändern, als Kommentar zum Klimawandel, als Mittel, um Emotionen zu wecken. Hier ist unsere fünf Highlights zeitgenössischer Landschaftsmalerei!

1. Kent Monkman / Miss Chief Share Eagle Testicle

Monkman ist ein interdisziplinärer bildender Künstler der Cree, der im Dish With One Spoon Territory (Toronto, Kanada) lebt und arbeitet. Er ahmt den Stil der klassischen Alten Meister der Romantik des 19. Jahrhunderts nach, verändert aber dabei die Geschichte, indem er Rollen vertauscht, Tiere in weiße Männer verwandelt und sein Trickbetrüger-Alter-Ego Miss Chief Share Eagle Testicle einbezieht, eine genderfluide Zwei-Geister-Figur, deren Name eine freche Anspielung auf „mischief“ (Unfug), Cher (die queere Musikikone) und „egotistical” (egoistisch) ist. Two-Spirit ist eine spirituelle Figur mit drittem Geschlechts, die es nur in den Indigenen Kulturen Nordamerikas gibt und die durch die Kolonialisierung fast ausgelöscht wurde. Share hilft dem Künstler, den westlichen Blick auf Indigene Kulturen umzukehren und die Themen „Kolonialisierung, Sexualität, Verlust und Widerstandsfähigkeit“ durch Malerei und Performance dem Publikum zu vermitteln.

Kent Monkman, Miss America, 2012, Collection of Musée des Beaux-Artes de Montréal, Courtesy the artist, Image via heard.org

2. Wanda Koop

Wanda Koop ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen des zeitgenössischen Kanadas. Sie hat die meiste Zeit ihres Lebens in Winnipeg, Manitoba, gelebt und arbeitet an der Schnittstelle von Urbanisierung, Technologie und Natur – und definiert das Genre der Landschaftsmalerei seit mehr als 40 Jahren neu. In ihren großformatigen Gemälden kombiniert sie unberührte, farbenreiche Landschaften, die fast zu flach sind, um real zu sein, mit einer Art von Bruch: seien es bunte Tropfen, grafische Formen oder Strichcodes, die als subtile Erinnerung an die Eingriffe des Menschen, ja an die Zerstörung der Natur dienen. Koop setzt sich auch unermüdlich für die Kunst ein, indem sie ihr eigenes Kunstzentrum gegründet hat, um zeitgenössische Kunst der lokalen Jugend näherzubringen.

Wanda Koop, SEEWAY FLOE, 2019, Courtesy the artist, Image via bonavistabiennale.com

3. Curtis Van Charles

Curtis Van Charles studierte Grafikdesign am Alberta College of Art and Design, wollte aber schon immer Maler werden. In seiner Praxis kombiniert er beides: Bevor er mit dem Malen beginnt, schneidet der Künstler Fotografien der Motive, bevorzugt die kanadische Flora und Fauna, digital aus und arrangiert sie neu. Manchmal integriert er sogar einige der Grafiken in gedruckter Form in die Werke selbst. Er schuf eines der ersten Wandbilder für das Beltline Urban Murals Project (BUMP), eine von der Gemeinde getragene Initiative, die seit 2017 das Stadtzentrum von Calgary, Kanada, in eine öffentliche Kunstgalerie unter freiem Himmel verwandelt. Zu Beginn seiner Karriere wollte Van Charles sein Publikum dazu inspirieren, die Natur zu genießen, doch seit Kurzem bezieht er Gletscher und Eisberge in seine Werke ein, um ein dringend notwendiges Gespräch über die Auswirkungen des Klimawandels anzustoßen.

Curtis Van Charles, Beltline Urban Murals Project (BUMP) Calgary, AB, Courtesy the artist, Image via www.vancharlesart.com

4. April Gornik

Ihre großformatigen, realistischen Landschaftsbilder erinnern an Themen der Romantik, des Symbolismus und des Feminismus, lassen aber dennoch viel Raum für Interpretationen. April Gornik wurde in den 1970er Jahren am Nova Scotia College of Art and Design in Nova Scotia, Kanada, ausgebildet und lebt seit drei Jahrzehnten mit ihrem Mann am East End von Long Island, New York. Auch wenn sie sich nie als Umweltkünstlerin bezeichnet hat, ist sie nicht dagegen, dass man in ihren Werken eine Botschaft zum Klimawandel und zur Erhaltung der Natur lesen kann. Ihre Werke befinden sich in den Sammlungen bedeutender Museen wie dem Metropolitan Museum of Art, dem Museum of Modern Art und dem Whitney Museum of American Art sowie in privaten Sammlungen. Sie ist eine begeisterte Aktivistin in der Gemeinde und hat vor kurzem eine ehemalige Kirche in ein kommunales Kunstzentrum und Artist Residency umgewandelt.

April Gornik, Sea of Light and Dark, 2019, Courtesy the artist, Image via www.aprilgornik.com

5. Hernan Bas

Hernan Bas ist in Miami geboren und aufgewachsen, aber als Erwachsener nach Detroit gezogen, da er die Eigenartigkeit der Stadt so liebt. Als Einflüsse in Bas‘ Werk seien die Faszination für das Paranormale und die Romantik mit ihrer Verherrlichung der Natur sowie die Dekadenzdichtung des französischen Schriftstellers Charles Baudelaire, die romantischen Nihilismus und Exzess hervorruft, genannt. In seinen Gemälden dominieren junge männliche Figuren, die in dunklen, jenseitigen, fast surrealen Landschaften grübeln. Seine Arbeitsweise beinhaltet eine exzessive Recherche zu Themen und anderen Künstler*innen, wobei er deren Werke sampelt und mischt, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen sind und das Werk zu seinem eigenen wird. Seine Werke wurden international von Paris bis Südkorea ausgestellt, darunter die Gruppenausstellung „Wunschwelten. Neue Romantik in der Kunst der Gegenwart“ in der Schirn. 

Hernan Bas, A boy in a bog, 2010, Courtesy der Künstler und Victoria Miro Gallery, London, Foto: Nicola Kuperus, Image via www.kunstverein-hannover.de

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