Jetzt schon in die Ferne schweifen: Die Schirn präsentiert im Frühjahr die ikonische Malerei der kanadischen Moderne aus zeitgenössischer Perspektive.

Üppige Wälder, rauschende Flüsse, erhabene Gipfel und unberührte Eisberge – dies sind die Ikonen der modernen kanadischen Malerei. In Naturbildern entwarf eine Gruppe von Künstler*innen, wie Fran­klin Carmi­chael, Emily Carr, J. E. H. MacDo­nald, Lawren S. Harris, Edwin Holgate, Arthur Lismer, Tom Thom­son oder F. H. Varley Anfang des 20. Jahrhunderts ein mythisches Kanada, auf der Suche nach einem neuen Vokabular für die kulturelle Identität der jungen Nation. In der Ausstel­lung Magne­tic North. Mythos Kanada in der Male­rei 1910–1940 werden in der Schirn erstmals in Deutschland Hauptwerke der Kanadischen Moderne aus den großen Sammlungen Kanadas gezeigt.

„Magnetic North“ versammelt eine eindrucksvolle Auswahl kanadischer Bildwerke aus der Zeit zwischen 1910 und 1940, als die Nation industriell expandierte. In einer verfüh­re­ri­schen visu­el­len Spra­che verkör­pern diese Gemälde und Skiz­zen den Traum einer „neuen“ Welt und zeich­nen ein Idyll der über­wäl­ti­gen­den Land­schaft jenseits des modernen Stadtlebens sowie der expandierenden industriellen Nutzung der Natur. Ihre Malerei ist somit nicht zuletzt auch Zeugnis kultureller Hegemonie sowie der sozialen Realität des Ausschlusses der Indigenen Bevölkerung. Aspekte wie Aneignung, Unterdrückung und die Ausbeutung von Ressourcen sind in der bis heute andauernden kolonialen Geschichte des Landes begründet und und werden in der Ausstellung kritisch betrachtet.

Alle malten die Landschaften auf neue und unverwechselbare Weise

Die „Group of Seven“ ist das Künstlerkollektiv, das gemeinhin für jene kanadische Malerei bekannt ist. Die Künstler fanden sich 1920 in Toronto zusammen und begannen die pittoresken kanadischen Landschaften auf neue und unverwechselbare Weise zu malen, in der Absicht eine gemeinsame nationale Identität zu schaffen. Stilistisch waren sie von Jugendstil und Postimpressionismus beeinflusst. Ihr ausdrucksstarker Duktus und die kraftvolle Farbpalette waren vom unmittelbaren Kontakt mit der Natur angeregt und hoben sich dadurch deutlich vom damals in Kanada beliebten akademischen Stil ab.

Emily Carr. Trees in the Sky, 1939, Photo © Art Gallery of Ontario 2008/224

Die Künstler inszenierten und sahen sich als „heldenhafte Entdecker“, eine koloniale Vorstellung die mitunter bis heute Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses ist. Gemeinsam reisten mehrere Künstler in Gruppen, zelteten und malten Ausblicke über Hügel, Seen und Schluchten. J. E. H. MacDonalds „Falls, Montreal River“ (1920) verrät die Begeisterung, die der Group of Seven-Künstler angesichts der Natur empfand. Er war fasziniert von tosenden Flüssen, von Altwäldern, Steilhängen und markanten Terrassenformationen und bezog aus ihnen spirituelle Energie.

Mit Bildern einer scheinbar unberührten Natur schufen die Gruppe und ihr Umkreis eine romantische Vision des Landes als unbewohnte Wildnis und übergingen dabei die Indigene Bevölkerung. Die Suche nach einer visuellen Repräsentation Kanadas, beziehungsweise nach einer „neuen“ kulturellen Identität, war zugleich ein Prozess der Ausgrenzung. 

J.E.H. MacDonald. Falls, Montreal River, 1920, Photo © Art Gallery of Ontario 2109

Werke der zeitgenössischen Anishinaabe-Künstlerinnen Lisa Jackson und Caroline Monnet setzen einen kritischen Kontrapunkt und eine zeitgenössische Perspektive auf die Malerei der Moderne. Ihre Arbeiten eröffnen aktuelle Zusammenhänge und setzen die Indigenen Stimmen wieder ins Zentrum. „Die Geschichte der Indigenen Völker in den Gebieten, die heute Kanada heißen, wurde die längste Zeit aus einer kolonialistischen Perspektive erzählt – und das ist heute noch so, obwohl sich die Dinge gerade ändern. Das brachte für viele hier lebende Indigene Nationen großes Leid mit sich, und Generationen von Kanadier*innen wurde die Wahrheit über ihr Land vorenthalten, dessen kolonialistische Ziele die Vertreibung, Entmenschlichung und Auslöschung Indigener Völker erforderten“, so die Künstlerin Lisa Jackson. 

Gemälde wie etwa A. Y. Jacksons „Night, Pine Island“ (1924) zeigen das Naturphänomen der Polarlichter, das zum Inbegriff für das kanadische Selbstverständnis wurde.  Hervorgerufen durch Wechselwirkungen zwischen Sonnenwinden und der Magnetosphäre der Erde sind diese das Sinnbild für den hohen Norden schlechthin. Die kosmische Leuchterscheinung erfüllte die Künstler*innen mit einem Gefühl des Staunens angesichts des Unermesslichen und regte sie zu Werken von großer Ausdruckskraft an.

Die Geschichte der Indigenen Völker in den Gebieten, die heute Kanada heißen, wurde die längste Zeit aus einer kolonialistischen Perspektive erzählt – und das ist heute noch so, obwohl sich die Dinge gerade ändern.

Lisa Jackson
Caroline Monnet, Mobilize, 2015, Filmstill © Caroline Monnet

Ganz ähnlich wurde auch der einsame Baum – oft vor düsterem Himmel und bedrohlich geballten Wolken – zur Siedlermentalität stilisiert. An den Kanadischen Schildgranit geklammert, gedeiht er trotz seiner rauen Umgebung. In der Ausstellung wird deutlich, wie kanadische Maler*innen der Moderne romantisch aufgeladene Symbole, wie das Nordlichts oder des allein stehenden Baumes, einsetzten und sie zu Repräsentanten der „neuen“ Nation erhoben. Mit diesen symbolischen Bildern gepaart mit maßgeblichen Arbeiten zeitgenössischer Indigener Künstler*innen, wirft Magnetic North einen differenzierten Blick auf die Geschichte Kanadas.

Tom Thomson, Northern Lights, About 1916-1917, The Montreal Museum of Fine Arts, A. Sidney Dawes Fonds, Foto: MMFA, Jean-François Brière

MAGNETIC NORTH

Mythos Kanada in der Malerei 1910–1940

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