21. September 2019

Sie ist eine der bemerkenswertesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. In einer großen Retrospektive zeigt die Schirn die eindrucksvollen Werke der Pionierin des Abstrakten Expressionismus.

Von Schirn Magazin

Nach mehr als 50 Jahren ist sie in einer großen Retrospektive wieder in Europa zu sehen: Lee Krasner (1908–1984). Die Schirn präsentiert Hauptwerke der großen Pionierin des abstrakten Expressionismus in den USA, darunter Gemälde, Collagen und Zeichnungen, sowie Fotografien und Filmaufnahmen dieser Zeit. Die Ausstellung erzählt die Geschichte einer der unbeirrbarsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts und zeigt Krasners Gesamtwerk, das ein halbes Jahrhundert umfasst.

Zielstrebig nahm Krasner bereits zu High-School-Zeiten Kunstunterricht und studierte in New York an der Cooper Union, der National Academy of Design und der Hans Hofmann School of Fine Arts. Sie war aktives Mitglied der American Abstract Artists und pflegte Freundschaften zu Ray Eames, Ashile Gorky und Willem de Kooning. Im New York der 1940er-Jahre bewegte sie sich neben Künstlern wie Mark Rothko, Barnett Newman, Stuart Davis und Jackson Pollock im Zentrum der sich neu herausbildenden Kunstrichtung des abstrakten Expressionismus, auch New York Style genannt. Mit unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen suchte diese junge Künstlergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue bildnerische Sprache durch eine spontane, abstrakte Arbeitsweise sowie die Abkehr von europäischen Bildtraditionen. Lee Krasners Kunst stand lange im Schatten ihres Ehemanns Jackson Pollock, der mit seinen „Drip Paintings“ einer der Hauptvertreter des „Action Painting“ ist. Beide lebten und arbeiteten ab 1945 in einem einfachen Holzhaus in Springs, Long Island.

Lee Krasner erfand sich immer wieder neu

Nach Pollocks frühem Tod bei einem Autounfall 1956 entschied sich Krasner, sein Atelier in einer umgebauten Scheune zu nutzen, und leitete damit eine neue Phase ihrer künstlerischen Karriere ein. Erstmals konnte sie auf monumentalen, nicht aufgezogenen Leinwänden arbeiten. Es entstanden einige ihrer bedeutendsten Werke. Anders als andere Künstler dieser Zeit, die ebenfalls ungegenständlich malten, entwickelte Krasner nie einen „signature style“, sondern reflektierte ihre Praxis mit dem Anspruch, ihre Bildsprache stets neu zu erfinden. 

Photograph by Irving Penn Lee Krasner, Springs, NY, 1972 © The Irving Penn Foundation
Lee Krasner, Portrait in Green, 1969, Collection Pollock-Krasner Foundation. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 & The Pollock-Krasner Foundation, courtesy Kasmin Gallery, New York, Photo: Diego Flores

Die Ausstellung gliedert sich anhand zentraler Werkgruppen Lee Krasners der 1920er- bis 1970er-Jahre. Einen Ausgangspunkt bildet das Frühwerk, an dem sich ihr Weg in die Abstraktion eindrücklich nachvollziehen lässt. Der Umzug von Lee Krasner und ihrem Ehemann Jackson Pollock 1945 in ein Farmhaus auf Long Island, markierte den ersten von zahlreichen Wendepunkten in Krasners Werk. Mit den abstrakten „Little Images“, die zwischen 1946 und 1950 entstanden, wandte sie sich von ihrem durch den Kubismus und die europäische Avantgarde geprägten Frühwerk ab. Einige Werke der ersten Phase dieser Serie erinnern in ihrer All-Over-Technik an Pollocks Malweise, Krasner arbeitete jedoch viel kontrollierter und in Ölfarbe. Die Schirn präsentiert auch spätere Bilder der Serie, die dann in einem strengen Raster aufgebaut und von rechts nach links gemalt sind – eine Arbeitsweise, die sich vermutlich von der hebräischen Schrift herleitet, die sie als Kind zu schreiben lernte. Krasner, die sich in ihrem Werk immer wieder mit Kalligrafie beschäftigte, bezeichnete diese Arbeiten selbst als „hieroglyphisch“.

Sie lehnte zu dieser Zeit Kunst­licht ab und malte ausschließ­lich nachts

Auf eigene, frühere Werke griff Krasner erstmals in ihren „Collage Paintings“ zurück. Sie kombinierte in dieser Serie zerrissene Zeichnungen und ältere Gemälde und entwickelte einen geradezu malerischen Umgang mit der Collagetechnik. Die Ausstellung zeigt etwa „Shattered Light“, in dem das unter der Collage liegende Gemälde deutlich sichtbar ist, die gerissenen Papierstücke fast nahtlos in die Malerei eingearbeitet. Unter anderem präsentiert die Schirn „Bald Eagle“, in dem Krasner zudem verworfene Arbeiten von Jackson Pollock verwendete. Eine stilistische und biografische Zäsur markiert das Gemälde „Prophecy“, das Krasner zu Pollocks Lebzeiten begann und nach seinem plötzlichen Tod bei einem Autounfall vollendete. Krasner kehrt mit diesem Gemälde zu einer fast figürlichen, an den Kubismus angelehnten Bildsprache zurück.

Lee Krasner, Shattered Color, 1947 © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Photo credit: Gary Mamay
Lee Krasner, Bald Eagle, 1955 © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Photograph by Jonathan Urban
Lee Krasner, Polar Stampede, 1960 © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Courtesy Kasmin Gallery, New York
Lee Krasner, Combat, 1965 © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / ARS, New York. Licensed by Copyright Agency, 2019

Ab 1956 nutzte Lee Krasner Pollocks ehemaliges Atelier und verwendete erstmals monumentale, nicht aufgezogene Leinwände, die sie direkt an der Wand befestigte. Es entstanden die großformatigen, gestischen Gemälde ihrer „Umber“-Serie, auch „Night Journeys“ genannt. Sie gehören zu Krasners expressivsten Werken. Da sie es ablehnte bei Kunstlicht Farbe zu verwenden und zu dieser Zeit ausschließlich nachts malte, ist die Palette auf Weiß und Umbra reduziert. Die 1,60 Meter große Künstlerin bearbeitete die bis zu 2,5 Meter hohen Leinwände unter Einsatz des ganzen Körpers und mit langstieligem Pinsel in großen, rhythmischen Bewegungen. Trotz der großen Formate fertigte Krasner vor dem Malen nie Entwurfsskizzen oder Vorstudien an.

Ein wiederkehrendes Thema in ihrer Arbeit ist die Natur

In „Through Blue“ und „Icarus“ experimentierte Krasner mit dem Malen mit der linken Hand, nachdem sie sich den rechten Arm gebrochen hatte. Oft drückte sie die Farbe direkt auf die Leinwand und bearbeitete sie mit den Fingerspitzen. Ein weiteres wiederkehrendes Thema in ihrer Arbeit ist die Natur. Ab 1969 entstanden parallel kleinformatigere Werkserien mit Gouachefarbe auf handgeschöpftem Büttenpapier.

Lee Krasner, Through Blue, 1963 © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Photograph by Christopher Stach

Die Ausstellung schließt mit zwei Zyklen aus dem Spätwerk der Künstlerin. Anfang der 1970er-Jahre begann Krasner eine Serie, in der sie abstrakte Formen mit stark kontrastierenden Farben einsetzte. Die Schirn zeigt eines der Hauptwerke dieser Phase, deren Gemälde an die Farbfeldmalerei von Mark Rothko oder Barnett Newman erinnern, sich im Werk von Krasner aber bereits in den späten Collagen der 1950er-Jahren ankündigen. 1976 entstanden Collagen mit scharfkantigen Formen, für die Krasner eigene Zeichnungen und Aktstudien in Kohle aus der Zeit ihres Studiums als Material nutzte und mit der Schere zerschnitt. Wie bereits ihre frühen Collagen sind diese Arbeiten eine kritische Auseinandersetzung der Künstlerin mit dem eigenen Werk und Vermächtnis.

Lee Krasner, Palingenesis, 1971 © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Courtesy Kasmin Gallery, New York