24. Juni 2019

Alles glänzt, alles glitzert! John M Armleders funkelndes Meer aus Discokugeln in der Schirn inspiriert: Hier unsere 10 Highlights zu Spiegeln in der Kunst.

Von Anuschka Berthelius
1. John M Armleder, CA.CA., 2019

„Meine Bilder sind völlig unvernünftig“, sagt John M Armleder über seine eigene Kunst. In seiner jüngsten Arbeit in der SCHIRN Rotunde ließ er nicht nur eine, sondern gleich 20 Discokugeln anbringen und die umgebenden Fenster mit Spiegelfolie auskleiden. So blickt man in ein unendliches Discokugel-Meer und kann sich ganz unvernünftig an durchtanzte Nächte erinnern oder einer „Disco-Zen“-Meditation hingeben ­– so wurde Armleders Kunst an anderer Stelle mal beschrieben.

JOHN M ARMLEDER. CA.CA., Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Norbert Miguletz
2. Yayoi Kusama, Infinity Mirror Rooms, 1965 bis heute

Die sonst als „Polka Dot Princess“ bekannte Künstlerin Yayoi Kusama hat seit ihrer Kindheit Halluzinationen, hauptsächlich von Punkt- und Netzstrukturen, die sie in mit ihren Werken real werden lässt. Seit den 1960er Jahren arbeitet die japanische Künstlerin an ihrer Reihe „Infinity Mirrors“ – Spiegelsäle, die immer nur einzeln betreten werden dürfen. Man wird Teil eines Universums, in dem Lichter, Formen und Farben endlos reflektiert werden. Das macht ihre „Infinity Mirrors“ zu einem beliebten Selfiemotiv: Als meistfotografierte Kunstwerke der Welt darf man sie nur noch 30 Sekunden am Stück betreten.

Yayoi Kusama, Infinity Mirror Rooms, 1965 -, Image via hirshhorn.si.edu

3. Jeppe Hein, Mirror Labyrinth NY, 2015

An seinen Werken kann man nicht einfach vorbeilaufen. Die interaktiven Skulpturen von Jeppe Hein, früher Assistent von Ólafur Elíasson, sind meist im Außenraum als bewegliche Installationen zu finden. Sie beziehen den Betrachter immer mit ein, wenn auch unfreiwillig. Denn dem eigenen Spiegelbild kann man nicht entkommen, den Skulpturen von Jeppe Hein (zum Glück) auch nicht.

Jeppe Hein, Mirror Labyrinth NY, 2015, Image via www.jeppehein.net

4. Jan van Eyck, Die Arnolfini-Hochzeit, 1434

Die wohl sagenumwobenste Hochzeit der Kunstgeschichte? Natürlich Jan van Eycks „Arnolfini-Hochzeit“! Meist rätseln bei dem Gemälde alle über die Frage, ob Giovanna Arnolfini nun schwanger ist oder nicht, doch auch der runde Spiegel gab Anlass für einige kunsthistorische Abhandlungen. Aufgrund der gewölbten Form des Spiegelglases konnte die Perspektive geöffnet werden, weshalb diese Spiegel im Mittelalter „Hexen“ genannt wurden. Für die Betrachter der „Arnolfini Hochzeit“ erweitert er außerdem den Blickwinkel: Man sieht vermeintliche Trauzeugen, den Maler selbst und eine detaillierte Ansicht des Raumes. Doch was fehlt im Spiegelbild?

Jan van Eyck, Die Arnolfini-Hochzeit (Detail), 1434
5. Anish Kapoor, Sky Mirror, 2001

„Kunstobjekte im öffentlichen Raum sollten mehr sein als ein Hundehaufen auf dem Rasen.“ Wo er Recht hat, hat er Recht. Künstler Anish Kapoor holt daher mit seinem „Sky Mirror“ einfach gleich den Himmel auf die Erde. Die sechs Meter breite, 10 Tonnen schwere konkave Schale aus poliertem Edelstahl ist mittlerweile auf mehreren öffentlichen Plätzen weltweit zu finden, wie zum Beispiel am Rockefeller Center in New York oder im Londoner Kensington Park.

Anish Kapoor, Sky Mirror, 2001, Image via wikimedia.org

6. Andy Warhol, Silver Clouds, 1966

Wo wir schon beim Himmel sind, machen wir gleich weiter mit dem nächsten Kunst-Superstar im SCHIRN-Himmel: Für die Ausstellung Glam! The Performance of Style im Jahr 2013, schwebten Andy Warhols „Silver Clouds“ (1966) durch die Rotunde bis hoch zur verglasten Decke. Gemeinsam mit Ingenieur Billy Klüver konzipierte Warhol einst die silbernen Kissen. Ursprünglich sollten es schwebende Glühbirnen werden, doch als Klüver Warhol das neu entwickelte Material „Scotchpak“ zeigte – ein Plastikfilm, der mit Hitze versiegelt werden kann – sagte Warhol „Let’s make Clouds,“ und füllte das silberne Plastik mit Helium.

Andy Warhol, Silver Clouds, Glam! The Performance of Style, Ausstellungsansicht 1966/2013 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, Foto: Norbert Miguletz
7. Nevin Aladağ, Ein bisschen Rock'n'Roll, 2011

Da ist sie wieder, die Discokugel. Dieses Mal fungiert sie als Hängevorrichtung für eine akustische Gitarre, als würde diese nur darauf warten, gespielt zu werden. Die Künstlerin Nevin Aladağ ist bekannt dafür, dass sie ihre Umgebung genau beobachtet und in ihren Werken auf das kollektive Gedächtnis der Betrachter anspielt: Discokugeln kennt jeder, Gitarren auch und der Titel spricht Bände – was ihre Verbindung für innere Bilder heraufbeschwört, bleibt dennoch jedem selbst überlassen.

Nevin Aladağ, Ein bißchen Rock'n'Roll (A little bit of Rock'n'Roll), Installation view, Künstlerische Dialoge I, Künstlerhaus Stuttgart, 2011, Image via nevinaladag.com

8. Caravaggio, Narziss, 1598/99

Heute ist eine Persönlichkeitsstörung nach ihm benannt und im Volksmund spricht man schnell von „Narzissten“, wenn es um besonders selbstverliebte Menschen geht. Das geht auf eine tragische Geschichte aus der griechischen Mythologie zurück: Nach Ovid verliebte sich der junge und schöne Narziss so leidenschaftlich in sein eigenes Spiegelbild, dass er seinen Blick davon nicht abwenden konnte und am Ende vor Verzweiflung über diese unerreichbare Liebe zu seinem eigenen Abbild starb. Caravaggio bildet diese Tragödie als unheilvollen Kreislauf ab: Nur der junge Mann und sein Spiegelbild ist zu sehen, alles andere ist schwarze Dunkelheit.

Caravaggio, Narziss, 1598/99, Image via wikimedia.org

9. Doug Aitken, Mirage Gstaad, 2019

Es gibt eigentlich nichts, was Doug Aitken nicht kann. Er illuminiert Museumsfassaden, inszenierte ein Happe­ning auf einer Zugreise von New York nach San Fran­cisco, drehte darauf basierend einen Film und verhüllte die Schirn Rotunde mit einer Sound-Installation in einen sphärischen Springbrunnen. Dieses Jahr verhüllte er ein ganzes Haus mit einer Spiegelfassade: Wie eine Fata Morgana in den Schweizer Alpen lassen die reflektierenden Oberflächen das Spiegelhaus in seiner Umgebung verschwinden. Aitken nennt es eine „Echokammer“, die in einem Feedback Loop die Natur endlos erweitert.

Doug Aitken, Mirage Gstaad, 2019, Image courtesy of the Artist; Photo by Stefan Altenburger, Image via mymodernmet.com

10. Monir Shahroudy Farmanfarmaian, Mirror Ball, ca. 1974

Die Künstlerin Monir Shahroudy Farmanfarmaian gilt als eine der bedeutendsten iranischen Künstlerinnen der Gegenwart und war eine Freundin Andy Warhols, dem sie auch einen ihrer Spiegelbälle schenkte. Die Inspiration für ihre „Mirror Balls“ fand sie in den Mosaiken der Moscheen und im Alltagsleben ihrer Heimatstadt Teheran. Nachdem sie Kinder auf der Straße beim Fußballspielen beobachtete, begann sie an ihren kugelförmigen Spiegelmosaiken zu arbeiten. Die strahlenden Kugeln erinnern nicht nur an lange Diskonächte, sie fangen auch ihre Umgebung ein und geben sie als funkelnde Lichtreflexe wieder.

Monir Shahroudy Farmanfarmaian, Mirror Ball, ca. 1974-1977,
Image via www.guggenheim.org