28. Juni 2019

Ihre Musikzimmer wurden schon weltweit ausgestellt. Im Interview erzählt Nevin Aladağ, wie man Garderoben zu Cellos umbaut und von ihrer ersten Arbeit mit einer Hip-Hop tanzenden Familie.

Von Carina Bukuts

Viele deiner Arbeiten sind eine Auseinandersetzung mit kultureller und sozialer Identität. Du bist selbst in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen. Gab es einen bestimmten Zeitpunkt, an dem du dir dessen bewusst wurdest, dass du dich mit deiner Historie und Herkunft künstlerisch auseinandersetzt?

Die Frage taucht natürlich oft auch, aber noch nie wurde ich gefragt, wann ich das bewusst eingesetzt habe. Um ehrlich zu sein, war mir ganz lange nicht bewusst, dass meine Herkunft überhaupt eine Rolle spielt. Wenn du als Künstlerin anfängst, zu studieren und jung bist, machst du dir erstmal überhaupt keine Gedanken darüber, welche Einflüsse bei deiner Kunst vorhanden sind. Es ging in der Akademie in München eher darum, was uns popkulturell beeinflusst oder welche Materialien uns beschäftigten. Wirklich bewusst wurde mir es erst mit meiner letzten Videoarbeit „Familie Tezcan“ während meiner Studienzeit.

Warum bei dieser Arbeit?

Ich habe eigentlich einen Breakdancer für meine Videoarbeit „Der Mann, der über seinen Schatten springen wollte“ gesucht und habe dann ganz viele Leute aus der B-Box Szene kennengelernt, zufälligerweise auch Cengiz, der wie ich türkischstämmig ist. Seine Frau kam immer zum Training und erzählt mir, dass nicht nur ihr Mann tanzt, sondern die gesamte Familie. Ich fand es schön, dass Tanz und Musik so eine große Rolle innerhalb der Familie spielen und habe gefragt, ob ich das mal filmen dürfte. Auch in meiner eigenen Familie ist es ganz normal, überall mitzusingen und mitzutanzen. Es sind Ausdrucksformen, die geschlechterübergreifend total akzeptiert sind. Bei der Familie Tezcan fand ich interessant, dass sie sich gerade den Hip-Hop aus Amerika als ihre Familientradition auserkoren hat und seine Hierarchien aufheben. Dass die Familie auch türkischstämmig ist und so viele Gemeinsamkeiten mit meiner hatte, fand ich spannend, aber es ist nicht so, dass ich auf der Suche danach war. Es war ein glücklicher Zufall.

Ich fand es schön, dass Tanz und Musik so eine große Rolle inner­halb der Fami­lie spie­len.

Nevin Aladağ

Nevin Aladağ, Familie Tezcan © Nevin Aladağ, Image via nevinaladag.com

Hat dieses Video denn deine folgenden Arbeiten sehr beeinflusst? 

Die äußere Wahrnehmung wurde dadurch natürlich stark beeinflusst. Ich habe das Video anschließend auch relativ häufig international ausgestellt und plötzlich stand diese Arbeit sehr stark für mich und wurde mit meiner Biografie gelesen. Das war der Moment, in dem ich mir die Verbindung auch selbst eingestanden habe. Auch wenn die Arbeit auf einem Zufall basiert, gibt es bestimmte Gründe, warum man auf etwas stößt.

Viele deiner Arbeiten zeugen davon, dass du gerne mit den tradierten Normen von Skulptur brichst, so auch beim „Musikzimmer“. Für die Arbeit, die in der Ausstellung „Big Orchestra“ in der SCHIRN zu sehen ist, hast du Möbel in Musikinstrumente umfunktioniert.

Genau! Das erste „Musikzimmer“ entstand allerdings für eine Ausstellung in Mons in Belgien, kuratiert von Dirk Snauwaert. Dort habe ich in Secondhand Läden nach Möbeln gesucht, die mir nicht nur persönlich von der Ästhetik her gut gefallen, sondern auch leicht zu verarbeiten sind, sodass man Instrumente daraus bauen kann. Wenn ich eine Gitarre machen wollte, brauchte ich zum Beispiel stabile Lehnen, damit man die Saiten gut spannen konnte. Das erste „Musikzimmer“ war auch so konzipiert, dass man es hätte spielen können. Es gab einen Stuhl, der eine Harfe war, eine Garderobe, die ein Cello war. Später habe ich das Adam Szymczyk für die documenta 14 in Kassel und Athen vorgeschlagen. Ich wollte ein größeres Musikzimmer machen und dafür in Athen nach typischen Möbeln und Instrumenten suchen. Er hatte angeregt, dass wir das Musikzimmer auch regelmäßig aktivieren sollten.

Bei der Recherche in Athen habe ich dann festgestellt, wie viele Parallelen es zu dem Musikzimmer gab, das ich zuvor bei Rampa in Istanbul gemacht habe. Es gab viele Instrumente, die gleich aussahen oder einen ähnlichen Klang hatten. Wir haben die Möbel für das Musikzimmer aus verschiedenen Shops und Privathaushalten zusammengetragen und versucht, die Instrumente so zu bauen, dass sie immer noch als Möbelstück erkennbar waren. Ein Tisch, der wie eine Santouri klingt oder ein Stuhl, der wie eine Harfe klingt. Natürlich musste man manche Möbel auch nochmal verstärken, weil nicht alle einen eigenen Klangkörper hatten, aber trotzdem wurde der eigene Charakter beibehalten. Den Möbeln wurde sozusagen eine Stimme verliehen.

Den Möbeln wurde sozu­sa­gen eine Stimme verlie­hen.

Nevin Aladağ

Gab es dann für die Aktivierung der Instrumente eine bestimmte Komposition oder war alles Freestyle?

Das war Improvisation. Wir haben es vorher geprobt, damit alle ein Gefühl für die Instrumente und füreinander bekommen. Wichtig war mir auch, dass keine vorgefertigten Melodien gespielt werden. Es waren immer zwei bis maximal vier Musiker bei den Performances anwesend, die während derer auch möglichst die Instrumente gewechselt werden sollten. Ich fand es schön, wenn es eine kleine Abfolge gibt, aber nichts Einstudiertes. Die Musiker haben sich sehr aufeinander eingelassen und haben jedes Mal eine neue Geschichte erzählt.                                           

Der Titel der Arbeit referiert ja auch auf die Musikzimmer des 19. Jahrhunderts, in der dieser Raum auch ein Statussymbol war. Bei dir wird jedoch der private Raum in einen öffentlichen transferiert und die Möbel bekommen plötzlich eine erweiterte Funktion. Auch wenn es Musiker sind, die performen, suggeriert die Arbeit trotzdem, dass jeder theoretisch diese Möbel aktivieren könnte und ein Instrument spielen kann.

Ja, das stimmt. Das ist ehrlich gesagt die größte Befreiung. Zum Einen, dass die Möbel befreit werden und nicht nur funktional sein müssen, sondern auch, dass jemand wie ich, die auch kein Instrument besonders gut spielen kann, damit interagieren kann. Dass es bei Musik gar nicht immer darum geht, Skills oder Techniken drauf zu haben. Natürlich ist das toll und ich bewundere das auch, aber diese Arbeit funktioniert ganz unabhängig davon, ob man ein Harmonieempfinden hat, sondern ermutigt einen freien Umgang.

Diese Arbeit funk­tio­niert ganz unab­hän­gig davon, ob man ein Harmo­nie­emp­fin­den hat.

Nevin Aladağ
Nevin Aladağ, Music Room, Brussels, 2015 Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Marc Krause

Gleichermaßen verhält es sich auch bei der Videoinstallation „Traces“, die auf der Venedig Biennale 2017 ausgestellt wurde. Hierfür hast du unterschiedliche Instrumente mit der urbanen Landschaft von Stuttgart interagieren lasse. Ein Tamburin wird von einem Schaukelpferd gespielt, eine Mundharmonika von einem Luftballon aufgeblasen. Die Musikinstrumente befreien sich von tradierten Konnotationen und Konventionen.

Hier werden die Instrumente plötzlich autarke, autonome, scheinbar sich von selbst bewegende Körper in der Landschaft. Ihnen wird Leben eingehaucht. Es braucht den Menschen gar nicht mehr, um sie zu spielen. Die Instrumente eignen sich den Raum einfach an und sind repräsentativ für die Gesellschaft dieser Stadt.

In diesem Fall sogar die deiner Heimatstadt.

Ja, aber nicht nur. Für die Sharjah Biennale 2013 habe ich das Video „Sessions“ gemacht, das ähnlich ist und doch sehr anders. Hier musste ich mir erst ein Bild über das Leben und die Population dort machen, weil ich Sharjah und die Emirate vor der Einladung zur Biennale noch gar nicht richtig kannte. Da in den Emiraten größtenteils pakistanische, iranische und irakische Arbeiter leben, habe ich nach Instrumenten gesucht, die sie von ihrer Heimat dorthin mitgenommen haben. Die Instrumente im Video wurden dann Stellvertreter dieser Gesellschaft.

Das ist eine ziemlich spannende Diskrepanz, die du beschreibst. Die Instrumente werden zum Abbild einer Population in einer Landschaft, zu der sie eigentlich gar nicht gehören.

Ja, das hast du sehr schön gesagt. Mir hat auch mal jemand gesagt, dass man das richtig spürt wie diese Instrumente sich der Landschaft ausliefern müssen. Erstmal klimatisch, weil es wirklich sehr heiß ist und natürlich auch von den Arbeitsbedingungen, aber auch grundsätzlicher von den Existenzbedingungen.

Die Instru­mente im Video wurden dann Stell­ver­tre­ter dieser Gesell­schaft.

Nevin Aladağ

Bei deiner Performance „Raise the Roof“ist es der Stiletto-Schuh, der zum Instrument wird, indem Performerinnen mit ihm auf kleinen Plateaus mit Kupferoberfläche tanzen. Während jede Performerin über Kopfhörer einen individuellen Song hört, zu dem sie sich bewegt, hört das Publikum nur einen Geräuschteppich von allen Bewegungen, die sich auf dem Kupfer vollziehen. Die Melodie, das Konstruierte, löst sich also auf. Wo liegt für dich der Unterschied zwischen Musik und Sound?

Wie du gesagt hast, ist Musik immer komponiert und deswegen auch relativ vorhersehbar, weil es gewisse Harmonien gibt oder einen Rhythmus, an dem man sich orientieren kann. Sound hingegen ist eher das Unerwartete, das Unkontrollierte. Was ich spannend finde, ist, was passiert, wenn man sich dem Sound aussetzt. In einer anderen Arbeit von mir, habe ich zum Beispiel klatschende Hände zusammengeschnitten, die erstmal keinen klassischen Rhythmus haben. Aber je länger man zuhört, fängst man an, Harmonien herauszufiltern, weil das Gehirn den Klang so umfunktioniert, dass es harmonisch klingt. Ich glaube, dass die zufällig entstandenen Sounds eine größere Aufmerksamkeit bekommen, weil sie eben nicht in einer erwartenden Folge abgespielt werden.

Sound hinge­gen ist eher das Uner­war­tete, das Unkon­trol­lierte.

Nevin Aladağ
Nevin Aladağ, Raise the Roof, 57th International Exhibition of La Biennale di Venezia, Venice, Italy, 2017, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin

Was ich an dieser Arbeit auch spannend finde ist, dass es unterschiedliche Modi gibt. Wenn die Tänzerinnen nicht mehr auf den Plateaus singen, hallt trotzdem die Dynamik der Performance durch die bearbeitete Kupferoberfläche nach. Mich haben die kleinen Abdrücke direkt an Einschusslöcher erinnert. Das sexy Symbol eines Stilettos wird also umgekehrt.

Der Stiletto hat per se schon eine Konnotation, die sexy ist, aber gleichzeitig repräsentiert er auch Selbstbewusstsein. Viele Frauen tragen hohe Schuhe, weil sie sich dadurch stärker fühlen. Ich wollte eine Lesbarkeit erzeugen, in der der Schuh plötzlich auch eine Funktionalität hat. Er wird zum Hammer, der diese Oberfläche prägt, zu einem Musikinstrument und auch zu einem gefährlichen Werkzeug.