14. November 2018

Paula Rosolen arbeitet wie eine Feldforscherin: Die Choreografin und Tänzerin nähert sich den Themen ihrer Stücke, indem sie Leute interviewt. Diesmal haben wir den Spieß umgedreht – und sie zum Gespräch gebeten.

Von Markus Wölfelschneider (Text), Neven Allgeier (Foto)

Die Choreografin und Tänzerin Paula Rosolen sitzt im „My Piecyle“ – einem ihrer Lieblingscafés im Offenbacher Mathildenviertel, zu dem auch eine Fahrradwerkstatt gehört. Neben Möbeln mit Flohmarktcharme sind restaurierte Vintage-Räder Teil der Einrichtung. „Heute bin ich nicht mit dem Rad hier. Bei schönem Wetter pendle ich aber gerne am Mainufer entlang“, erzählt sie. Den Ort hat Rosolen vorgeschlagen, weil sie seit rund einem Jahr in Offenbach wohnt – und mit ihrer Dance-Company „Haptic Hide“ zurzeit auf der Suche nach einem eigenen Proberaum ist.

Foto: Neven Allgeier

In wenigen Tagen beginnen am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm zwar die Proben für Rosolens Stück „Aerobics!“, zu denen sie uns auch eingeladen hat. Viel Zeit zum Reden wird dann allerdings nicht sein.

Überraschende Verbindungen zwischen Ballett, Aerobic und Militär

„Aerobics! – ein Ballett in drei Akten“ ist ihr erfolgreichstes und bekanntestes Stück. 2014 hat es den ersten Preis beim Wettbewerb „Danse Élargie“ am Théâtre de la Ville in Paris gewonnen. Nun wurde Rosolen mit dem Stück zu einem Festival nach Tokio eingeladen. „Aerobics!“ stellt überraschende Verbindungen zwischen Ballett, Aerobic und Militär her. „Was viele nicht wissen: Das Stück wurde bereits in den Sechzigern von einem Arzt der U.S. Air Force als Ausdauertraining für Piloten entwickelt und passte mit seinen streng geregelten Abläufen später perfekt in den von Workaholism und Productivism geprägten Zeitgeist der Achtziger“, sagt Rosolen.

Foto: Neven Allgeier

An dem Thema hat ihr nicht zuletzt auch gefallen, dass Aerobic Teil einer internationalen Popkultur ist und deshalb jeder einen Zugang findet. „Ich möchte keine Kunst für Künstler machen, sondern ein breites Publikum für meine Arbeit begeistern.“ Zu Japan hat Rosolen eine besondere Verbindung. In den vergangenen Jahren war sie rund zehn Mal dort. Das erste Mal 2016 als Artist in Residence an der Villa Kamogawa in Kyoto, einer Einrichtung des Goethe-Instituts.

Ich möchte keine Kunst für Künstler machen, sondern ein breites Publikum für meine Arbeit begeistern.

Paula Rosolen

Damals führte sie drei Monate lang Interviews mit Puppenspielern, die sich auf asiatische Figurentheater-Traditionen wie Bunraku oder Löwentanz spezialisiert haben. Das Ergebnis ihrer Recherche war ein Stück namens „Puppets“. Der Clou: Die Bewegungen der Puppenspieler, die für das Publikum eigentlich unsichtbar sind, übersetzte Rosolen in eine minimalistische Choreografie. Ein solcher Dreh, bei dem auf der Bühne etwas Verborgenes in den Mittelpunkt rückt, ist typisch für ihre Arbeit. Ebenso wie die Methode, sich einem Thema über Interviews zu nähern.

Rosolen, geboren 1983 in Argentinien, bestellt zum Milchkaffee einen Schoko-Bananenkuchen und erzählt von ihrem Werdegang. In Buenos Aires studierte sie an zwei verschiedenen Unis zunächst parallel Tanz und Kunstgeschichte. „Irgendwann habe ich mir gesagt: Mit Kunstgeschichte kannst du auch noch weitermachen, wenn du alt bist – und mich ganz dem Tanz gewidmet“. Nach Europa wollte sie ursprünglich nur für ein Auslandssemester. London war ihr zu teuer. Sie entschied sich schließlich für Frankfurt.

Foto: Neven Allgeier
Foto: Neven Allgeier

An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studierte Rosolen Zeitgenössischen und Klassischen Tanz und machte später an der Uni Gießen ihren Master in Choreografie und Performance. „Dass ich in Deutschland blieb, hat sich einfach ergeben. Es gab keinen Moment, an dem ich das bewusst entschieden hätte“, erinnert sich die Choreografin. Ein Punkt ist ihr wichtig: „Ich möchte nicht als ‚Argentinische Künstlerin‘ bezeichnet werden. Dieser Stempel passt nicht zu mir. Ich habe zwar zwei Staatbürgerschaften, aber mein ganzes Erwachsenenleben in Deutschland verbracht ­– und mit der heutigen Kunst- und Tanzszene in Argentinien nicht viel zu tun.“

„Ich möchte nicht als ‚Argen­ti­ni­sche Künst­le­rin‘ bezeichnet werden“

Paula Rosolen
Foto: Neven Allgeier

Nach dem Studienabschluss folgten Gastspiele mit einem Stück über die nach Argentinien ausgewanderte deutsche Ausdruckstänzerin Renate Schottelius, der Rosolen auch ihre Masterarbeit gewidmet hat. Außerdem trat sie eine Residenz am Zentrum für Choreographie „K3“ in Hamburg an. 

„Ich habe zwar nicht gleich viel Geld verdient, konnte aber von meiner Arbeit leben“, erzählt sie. Gelegentlich tanzte Rosolen auch in fremden Produktionen an Stadttheatern. „Da war ich aber eher Werkzeug als Künstler. Die Art und Weise, wie man dort mitwirkt, hat mir nicht gefallen“, erinnert sie sich. Lieber schuf sie eigene Stücke, die dann zum Beispiel an freien Theatern wie Kampnagel in Hamburg, den Sophiensaelen oder dem Theaterdiscounter in Berlin aufgeführt wurden. Oft ist Rosolen auch im Ausland unterwegs. „In Deutschland arbeiten Theater gerne mit einem festen Stamm von Künstlern zusammen. 

Da war ich aber eher Werkzeug als Künstler. Die Art und Weise, wie man dort mitwirkt, hat mir nicht gefallen.

Paula Rosolen
Foto: Neven Allgeier

Ein Austausch findet praktisch nicht statt. Es gibt wenig Interesse, Leute von Außerhalb einzuladen. Im Ausland ist man da offener“, sagt sie. Seit 2013 produziert der Mousonturm ihre Stücke. Vor drei Jahren hat die Künstlerin ihre eigene Company „Haptic Hide“ gegründet. Ein festes Team kümmert sich um die Organisation. Die Tänzer aber wechseln von Stück zu Stück. Haptic Hide ist kein festes Ensemble, sondern eher eine Arbeitsstruktur. „Sie erleichtert es mir, Projekte im Ausland zu realisieren. Wenn man etwa mit Theatern in Frankreich kooperieren will, geht das nur mit eigener Company.“

Die Tänzer agie­ren in einer beinahe Slap­stick-ähnli­chen Atem­lo­sig­keit

Rosolen packt ihren Laptop aus und zeigt mir das Video von ihrer neuesten Produktion „PUNK!“, das vergangenen Juni aufgeführt wurde. „Punk hat eine ganz bestimmte Ästhetik, Körperlichkeit, Kraft und Energie. Die wollte ich auf die Bühne bringen“, sagt sie. In einer Szene tobt ein blonder Tänzer oberkörperfrei in Iggy-Pop-Pose über die Bühne. Ihn sehen wir rund eine Woche später auch in einem Proberaum im vierten Stock des Mousonturms wieder. Wir werden zu einer der letzten Proben vor dem Tokio-Gastspiel von „Aerobics!“ empfangen. Der Fußboden des lichtdurchfluteten Raums ist mit schwarzem Linoleum ausgelegt. Aus zwei hohen Standboxen tönt „Saturday Night“ von Whigfield – ein etwas trashiger Eurodance-Klassiker aus den Neunzigern. Die Musik gehört nicht zum Stück, sondern läuft nur während der Aufwärmphase. Rosolen trägt eine Stretchhose. Ihre kupferroten Locken hat sie mit einem Haargummi gebändigt. 

Foto: Neven Allgeier
Foto: Neven Allgeier

Sieben Tänzer gehören zum Cast. „Für ein Stadttheater wären das Peanuts, für eine freie Tanztheatergruppe ist das eine große Produktion“, sagt sie. Die Atmosphäre ist erfrischend international. Wortfetzen in Englisch und Spanisch klingen durch den Raum. Gesprochen wird aber nicht viel. Die Probe beginnt. Die Tänzer agieren in einer beinahe Slapstick-ähnlichen Atemlosigkeit. Hin und wieder bilden sie Figuren, die an Ballett-Formationen und Flugzeugstaffeln erinnern. Bei der Aufführung wird das Publikum etwas erhöht sitzen, um eine Art Pilotensicht auf das Geschehen zu haben. Und bald werden sich Tänzer tatsächlich in einem Flugzeug befinden. Dann geht es dem Land der aufgehenden Sonne entgegen.

Foto: Neven Allgeier