17. Februar 2020

Die Offenbacher HfG-Studentin Jackie Youn arbeitet als Tattoo-Artist und sticht mit Nadeln und schwarzer Tinte besonders filigrane Motive.

Von Markus Wölfelschneider (Text), Neven Allgeier (Foto)

Jackie Youn empfängt uns außerhalb der Geschäftszeiten im Tattoo-Studio „Inktastic“. Sie trägt einen karierten Pullunder über einer schillernden Bluse aus transparentem Stoff, die den Blick auf einige ihrer Tattoos freigibt. Auf ihrem rechten Oberarm prangt eine nackte Frau, die auf einem Pferd reitet – ihr persönliches Logo, das sich auch als Siebdruck auf ihrer Arbeitsschürze wiederfindet. Youn ist Tattoo-Artist. Die kleinen Tintenkleckse auf ihren Sneakern sind so etwas wie das Erkennungszeichen ihres Berufstandes.

Wir befinden uns in einem Altbau-Eckhaus im Frankfurter Nordend. Bastmatten und blickdichte Gardinen vor den Fenstern lassen die ohnehin schon schwarz gestrichenen Räume noch einmal einen Tick dunkler wirken. Gelegentlich rattert draußen eine Straßenbahn vorbei. Aus ringförmigen Lampen, die auf Stative montiert sind, fällt gleißendes Licht auf Liegen aus Leder, zwischen denen wir auf Drehstühlen sitzen.

Ob Buenos Aires, Paris oder Berlin: Jackie Youn ist international unterwegs

Surrende Nadeln gehören heute Abend nicht zur Geräuschkulisse. Dafür tönt leise Lounge-Musik durch das Erdgeschoss. Aus der Fußballkneipe nebenan dringt hin und wieder ekstatischer Torjubel herüber: Die Eintracht scheint gerade einen Lauf zu haben. Vor rund zwei Jahren hat Youn bei Inktastic Tätowieren gelernt – zunächst mit Orangen und Bananen als Versuchsobjekten. Der Betreiber des Studios ist ein Freund von ihr. Inzwischen tätowiert sie nicht nur hier, sondern überall dort, wo sie gerade ist: auf Reisen in Städten wie Buenos Aires, Paris oder Berlin zum Beispiel. Dank Instagram erreicht sie Kunden überall auf der Welt und kann mit ihnen unkompliziert Termine vereinbaren.

Foto: Neven Allgeier

Youn hat schon als Kind gerne gezeichnet. Momentan studiert sie an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG). „Einen eigenen Stil zu entwickeln, ist für einen Tattoo-Artist mindestens genauso wichtig wie Zeichentalent“, sagt Youn. Tattoos entstehen nicht immer frei Hand. Es ist durchaus üblich, Hilfsmittel wie iPad, Schablonen oder eine Art Pauspapier zu verwenden. Motive werden häufig erst ausgedruckt und auf die Haut übertragen, bevor die Nadel zum Einsatz kommt.

„Bei meinen Arbeiten geht es oft um Menschen und ihre Beziehung zur Natur“, erklärt Youn. Ein Blick in ihr Instagram-Profil zeigt ihre Motivpalette: Silhouetten von Frauen, Tiere und Pflanzen – alles sehr filigran gezeichnet, minimalistisch und meist einfarbig mit schwarzer Tinte gestochen. „Fine-Line-Tattoos“ nennt man diesen Trend. Einige ihrer Motive wirken sinnlich und verträumt: das Bild einer Frau zum Beispiel, die sich sanft an einen Widder schmiegt. Andere haben eine leicht humoristische Note. Dann sieht man etwa einen Mann, dem statt einem Kopf ein Blumentopf auf dem Hals sitzt, aus dem Pflanzen sprießen. 

Einen eigenen Stil zu entwickeln, ist für einen Tattoo-Artist mindestens genauso wichtig wie Zeichentalent.

Jackie Youn
Foto: Neven Allgeier

Youn wuchs in Südkorea auf, wo Tattoos erst so langsam im Mainstream ankommen und gesellschaftsfähig werden. „Anders als hierzulande braucht man dort eine Genehmigung, um als Tattoo-Artist zu arbeiten. Es gibt aber momentan eine Bewegung, die sich dafür stark macht, das zu ändern“, erzählt sie. In Korea hat Youn zunächst Innenarchitektur studiert. Nach Deutschland zog sie, um einen Job als Grafikdesignerin bei einer Frankfurter Event-Agentur anzutreten. „Die Arbeit hat mich aber schon bald gelangweilt“, erinnert sie sich. „Ich wollte nicht den ganzen Tag im Büro sitzen und auf einen Bildschirm starren. Mir ist es wichtig, einen Beruf zu haben, bei dem ich Menschen treffen und mit meinen Händen arbeiten kann.“

Also schmiss Youn ihren Job, eignete sich fehlende Deutschkenntnisse an, bewarb sich an der HfG – und wurde angenommen. Im Studium beschäftigte sie sich viel mit Techniken wie Lithografie und Linoldruck. Letzteres war eine gute Vorbereitung für ihre Arbeit als Tattoo-Artist. Auch beim Linolschnitt kommt es schließlich darauf an, langsam und konzentriert einer Linie zu folgen. Für beides braucht man eine ruhige Hand. „Jede einzelne Linie ist wichtig. Wenn man sich einmal verschneidet oder daneben sticht, dann gibt es kaum ein Zurück. Das ist ein großer Unterschied zu einer Illustration, die zum Beispiel mit dem Bleistift entsteht.“

Jede einzelne Linie ist wichtig. Wenn man sich einmal verschneidet oder daneben sticht, dann gibt es kaum ein Zurück.

Jackie Youn
Foto: Neven Allgeier

Auf einer Liege stapeln sich großformatige Drucke, die Youn heute Abend als Anschauungsmaterial mit ins Studio gebracht hat. Die Bildsprache ähnelt der ihrer Tattoos. Man sieht Frauen, die sich in einer Art Naturzustand befinden: Unbekleidet und umgeben von wild wuchernden Pflanzen tanzen sie mit Fackeln in den Händen um ein Lagerfeuer herum. Die Drucke will Youn zu einem Buch mit dem Titel „Das Idyll“ zusammenstellen. Weil sie sich jetzt erst einmal auf ihre Semesterprojekte konzentrieren möchte, nimmt Youn für eine Weile keine Aufträge als Tattoo-Artist mehr an. „Es ist aber nur eine sehr kurze Pause“, sagt sie. „Es geht schon bald wieder weiter.“

 

Foto: Neven Allgeier