13. August 2018

Er hängt Farbringe an überdimensionierte Porzellanhaken, präsentiert seine Vasen auf Instagram und hat schon mit namhaften Künstlern kooperiert. Ein Besuch im Frankfurter Industriegebiet.

Von Markus Wölfelschneider

Der Tischventilator surrt auf Höchststufe. Zur weiteren Abkühlung bringt uns der Frankfurter Bildhauer Anselm Baumann eine Flasche mit Ingwer-Orangen-Wasser, das er aus einer kleinen Brauerei im Odenwald bezieht. Gerade eben hat er noch mit seinem Getränkelieferanten telefoniert, um Nachschub zu organisieren. Bei Temperaturen von annähernd 40 Grad fast schon ein Notruf.

Wir sitzen im Bürozimmer seines Ateliers im Fechenheimer Industriegebiet, das über eine Küche mit der Werkstatt verbunden ist. Durch die Fenster blickt man auf den eindrucksvollen Fuhrpark einer Firma, die sich auf Schwertransporte spezialisiert hat. „Die wirbeln die wuchtigsten Teile herum wie Zigarettenschachteln und haben mir schon oft geholfen“, sagt Baumann. Sein dreieinhalb Tonnen schwerer Keramikofen zum Beispiel, der im Hof gleich gegenüber der Laderampe steht, wurde von einer der Hubmaschinen an Ort und Stelle gerückt.

Der Ventilator surrt, wir trinken Ingwer-Orangen-Wasser

„Diese Räume hier in der Lagerhalle einer ehemaligen Spedition bekam ich vor fünf Jahren angeboten. Weil sie mir zu groß und zu teuer waren, trommelte ich drei weitere Leute zusammen“, erzählt Baumann. „Der Vermieter hat dann alles nach unseren Wünschen umgebaut – und inzwischen Gefallen daran gefunden, an Künstler zu vermieten. Auch in einem Nachbargebäude, das ihm gehört, befinden sich nun Ateliers.“

Foto: Neven Allgeier

Die große Hitze, die bei unserem Besuch in Frankfurt herrscht, ist Baumann übrigens durchaus willkommen: „Sie sorgt dafür, dass mein Gips schneller trocknet“, freut er sich. Insgesamt 48 Gipsplatten bilden die Hintergrundfläche für ein abstraktes Wandrelief, das Baumann bei einer Ausstellung zu Ehren des befreundeten Künstlers Michael Beutler bald im Oldenburger Kunstverein zeigt. Auf die derart verkleidete Wand hängt er dann vergleichsweise kleinformatige Keramikreliefs, die teilweise Variationen desselben Musters wie die Gipsplatten aufweisen: eine Waffelstruktur, wie man sie von jener Sorte Wellpappe kennt, mit der Weinflaschen bruchsicher verpackt werden.

Foto: Neven Allgeier
Foto: Neven Allgeier

Baumann wurde 1958 in Freiburg geboren, wo er nach dem Abitur an der traditionsreichen Münsterbauhütte eine Ausbildung zum Steinbildhauer machte. „Es ging mir darum, einen Einstieg in den handwerklichen Umgang mit dem Material zu finden“, sagt er. „Manchmal steht es einem aber auch im Weg, wenn man zu viel kann. Ich habe immer nach etwas gesucht, das ich nicht kann. Ich will mich überraschen und vom Material leiten lassen. Darum habe ich mich auch alle fünf bis sieben Jahre mit neuen Werkstoffen beschäftigt: Von Sperrholz über Gips bis hin zu Beton, Keramik, Porzellan und Kunststoff“, erzählt Baumann.

Im Anschluss an seine Lehre schrieb er sich als Gaststudent an der Kunstakademie in Karlsruhe ein und bekam ein Stipendium an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Es folgten erste Ausstellungen Außerdem gewann Baumann mehrere Wettbewerbe zum Thema Kunst am Bau. „Ich interessiere mich sehr für Architektur. Einige meiner Installationen befinden sich in Durchgangsräumen – Treppenhäuser oder Foyers. Mir gefällt der Gedanke, dass man sich als Betrachter das Kunstwerk erlaufen muss. Das trifft auch auf meine Wandreliefs zu, die immer anders aussehen. Je nachdem, von welcher Seite man sich nähert.“

Ich habe immer nach etwas gesucht, das ich nicht kann. Ich will mich überraschen und vom Material leiten lassen.

Anselm Baumann
Anselm Baumann, Foto: Neven Allgeier

Nach Frankfurt kam Baumann über Stationen in New York und Berlin, wo er zeitweise lebte. „In Frankfurt hatte ich Freunde. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir Ende der Achtziger im Ruderdorf am Osthafen saßen und verträumt über den Main schauten“, erzählt er. „Ich sagte, wie schön ich es fände, dort drüben ein Atelier zu haben. Das Haus gegenüber – inzwischen ist es längst abgerissen – gehörte der Firma Thyssen. Ein paar Tage später erfuhr ich zufällig, dass die Betriebskantine aufgelöst wurde und ich die Räume tatsächlich anmieten konnte.“ 1989 zog Baumann nach Frankfurt. Kaum war er hier, kam im Radio die Meldung vom Mauerfall. Ironischerweise war der komplizierte Grenzverkehr, der ja nun wegfiel, einer der Gründe, weshalb er aus Berlin weg wollte.

Zartfarbige Ringe aus Expoxidharz sind sein Markenzeichen

Mitte der Neunziger begann Baumann mit einer Serie von zartfarbigen, leicht transparenten Ringen aus Epoxidharz, die von absurd wuchtigen Porzellanhaken an der Wand gehalten werden. Kombiniert zu immer neuen Formationen, sind sie inzwischen so etwas wie sein Markenzeichen geworden. Aus einer Rollschublade in seinem Büro kramt Baumann den Prototypen hervor. „Er ist dem Handtuchhalter in meinem damaligen Badezimmer nachempfunden – und noch relativ klein“, erzählt er. „Im Laufe der Zeit wurden die Haken immer größer.“

Foto: Neven Allgeier
Foto: Neven Allgeier
Foto: Neven Allgeier

Baumann führt uns einen Raum weiter – vom Büro in die Werkstatt. Hier gibt es eine Gipsküche mit Spezialwaschbecken. Außerdem jede Menge Werkzeuge wie Kreissäge, Bandsäge und Oberfräse. Auf einem Tisch stehen Vasen, die Baumann im Freundeskreis verkauft und seit kurzem auch auf Instagram präsentiert. Neben eigenen Werken produziert er unter dem Label Ostpool (der Name ist ein Relikt aus seiner Zeit im Osthafen) gelegentlich auch Modelle, Skulpturen und Installationen in Kooperation mit anderen Künstlern - Tobias Rehberger und Anne Imhof zum Beispiel.

Anselm Baumann hat schon mit Tobias Rehberger und Anne Imhof kooperiert

Unter der Decke hängt eine Skulptur aus weißgestrichenem Holz, die zu Imhofs Performance „Angst“ gehörte. Mit Leder bezogen stellte sie eine Art Boxsack dar. Regelmäßig gibt Baumann sein Know-how auch an Studenten der Offenbacher Hochschule für Gestaltung weiter. „Ich berate sie bei der Realisierung und Finanzierung ihrer Projekte und ihnen steht auch mein Atelier offen“ erzählt er.

Foto: Neven Allgeier