18. Dezember 2015

Victoria Schwartz beschreibt ein Netz-Phänomen, dass bisher kaum öffentlich besprochen wird: Menschen werden Opfer von emotionalen Bindungen zu Fake-Identitäten in sozialen Netzwerken.

Von Victoria Schwartz

Im Jahre 2013 besuchte Barack Obama Berlin. Im Rahmen dessen fand eine gemeinsame Pressekonferenz mit Angela Merkel statt. Man erwartete von Merkel damals eine Stellungnahme zu PRISM, NSA und Abhörprogrammen. Stattdessen sagte sie einen mittlerweile legendären Satz, der damals einen Shitstorm, eine Welle von Spott, Häme und ernsthafter Kritik lostrat: „Das Internet ist für uns alle Neuland“.

Merkel wollte vermutlich damit ausdrücken, dass man noch keine Lösungen parat hätte, was das Ausloten von Freiheit und Sicherheit im Internet betraf. Was die Netzgemeinde allerdings heraushörte, war peinliche Rückständigkeit einem Medium gegenüber, das für uns alle längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Egal ob privat oder beruflich, kaum jemand kann und will darauf verzichten.

Fast 80 Prozent der deutschen Erwachsenen sind an knapp 6 Tagen in der Woche jeweils länger als anderthalb Stunden online. Jeder zweite davon greift auch mobil auf Netzinhalte zu, dann erhöht sich die Nutzungsdauer auf mehr als drei Stunden an mehr als 6 Tagen (ARD/ZDF-Onlinestudie von 2014). Von den 14- bis 24-Jährigen nutzen sogar 98 Prozent das Internet und sind mit dem Smartphone oder Tablet ständig verfügbar, machen also keine Unterschiede mehr zwischen On- und Offline-Zeiten („DIVSI U25-Studie: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt“, 2014).

 Wir alle, ob User der ersten Stunde oder junge Erwachsene, die mit dem Internet aufwuchsen, empfinden uns als medienkompetent. Das Internet ist uns vertraut. Es ist,  gefühlt, definitiv kein Neuland für uns! Aber stimmt das? Können wir heute wirklich in vollem Umfang ermessen, inwieweit das Netz langfristig dafür genutzt werden wird, uns als Einzelpersonen und ganze Gesellschaft zu manipulieren? Wie gehen wir mit dem Wissen darüber um, dass gefälschte Nachrichten und Fake-Identitäten schon heute für manipulative Zwecke genutzt werden? Dass von Fakes gezielt geposteter Content sowie gefakte Likes und Kommentare die öffentliche Meinung – und damit gesellschaftliche und politische Strömungen – maßgeblich beeinflussen? Können wir es uns wirklich leisten, Fake-Identitäten als nicht relevant einzustufen?

Doch begeben wir uns einmal weg von der „Manipulation der Massen“, hin zu der Manipulation auf kleinerer Ebene.

Dadurch, dass wir uns so selbstverständlich im Netz bewegen, bleiben Kontakte auch zu Fremden nicht aus. Egal, ob wir auf Business-Plattformen networken, uns in Foren mit anderen austauschen, auf Tweets reagieren, Facebook-Posts oder Instagram-Fotos kommentieren – nicht immer kennen wir die Personen, mit denen wir kommunizieren. Einerseits ist das großartig, denn so funktioniert letzten Endes globale Vernetzung, andererseits birgt es auch Risiken.

Dass die Identität von Usern mit einer großen Anzahl von Freunden und Followern selten angezweifelt wird, ist nachvollziehbar. Aber was, wenn sich herausstellt, dass die Person trotzdem gar nicht existiert und ihre Freunde und Follower zu einem Großteil Fakes sind?

Ich selbst hatte 2012/2013 über viele Monate Kontakt zu Kai, einem Mann, den ich bei Twitter kennengelernt hatte und dessen Existenz ich lange Zeit nicht infrage stellte, weil er über ein komplexes Social Media-Netzwerk aus zahlreichen Familienmitgliedern, Freunden und Followern verfügte, die mit ihm interagierten und ihn absolut glaubwürdig erscheinen ließen. Wir freundeten uns an, chatteten und telefonierten schließlich fast täglich miteinander. Unser Austausch war interessant und tiefsinnig und mit der Zeit entstand eine tiefe emotionale Verbundenheit. Kai kam aus Münster, befand sich aber zu dem Zeitpunkt in Amerika. Er begann Briefe, Karten und kostspielige Geschenke von dort zu schicken.

Dass wir uns nach seiner Rückkehr in Deutschland sofort treffen wollten, verstand sich von selbst. Erst als das erste Treffen immer wieder hinausgezögert wurde, begann ich stutzig zu werden und schließlich stellte sich heraus, dass ich einem sogenannten Realfake aufgesessen war: Einer Person, die mit Hilfe unzähliger gestohlener Fotos und Videos Accounts erschaffen hatte, die nicht von denen echter User zu unterscheiden waren. Um mich zu täuschen, nutzte sie allein 24 miteinander befreundete, perfekt gefälschte Facebook-Profile, dazu drei Blogs, sieben falsche Instagram-, acht Twitter- und zwei SoundCloud-Accounts mit zahlreichen Freunden und Followern. Einige dieser Accounts existierten seit dem Jahre 2000. Ich begann, intensiv zu recherchieren, und fand schließlich den Menschen, der hinter all dem gesteckt hatte: eine in den USA lebende, deutschstämmige Doktorin der Psychologie …

Da ich feststellen musste, dass es im deutschsprachigen Raum bisher keinerlei Studien oder verwertbare Informationen zu dem faszinierenden Thema gab, befasste ich mich intensiver mit dieser Art von Fake, der sich nie finanziell, sondern ausschließlich emotional bereichern will und dessen Motive so wenig greifbar zu sein scheinen.

Mittlerweile betreibe ich die Info-Seite www.realfakes.net und berate andere Betroffene. Einige von ihnen befinden sich, wenn sie sich an mich wenden, noch in einer “Beziehung” zu einem Realfake, bei anderen liegt das Erlebte schon länger zurück, sie können damit aber nicht abschließen, weil sie nie das Rätsel um ihr Gegenüber haben lösen können. Vielen hat das Erlebte dermaßen den Boden unter den Füßen weggerissen, dass tiefgreifende psychische Probleme zurückblieben. Sie berichten von Selbstmordgedanken, Depressionen, absolutem Vertrauensverlust und Angstzuständen.

Obwohl dieses Phänomen von der Gesellschaft kaum wahr- und in der Regel nicht ernst genommen wird, scheint die Dunkelziffer der Fälle riesig zu sein.

Im Oktober 2015 erschien mein Sachbuch „Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde - Das Phänomen Realfakes“, das im ersten Teil mein persönliches Erlebnis erzählt und im zweiten umfassende Informationen zum Thema gibt.

ÜBER DIE AUTORIN

Victoria Schwartz lebt in Hamburg und ist freie Kommunikationsdesignerin und Texterin. Neben ihrer Tätigkeit für verschiedene Hamburger Verlage arbeitete sie als Autorenfilmerin und ließ sich zur Familien- und Wirtschaftsmediatorin ausbilden. Seit 2013 berät sie nebenberuflich Menschen, die Opfer von Fakes im Internet wurden, recherchiert für sie und hilft ihnen bei der Einschätzung und Verarbeitung des Erlebten.