Im Jahre 2013 besuchte Barack Obama Berlin. Im Rahmen dessen fand eine gemeinsame Pressekonferenz mit Angela Merkel statt. Man erwartete von Merkel damals eine Stellungnahme zu PRISM, NSA und Abhörprogrammen. Stattdessen sagte sie einen mittlerweile legendĂ€ren Satz, der damals einen Shitstorm, eine Welle von Spott, HĂ€me und ernsthafter Kritik lostrat: âDas Internet ist fĂŒr uns alle Neulandâ.
Merkel wollte vermutlich damit ausdrĂŒcken, dass man noch keine Lösungen parat hĂ€tte, was das Ausloten von Freiheit und Sicherheit im Internet betraf. Was die Netzgemeinde allerdings heraushörte, war peinliche RĂŒckstĂ€ndigkeit einem Medium gegenĂŒber, das fĂŒr uns alle lĂ€ngst zur SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden ist. Egal ob privat oder beruflich, kaum jemand kann und will darauf verzichten.
Fast 80 Prozent der deutschen Erwachsenen sind an knapp 6 Tagen in der Woche jeweils lĂ€nger als anderthalb Stunden online. Jeder zweite davon greift auch mobil auf Netzinhalte zu, dann erhöht sich die Nutzungsdauer auf mehr als drei Stunden an mehr als 6 Tagen (ARD/ZDF-Onlinestudie von 2014). Von den 14- bis 24-JĂ€hrigen nutzen sogar 98 Prozent das Internet und sind mit dem Smartphone oder Tablet stĂ€ndig verfĂŒgbar, machen also keine Unterschiede mehr zwischen On- und Offline-Zeiten (âDIVSI U25-Studie: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Weltâ, 2014).
 Wir alle, ob User der ersten Stunde oder junge Erwachsene, die mit dem Internet aufwuchsen, empfinden uns als medienkompetent. Das Internet ist uns vertraut. Es ist, gefĂŒhlt, definitiv kein Neuland fĂŒr uns! Aber stimmt das? Können wir heute wirklich in vollem Umfang ermessen, inwieweit das Netz langfristig dafĂŒr genutzt werden wird, uns als Einzelpersonen und ganze Gesellschaft zu manipulieren? Wie gehen wir mit dem Wissen darĂŒber um, dass gefĂ€lschte Nachrichten und Fake-IdentitĂ€ten schon heute fĂŒr manipulative Zwecke genutzt werden? Dass von Fakes gezielt geposteter Content sowie gefakte Likes und Kommentare die öffentliche Meinung â und damit gesellschaftliche und politische Strömungen â maĂgeblich beeinflussen? Können wir es uns wirklich leisten, Fake-IdentitĂ€ten als nicht relevant einzustufen?
Doch begeben wir uns einmal weg von der âManipulation der Massenâ, hin zu der Manipulation auf kleinerer Ebene.
Dadurch, dass wir uns so selbstverstĂ€ndlich im Netz bewegen, bleiben Kontakte auch zu Fremden nicht aus. Egal, ob wir auf Business-Plattformen networken, uns in Foren mit anderen austauschen, auf Tweets reagieren, Facebook-Posts oder Instagram-Fotos kommentieren â nicht immer kennen wir die Personen, mit denen wir kommunizieren. Einerseits ist das groĂartig, denn so funktioniert letzten Endes globale Vernetzung, andererseits birgt es auch Risiken.
Dass die IdentitĂ€t von Usern mit einer groĂen Anzahl von Freunden und Followern selten angezweifelt wird, ist nachvollziehbar. Aber was, wenn sich herausstellt, dass die Person trotzdem gar nicht existiert und ihre Freunde und Follower zu einem GroĂteil Fakes sind?
Ich selbst hatte 2012/2013 ĂŒber viele Monate Kontakt zu Kai, einem Mann, den ich bei Twitter kennengelernt hatte und dessen Existenz ich lange Zeit nicht infrage stellte, weil er ĂŒber ein komplexes Social Media-Netzwerk aus zahlreichen Familienmitgliedern, Freunden und Followern verfĂŒgte, die mit ihm interagierten und ihn absolut glaubwĂŒrdig erscheinen lieĂen. Wir freundeten uns an, chatteten und telefonierten schlieĂlich fast tĂ€glich miteinander. Unser Austausch war interessant und tiefsinnig und mit der Zeit entstand eine tiefe emotionale Verbundenheit. Kai kam aus MĂŒnster, befand sich aber zu dem Zeitpunkt in Amerika. Er begann Briefe, Karten und kostspielige Geschenke von dort zu schicken.
Dass wir uns nach seiner RĂŒckkehr in Deutschland sofort treffen wollten, verstand sich von selbst. Erst als das erste Treffen immer wieder hinausgezögert wurde, begann ich stutzig zu werden und schlieĂlich stellte sich heraus, dass ich einem sogenannten Realfake aufgesessen war: Einer Person, die mit Hilfe unzĂ€hliger gestohlener Fotos und Videos Accounts erschaffen hatte, die nicht von denen echter User zu unterscheiden waren. Um mich zu tĂ€uschen, nutzte sie allein 24 miteinander befreundete, perfekt gefĂ€lschte Facebook-Profile, dazu drei Blogs, sieben falsche Instagram-, acht Twitter- und zwei SoundCloud-Accounts mit zahlreichen Freunden und Followern. Einige dieser Accounts existierten seit dem Jahre 2000. Ich begann, intensiv zu recherchieren, und fand schlieĂlich den Menschen, der hinter all dem gesteckt hatte: eine in den USA lebende, deutschstĂ€mmige Doktorin der Psychologie âŠ
Da ich feststellen musste, dass es im deutschsprachigen Raum bisher keinerlei Studien oder verwertbare Informationen zu dem faszinierenden Thema gab, befasste ich mich intensiver mit dieser Art von Fake, der sich nie finanziell, sondern ausschlieĂlich emotional bereichern will und dessen Motive so wenig greifbar zu sein scheinen.
Mittlerweile betreibe ich die Info-Seite www.realfakes.net und berate andere Betroffene. Einige von ihnen befinden sich, wenn sie sich an mich wenden, noch in einer âBeziehungâ zu einem Realfake, bei anderen liegt das Erlebte schon lĂ€nger zurĂŒck, sie können damit aber nicht abschlieĂen, weil sie nie das RĂ€tsel um ihr GegenĂŒber haben lösen können. Vielen hat das Erlebte dermaĂen den Boden unter den FĂŒĂen weggerissen, dass tiefgreifende psychische Probleme zurĂŒckblieben. Sie berichten von Selbstmordgedanken, Depressionen, absolutem Vertrauensverlust und AngstzustĂ€nden.
Obwohl dieses PhÀnomen von der Gesellschaft kaum wahr- und in der Regel nicht ernst genommen wird, scheint die Dunkelziffer der FÀlle riesig zu sein.
Im Oktober 2015 erschien mein Sachbuch âWie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde - Das PhĂ€nomen Realfakesâ, das im ersten Teil mein persönliches Erlebnis erzĂ€hlt und im zweiten umfassende Informationen zum Thema gibt.
Ăber die Autorin
Victoria Schwartz lebt in Hamburg und ist freie Kommunikationsdesignerin und Texterin. Neben ihrer TĂ€tigkeit fĂŒr verschiedene Hamburger Verlage arbeitete sie als Autorenfilmerin und lieĂ sich zur Familien- und Wirtschaftsmediatorin ausbilden. Seit 2013 berĂ€t sie nebenberuflich Menschen, die Opfer von Fakes im Internet wurden, recherchiert fĂŒr sie und hilft ihnen bei der EinschĂ€tzung und Verarbeitung des Erlebten.