11. November 2016

Bruce Nauman liebt das Spiel mit Wörtern. Es ist die Möglichkeit, über das Kunstobjekt allein hinauszugehen, sei es durch den Titel der Arbeit oder direkt im Werk.

Von Tamara Marszalkowski

In den 1960ern schuf Nauman Neonschilder. Ihre kurzweilige, grelle Qualität eignet sich ideal, um Naumans Duchamp’schen Wortspiele zu illustrieren. Es ist ein Medium, das die objekthafte Qualität der Buchstaben betont und eher die Erscheinung der Wörter als ihre Funktion. „I did some pieces that started out just being visual puns. Since these needed body parts in them, I cast parts of a body and assembled them or presented them with a title.“ (Bruce Nauman, 1987) So nimmt die Fotografie „Bound To Fail“, den Satz ihres Titels wörtlich und zeigt, wie die Arme des Künstlers hinter seinem Rücken gebunden sind.

„None Sing Neon Sign“ von 1970 ist ein Anagramm. Wie andere semiotisch verspielte Neonarbeiten, zum Beispiel „Raw War“ von 1970 oder „Run from Fear / Fun from Rear“ von 1972, veranschaulicht es die willkürliche Beziehung zwischen der Definition eines Wortes, seines Klangs und seinem Erscheinungsbild. In einer Neonarbeit von 1967 bildet er spiralförmig den Satz „The true artist helps the world by revealing mystic truths“. Nicht frei von Ironie entmystifiziert er den Kunstbetrieb und zeigt den Unterschied auf zwischen ästhetischer Illusion, künstlerischem Hype und der Bedeutung einer Arbeit.

Grundgedanken der Philosophie

Nauman selbst sagte 1979 in einem Interview mit Russell Keziere, dem Herausgeber von „Vanguard“, einer Zeitschrift zur zeitgenössischen Kunst, er glaube, dass Humor oft verwendet würde, um Menschen davor zu bewahren zu nah an etwas heranzukommen. Humor sei schwer greifbar, weiche aus und vervielfache die Bedeutung. In dem Interview sagt er auch, dass er, während er seine visuellen Wortspiele schuf, Nabokov gelesen habe und Ludwig Wittgensteins Philosophische Untersuchungen, in denen er den Grundgedanken der Philosophie der normalen Sprache formulierte.

Nauman drängt geradezu darauf, dass die ästhetische Erfahrung das Objekt ersetzt. Die Wahrnehmung selbst – also die Beziehung des Betrachters, sowohl körperlich als auch geistig, zum Kunstobjekt – zieht sich bei Nauman als Thema durch das Oeuvre. Der Betrachter wird immer wieder gezwungen, sich mit seiner eigenen experimentellen Grenze zu konfrontieren, in dem er immer wieder Situationen schafft, die physisch oder intellektuell verwirren, sei es durch Wortspiele oder klaustrophobische Durchgänge.

Sit on my face

Doch nicht von jedem Wortspiel kann man Witz und Humor erwarten. Wie zum Beispiel in „American Violence“ von 1981. Nauman erforscht nicht nur die Grenzen und Schwachpunkte der Kommunikation, er reizt auch das aus, was wir als Humor vermuten, bis wir merken, dass da nur noch Irritation ist. In „American Violence“ von 1981 scheinen die Sätze „rub it on your chest / put it in your ear / sit on my face“ in Form eines Hackenkreuzes auf.

Nauman ist fasziniert von der Natur der Kommunikation, der Sprache und den damit einhergehenden Problemen. Auch die Rolle des Künstlers als mutmaßlicher Kommunikator und Manipulator von visuellen Symbolen erforscht er. Bei Nauman finden sich viele Formen des Wortspiels: Wortwitze, Palindrome, Anagramme, Wiederholungen. Er manipuliert Sprache bis zu einem Punkt, an dem Bedeutungen sich verschieben oder sich vervielfachen und Syntax nicht mehr funktioniert.

Ein abstraktes Grundrauschen

In „First Poem Piece“ von 1968 wird der Satz „you may not want to be here“ umgestellt und über 18 Zeilen transformiert, indem immer wieder eine Kombination von Wörtern ausgelassen wird und zum Beispiel „here“ durch „hear“ ersetzt wird. Durch das Versetzen der Satzelemente unterwandert Nauman die Bedeutung einzelner Worte, um die begrenzten Möglichkeiten von Sprache aufzuzeigen. Einige der Neon-Zeichen leuchten in Sequenzen auf, sodass sich Buchstaben, Wörter oder Sätze kontinuierlich verändern und sich einer fixen Bedeutung entziehen. Was bleibt, ist ein abstraktes Grundrauschen.