21. Januar 2016

Der britische Videokünstler Phil Collins präsentiert im DOUBLE FEATURE im Januar „Tomorrow is always too long“, seine Liebeserklärung an Glasgow. Im Anschluss wird „Flug durch die Nacht“ von Ilona Baltrusch gezeigt.

Von Daniel Urban

Das menschliche Gemüt kann ein ganz fürchterlich wankelmütiges und undankbares Ding sein: Stets auf der Suche nach Neuem und Aufregendem, vergisst es schnell jenes, was vor kurzer Zeit noch genau dies war. Sei es der Liebespartner, der soziale oder gesellschaftliche Zustand in dem man lebt, ein neues Interessengebiet oder das letzte Produkt der Begierde – vieles verliert schnell wieder unser Interesse. Auch die Stadt, soziale Schnittstelle zwischen sowie Austragungsort der eigenen Privatheit und des öffentlichen Lebens, zählt dazu. Die Figur des Flaneurs, stark geprägt durch den französischen Schriftsteller Charles Baudelaire, trägt noch jene Faszination und jenes Interesse am urbanen Raum in sich, welche beim alltäglichen Hetzen von A nach B gänzlich verloren scheint.

Eine Liebeserklärung an Glasgow

In „Tomorrow is always too long“ (2014), eine Videoarbeit des für den Turner-Preis nominierten britischen Künstlers Phil Collins (*1970), kann man als eine Art Manifestation jener Faszination verstehen. Der gut 82-minütige Film wurde vom Glasgower „The Common Guild“-Kunstverein in Auftrag gegeben und 2014 beim Commonwealth Games cultural programme in Glasgow uraufgeführt. Der Film wird oft als eine Liebeserklärung an Glasgow beschrieben und in der Tat ist der Arbeit eine große Zuneigung für die schottische Metropole anzumerken.

 „Tomorrow is always too long“ ist eine Art filmische Collage, die eine Essenz der Stadt auszumachen sucht. Bestehend aus dokumentarisch anmutenden Passagen und Interviews, werden verschiedene Lebensstationen seiner Bürger in den Mittelpunkt gestellt: Vom Geburtshaus über den Kindergarten zur Schule hin zum Gefängnis, schließlich zu Senioren-Tanzveranstaltung hin zum unvermeidlichen – dem Tod. Wir begleiten ein Paar zu Geburtsvorbereitungen und schließlich in den Kreissaal, einen jungen Delinquenten in den Knast und verbringen einen Abend mit Senioren in einem Tanzlokal.

Ein Konglomerat dessen, was eine Stadt ausmacht

Getrennt werden die einzelnen Teile lose durch Songs der britischen Musikerin Cate Le Bon, dargeboten von den Protagonisten selbst, und kurzen Animationsfilmen von Matthew Robins. Zwischengeschnitten sind immer wieder Interview-Sequenzen, Werbeclips und Ausschnitte aus einer Quiz-Show, die allesamt aussehen, als entstammen sie den überdreht-quirligen 1990er-Jahren und Einblicke in die Lebenswirklichkeiten einzelner Individuen geben. „Tomorrow is always too long“ ist ein Konglomerat all dessen, was eine Stadt auszumachen scheint: Institutionen, (Sub-)Kultur, Bildung, Trash, Architektur und zuvorderst natürlich: seine Bewohner - jung und alt, schlau und dumm, lebensfroh oder –müde.

Phil Collins, Film Still: Shatter, 2014, Courtesy Shady Lane Productions, Berlin
Phil Collins, Film Still: Shatter, 2014, Courtesy Shady Lane Productions, Berlin

Collins verbrachte insgesamt ein Jahr in Glasgow, um den Film fertigzustellen. Essenziell für seine Arbeitsweise ist die Begegnung und Auseinandersetzung mit den einzelnen Individuen, die schließlich in seinen Arbeiten zu sehen sind. „Tomorrow is always too long“ ist so von einer großen Sympathie für seine Protagonisten durchdrungen, diese agieren unverkrampft und spielerisch vor der Kamera.

Disco-Marathon in Ramallah

Häufig arbeitet Collins für seine Video-Arbeiten mit Jugendlichen zusammen - in „They Shoot Horses“ (2004) dokumentierte er so einen selbstveranstalteten Disco-Marathon in Ramallah, in „The World won’t listen“ (2005) ließ er Jugendliche aus der Türkei, Kolumbien und Indonesien Karaoke-Versionen von The Smiths-Songs performen. In Arbeiten wie „Return of the Real“ setzte sich der Künstler mit dem Einfluss von Reality-TV-Formaten auf seine Partizipierenden auseinander. In „Tomorrow is always too long“ findet all dies seinen Widerhall: in den Animationsfilmen, die eine Gruppe Jugendlicher beim nächtlichen Party-Exzess zeigt und in den überdrehten TV-Clips, die auf die Multimedialisierung des Alltags rekurrieren.

Phil Collins, Film Still: Shatter, 2014, Courtesy Shady Lane Productions, Berlin

Im zweiten Teil des Abends wird Ilona Baltruschs Film „Flug durch die Nacht“ aus dem Jahre 1980 zu sehen sein, der während ihres Studiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin entstanden ist. Der Form nach stark an die Jean-Luc Godard Filme der Nouvelle Vague erinnernd, begleitet Baltrusch die beiden Protagonisten Gretel Kemeny und Martin Peter durch das nächtliche Berlin der 1980er-Jahre.

Was ist Kino? Kino ist eine Tafel Schokolade essen.

Die beiden streifen durch verschiedene Stationen, bleiben stumm und rätselhaft oder geben artifizielle Textzeilen von sich: „Was ist Kino? Kino ist eine Tafel Schokolade essen. Nur 4 x teurer“ oder „Der Tod wirbt mit einer Ausdauer um mich, dass es nicht auszuhalten ist“ – in einem menschenleeren Club schaut der Barkeeper frontal in die Kamera und sagt: „Ein modernes Filmband“. Immer wieder sind Tontechniker oder deren Hilfsmittel im Bild zu sehen, zum Ende spricht auch die Regisseurin selbst aus dem Off und macht deutlich, dass es sich bei „Flug durch die Nacht“ nicht um einen Indie-Road-Trip durch die BRD-Wirklichkeit handelt.

Ilona Baltrusch, Flug durch die Nacht, Filmstill, 1980, via ulrikepfeiffer.com

In Baudelaires „Fräulein Bistouri“ heißt es: „Welch seltsame Dinge findet man nicht in einer großen Stadt, wenn man herumzukommen und zu beobachten weiß! Das Leben wimmelt von unschuldigen Ungeheuern!“ Ob die Stadt nun als subkultureller Melting-Pot diverser, sich vermischender Gruppen, als abstraktes Konstrukt kaum zu entschlüsselnder Codes, als Freiheit oder Beengung, bewohnt von unschuldigen Ungeheuern und von schuldigen Engeln bewertet werden mag – sie stellt jeweils mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile da, kann immer nur situativ und speziell erlebt und gelebt werden. So beispielsweise durch die Augen anderer, wie Phil Collins oder Baltruschs Arbeiten, oder aber durch die eigene Wahrnehmung: beim klassischen Flanieren durch den urbanen Raum.

Ilona Baltrusch, Flug durch die Nacht, Filmstill, 1980, via filmportal.de