21. August 2017

Eine filmische Kontemplation: Der britische Künstler und Regisseur Ben Rivers vertraut ganz auf seine Kamera in seinem Porträt der Malerin Rose Wylie.

Von Daniel Urban

Unzählige Bonmots schwirren in der Welt umher, die die Unmöglichkeit von Musikkritik zu fassen versuchen: Elvis Costello wird der Satz „Writing about music is like dancing about architecture“ zugeschrieben – auch wenn ersterer nicht müde wird, entnervt darauf hinzuweisen, jenen nie gesagt zu haben. Frank Zappa zum gleichen Thema: „Rock journalism is people who can’t write interviewing people who can’t talk in order to provide articles for people who can’t read.”

Allein: Alles macht weiter, auch solcherlei Texte (und hier ist ein weiterer). Wie nähert man sich nun Kunst im weiteren Sinne? Emotional-subjektiv? Vielleicht zu einseitig. Technisch? Schnell öde.  Kunsthistorisch, philosophisch, soziologisch? Eine Kombination aus alldem? Man möchte schließlich der britischen Malerin Rose Wylie (*1934) recht geben, wenn sie in Ben Rivers Film „What means something“ in einem Gespräch über die Erfahrbarkeit von Kunst geradeheraus sagt: „It’s something you can’t put your finger on“.

Eine filmische Meditation

Rose Wylie steht im Zentrum der Filmarbeit „What means something“ (2015) des britischen Künstlers Ben Rivers (*1972). Wylie, deren kürzlich verstorbener Mann Roy Oxlade ebenfalls Maler war, hatte ihre eigene Karriere nach dem Kunststudium zugunsten der Kindererziehung hintangestellt und sich erst ab ihren Fünfzigern wieder intensiver dem eigenen Schaffen zugewandt. Im Rahmen wiederholter Besuche bei Wylie entstand über einem Zeitraum von eineinhalb Jahren nun eine gut einstündige Filmmeditation im dokumentarischen Stil über Wylies Schaffen und ihre künstlerische Arbeitsweise.

Ben Rivers, What Means Something, 2015, Courtesy of the artist and Kate MacGarry, London

Das Grundgerüst des Films stellt das Malen selbst dar. In wiederkehrenden, statischen One Shot-Szenen sehen wir die Malerin beim Arbeiten an ihrem großformatigen Bild „Chocolate Halloween“ und werden sozusagen Zeuge vom ersten und letzten Pinselstrich. Zwischendurch erforscht Rivers mit seiner Kamera das Lebensumfeld der Künstlerin, ihr Atelier und ihre Wohnung samt wildwüchsigem Garten im britischen Kent. In Gesprächen zeigt Wylie dem Filmemacher alte Skizzenbücher, sinniert über die Rezeption von Kunst und fragt Rivers anschließend, ob ihm die Antwort gefallen habe. Der Filmemacher selbst ist öfter aus dem Off zu hören, fungiert als Stichwortgeber oder merkt zwischendurch an, wie schön sich das Licht auf dem Gesicht der Malerin bricht.

Format und Limitierung

Im gleichen Sinne wie „What means something“ eine Reflexion über das künstlerische Schaffen Rose Wylies darstellt, ist es auch filmische Kontemplation über Rivers eigene Arbeit. Der Film ist kein Vehikel des klassischen Künstlerportraits, in dem der Künstler oder sonstige Experten das Gezeigte eloquent analysieren und zuschauergerecht aufarbeiten. Vielmehr rückt der Filmemacher das Medium selbst sowie seine eigene Arbeitsweise in den Fokus: Hiervon zeugt das genutzte 16mm-Farbfilmmaterial, das Rivers in seiner Wohnung entwickelt und geschnitten hat, samt Überbelichtungen und sonstiger dem Format geschuldeten Limitierung.

Ben Rivers, What Means Something, 2015, Courtesy of the artist and Kate MacGarry, London

Ebenso der Ton: Wylie schlägt des Öfteren die Filmklappe selbst, man sieht den genutzten Audiorecorder, hört auf der Tonspur Nebengeräusche und das Surren der Filmkamera. In den sogenannten Talking Heads-Interviewpassagen fragt Rivers die Künstlerin, worüber sie reden sollen, was diese nonchalant mit „Well, you have to ask me something“ kontert.

Der Protagonist ohne Worte

„What means something“ meditiert so im gleichen Maße über Möglichkeiten der Kunstbetrachtung und -herstellung als auch der Kreierung eines Künstlerporträts – angesichts der eigenen und der Arbeitsweise des anderen. Die Kamera, in steter Suche, Wylie auch in ihrem Lebensumfeld und Besitztümern zu erkennen und zu fassen zu bekommen, verlässt nie das hermetisch abgeschlossen anmutende Anwesen der Künstlerin. Rivers Arbeitsweise bleibt hier konsequent: In seinen filmischen Essays fokussiert er immer wieder Menschen und deren  Lebensentwürfe, so exemplarisch in „Two Years at sea“ (2011). In dem eineinhalbstündigen Film porträtierte er den schottischen Einsiedler Jake Williams  inmitten dessen Lebensalltags in einem einsamen Waldstück bei Aberdeen – ohne dass der Protagonist im gesamten Film auch nur ein einziges Wort spricht.

Ben Rivers, What Means Something, 2015, Courtesy of the artist and Kate MacGarry, London

Mit „Fake Fruit Factory“ wird im zweiten Teil des Abends ein experimenteller Dokumentarfilm der amerikanischen Künstlerin Chick Strand zu sehen sein. Über Dekaden verbrachte Strand mit ihrem Mann die Sommermonate in Mexico und dokumentierte das Leben der örtlichen Bevölkerung. „Fake Fruit Company“ entstand im Zeitraum zwischen 1981 bis 1985 und beschäftigt sich, anders als der Titel suggeriert, nicht mit der technischen Produktion von Pappmaché-Früchten, sondern mit deren Produzentinnen – den Arbeiterinnen der Fake Fruit Company.

Frauen, ohnehin nie angewiesen auf Männer

Die Kameralinse gleitet in dem 21-minütigen Film ausschließlich in Close-Ups über die Gesichter und Hände der Arbeiterinnen und zeigt deren enorme Kunstfertigkeit, während wir auf der Tonebene den Gesprächen zuhören dürfen: Die Frauen tratschen und lästern über Männer, über den Gringo-Boss, über dessen Flirt-Versuche. Schlussendlich begleiten wir die Belegschaft samt flirtenden Boss zu einem Sommerpicknick und erfahren in den Schlusstiteln, dass sich die Firma mittlerweile in der Hand der Ehefrau des Chefs befindet – dieser habe sich nämlich mit einer großen, blonden Black Jack-Dealerin aus Las Vegas aus dem Staub gemacht. Zurück bleiben die Frauen, die ohnehin nie auf die Männer angewiesen waren.

Fake Fruit Factory, Directed by Chick Strand, 1986, Image via forgottenclassicsofyesteryear.blogspot.de

Sowohl Rivers als Strand loten in ihren sehr filmischen Werken Möglichkeiten aus, was die Kamera selbst – abseits von Off-Kommentaren, erklärenden Zwischentiteln oder sonstigen Erläuterungen – über Arbeit, Kunst, mithin das Leben einfangen oder auch aussagen kann, wenn man ihr Zeit und Vertrauen schenkt. Um Rose Wylie zu paraphrasieren: Man kann es vielleicht nicht genau in Worte fassen, sehen kann man es zumindest manchmal.

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