22. Mai 2016

Im DOUBLE FEATURE präsentiert Corin Sworn den Film „La Giubba“, der in Zusammenarbeit mit dem kanadischen Künstler Tony Romano gedreht wurde.

Von Daniel Urban

Die Babylonische Sprachverwirrung bescherte der alttestamentarische Gott der Menschheit, als diese ihm zu übermütig wurde und sich frohen Mutes an den Turmbau zu Babel machte, ein Bauwerk, das bis in den Himmel hineinreichen sollte. Gott schaute sich das Werk an und befürchtete, dass den Menschen nun nichts mehr unerreichbar sei und verwirrte kurzerhand die Sprache der Bauenden – in der heutigen könnte man wohl sagen: er diversifizierte sie – sodass sie ihr Vorhaben aufgrund von fehlenden Verständigungsmöglichkeiten abbrechen mussten. Die Auswirkungen hiervon machen sich sowohl in persönlichen Alltags- und Urlaubserfahrungen als auch in Corin Sworns neuer Arbeit „La Giubba“ auf verschiedenen Ebenen bemerkbar. Die Auffälligste: auf ganze fünf verschiedene Untertitel-Sprachen bringt es der Film.

Corin Sworn & Tony Romano, La Giubba, 2015, Filmstill, Copyright the artist

„La Giubba“ rekurriert auf die geflügelte italienische Redewendung „Vesti la giubba“ (z. dt. in etwa: Zieh den Mantel an), die ihren Ursprung wiederum in der gleichnamigen Arie aus Leoncavallo's Oper „Pagliacci“ hat, in der ein von seiner Liebsten betrogener Clown sich trotz unendlicher Trauer aufzuraffen versucht, um das Publikum zum Lachen zu bringen: the show must go on. Und schon finden wir uns in der Welt Sworns wider, in der bereits Bestehendes wie etwa historische Fundstücke oder vergangene Ideenkonzepte und Ideale aus ihren Sinnzusammenhang herausgerissen werden oder nach deren Bezug zum Heute befragt werden.

Zitate aus Aristophanes Werk

Der knapp einstündige Film „La Giubba“ bezieht sich in der Narration sehr frei auf die griechische Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes und ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem kanadischen Künstler Tony Romano. Die Handlung folgt einem albanisch-stämmigen Vater, der gemeinsam mit seiner Tochter Era auf dem Weg nach Falconara Albanese in Süditalien ist, auf der Suche nach einem Schwimmlehrer, der beide trainieren soll. Ihre Reise streift die der weiteren Protagonisten: zwei Schauspieler, unterwegs mit einem Kleinbus, das Wandertheater von einer in die nächsten Stadt bringend, sowie den amerikanischen Neffen einer der beiden, der trotz fehlender Italienischkenntnisse beim Schauspielern aushelfen soll. Unterteilt wird der Film durch kleine Passagen, in denen Falken gefilmt werden, während der ihnen farblich zugeordnete Untertitel Zitate aus Aristophanes Werk zeigt.

In seiner Ästhetik und Narration erinnert der Film stark an Werke des italienischen Neorealismus, dessen Arbeiten von so bedeutenden Regisseuren wie Roberto Rossellini, Federico Fellini oder auch Luchino Visconti in den 40ern und 50ern des vergangenen Jahrhunderts entstanden sind. Der italienische Neorealismus verstand sich als eine Art Gegenentwurf einerseits zum Hollywood-Kino mit seinen Heldenfiguren und zugespitzten Dramaturgien sowie andererseits den heimischen Historienfilmen. Gefilmt wurden alltägliche Geschichten von sogenannten einfachen Leuten, durchaus mit didaktischen Anspruch – der italienische Drehbuchautor und Filmtheoretiker Cesare Zavattini brachte dies mit der Forderung nach einem „Film über einen Postboten“ auf den Punkt.

Die Auflösung diverser Gegensätze

Corin Sworn (*1976) verwebt in „La Giubba“ klassische Motive wie Sinn-/Identitätssuche und Kommunikationsproblematiken oder Vereinzelung, streift Filmgenres wie die des Roadmovies oder eben des italienischen Neorealismus und vermengt diese zu einer andächtigen und ruhigen Erzählung, die in ihren fast schon meditativ wirkenden langen Einstellungen nach einer metaphysischen Auflösung diverser Gegensätze im Sinne einer Dialektik zu suchen scheint.

Corin Sworn & Tony Romano, La Giubba, 2015, Filmstill, Copyright the artist

Im zweiten Teil des Abends werden die beiden Kurzfilme „Carlos Vision“ (2011) von Rosalind Nashashibi und „Ausgetraeumt“ (2010) von Deimantas Narkevicius zu sehen sein. Die Arbeiten passen sich in Ästhetik und Erzählstil wunderbar in Sworns Arbeit ein: „Carlos Vision“ visualisiert eine Passage aus Pier Paolo Pasolinis Romanfragment „Petrolio“ – die titelgebende Vision des Protagonisten Carlos – welche im heutigen Italien umgesetzt wurde. Drei Götter ziehen Carlos auf einem Dolly durch Rom, während er die Gedanken von zweien der Gottheiten hören kann. Diese beschäftigen sich mit gesellschaftstheoretischen Überlegungen zur Administration der Stadt Rom und vertiefen sich schließlich in philosophischen Ideen zu Sexualität und Gesellschaftsklassen, während auf der Bildebene durch Manipulation der Kolorierung die Gedanken visualisiert zu werden scheinen.

Das Arbeiten mit filmischen Mitteln

In „Ausgetraeumt“ bettet der litauische Künstler Narkevicius Filmaufnahmen einer Performance des gleichnamigen Songs der Band „Without Letters“ mit jenen der sozialistischen Architektur der Stadt Vilnius ein und kreiert so eine merkwürdig anmutende Melange, die widersprüchliche Emotionszustände aufeinanderprallen lässt. Verbindend zwischen den Werken ist der explizite Wille zum Arbeiten mit rein filmischen Mitteln – auch dies eine ganz eigene Sprache, manch einer würde sagen, mit einem unmittelbareren Zugang zum Thematisierten als der gesprochenen.

Rosa­lind Nashashibi, Carlo’s Vision, Filmstill, Image via peep-hole.org