15. Dezember 2016

Im letzten DOUBLE FEATURE des Jahres zeigt die russische Künstlerin Anna Jermolaewa mit ihrem Film, dass politischer Protest durchaus käuflich sein kann.

Von Daniel Urban

Im Dezember des Jahres 2006 versammelten sich zirka 200 Demonstrierende vor dem Berliner Reichstag und ließen dort rund 4500 Ärztekittel im Wind flattern. Das sich dem Zuschauer bietende Bild sollte symbolisch für jene Ärzte stehen, die nach Ansicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung als Nachspiel der geplanten Gesundheitsreform ihren Job würden an den Nagel hängen müssen. Dem schönen Bild zum Trotz: Kurze Zeit später wurde bekannt, dass nicht etwa die Mediziner selbst sich für ihr Anliegen dem schnöden Straßenkampf hingegeben hatten, sondern dass hierfür kurzerhand Studenten und Arbeitslose für 30 Euro die Stunde gemietet wurden.

Anna Jermolaewa, Political Extras, 2015, Filmstill, Copyright the artist

Die Vermischung von Politik und Dienstleistung ist nicht geradewegs etwas Neues - so inszenierte beispielsweise bereits 1929 ein Tabakkonzern einen werbewirksamen Protestmarsch, um das Tabu rund um die rauchende Frau zu attackieren - die Quantität, in der diese in den letzten Jahren zusammengenommen hat, stellt dennoch fraglos eine neue Qualität dar. So zogen die in jüngerer Zeit größten russischen Protestkundgebungen als Reaktion auf die mutmaßlichen Wahlfälschungen im Jahr 2011 kurze Zeit später diverse Pro-Putin Demonstrationen nach sich, deren spontane wie freiwillige Zusammenkunft von verschiedenen Seiten angezweifelt wurde und die Präsident Putin selbst lakonisch mit den Worten: „So viele Menschen können unmöglich alle gezwungen worden sein“ kommentierte. Doch was vermag dies über das Subjekt auszusagen, das seine politische Autonomie verkauft und sich so quasi-prostituiert? Um im Bild zu bleiben: Sind jene in einer derartigen Not- oder Unterdrückungslage, dass sie nicht anders können, oder machen sie es bereit- und freiwillig?

Für oder gegen zeitgenössische Kunst: egal

In „Political Extras“ (2015) zeigt uns die russischstämmige Künstlerin Anna Jermolaewa jene Demonstranten. Zur Moskau Biennale 2015 rekrutierte sie via der Website www.massovki.ru gut 120 Demonstranten, die in zwei verschiedenen Gruppen jeweils für und gegen die Kunstveranstaltung demonstrieren sollten – die gleiche Internetseite wurde bereits 2012 als Anzeigenplattform für Pro-Putin Demos genutzt. Jeder Teilnehmer durfte frei entscheiden, ob er sich dem Pro- oder Anti-Demozug anschließen wollte, ob er Slogans gegen oder für Zeitgenössische Kunst skandieren möchte. Im Anschluss wurden 500 Rubel ausbezahlt – eine simple Transaktion für eine simple Dienstleistung, könnte man meinen. Die Demonstrierenden sind so in „Political Extras“, der sich wie eine Dokumentation der Aktion darstellt und etwa im Rahmen der Installation „Politischer Populismus“ in der Kunsthalle Wien zu sehen war, beim Laufen und Protestieren auf dem Festivalgelände der Biennale, beim Essen in der Mensa und schließlich beim öffentlich stattfindenden Lohnerhalt zu sehen.

DOUBLE FEATURE TRAILER

Anna Jermolaewa, Political Extras, 2015, Filmstill, Copyright the artist

In der begleitenden Berichterstattung zu „Politischer Populismus“ berichtete Jermolaewa davon, dass die meisten angeheuerten Teilnehmer recht uninteressiert daran gewesen seien, für welche Art von Demo sie denn engagiert würden; lediglich drei von 120 hatten sich bei ihr zuvor über das Thema der Demonstration informiert. Bei den Mietprotestlern handelte es sich hauptsächlich um ältere Frauen, die sich zu ihrer spärlichen Pension noch etwas dazu verdienen mussten. Jene waren recht zufrieden mit ihrem Engagement: etliche baten die Künstlerin darum, sich bei erneutem Bedarf bei ihnen zu melden – ohne wirklich zu wissen, dass es sich um eine Kunstaktion und keine tatsächliche Demo handelte.

Im Arbeitslager in Sibirien

Anna Jermolaewa (*1970) wurde im russischen St. Petersburg geboren und floh mit 18 Jahren aufgrund ihres Engagements als Mitbegründerin der Zeitschrift „Demokratische Opposition“ aus Russland, 1989 erhielt sie politisches Asyl in Österreich. Ihre Arbeiten sind von einer starken Auseinandersetzung mit dem Einfluss von politischen Systemen auf das Individuum geprägt. In vergangenen Arbeiten agierte sie mitunter auch investigativ: So ermittelte die Künstlerin im Rahmen ihrer Arbeit „Methods of Social Resistance on Russian Examples“ beispielsweise den bis dato unbekannten Aufenthaltsort eines inhaftierten Pussy Riot-Mitglieds: ein Arbeitslager im russischen Sibirien.

Anna Jermolaewa, Political Extras, 2015, Filmstill, Copyright the artist
Anna Jermolaewa, Political Extras, 2015, Filmstill, Copyright the artist

Mit „Me and Others“ (1971) wird im zweiten Teil des Abends eine Dokumentation des ukrainisch-sowjetischen Regisseurs Felix Sobolev zu sehen sein, die sich mit psychologischen Studien rund um das Thema soziale Erwartungen und deren Auswirkung auf den Einzelnen auseinandersetzt. Zu sehen sind so Aufnahmen einer universitären Vorlesung, in deren Rahmen Probanden an diversen psychologischen Tests teilnehmen, die den starken Einfluss der Mehrheitsmeinung auf die des Individuums bezeugen. Der Film wurde überraschender Weise in der Sowjetunion nicht zensiert, was womöglich auch seinem Ende geschuldet ist. In diesem erfolgt ein nicht anders als erstaunlich zu bezeichnender dramaturgischer Twist: im Rahmen eines Experiments entscheiden sich Schulkinder entgegen des vermeintlichen Mehrheitsdrucks für das Wohl des Kollektivs. Sozialistische Gemeinwohlerziehung par excellence!

Die Verantwortung des Einzelnen

Angesichts der ernüchternden Ergebnisse der psychologischen Studien in „Me and Others“ mag es dem kritischen Zeitgenossen schwerfallen, weiterhin von der Autonomie des Individuums im Sinne der Aufklärung zu sprechen – allein: die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit war ja immer nur das Ziel jener, nicht deren Voraussetzung. Dass man heutzutage in der scheinbar durchinformierten wie -vernetzten Welt auch noch nicht sonderlich weitergekommen ist, machen vielleicht Umstände deutlich, in der Staatsbürger (sich gezwungen sehen) ihren „politischen Körper“ (zu) verkaufen. Die ewige und nach wie vor nicht falsche Frage nach der Verantwortung des je Einzelnen für sein Handeln lässt grüßen. Jermolaewa ist weit davon entfernt, die Miet-Protestler vorzuführen oder bloßzustellen, denn einfache Antworten sind – wie ja leider so oft – selten der Weisheit letzter Schluss.

Anna Jermolaewa, Political Extras, 2015, Filmstill, Copyright the artist