27. Januar 2017

Kassel, Venedig, Münster: im Jahr 2017 ballen sich die spektakulären Großkunstprojekte in ganz besonderer Weise. Die wichtigsten Daten und Fakten auf dem SCHIRN MAGAZIN

Von Lisa Beisswanger

2017 ist „Superkunstjahr“. Das klingt ein wenig wie eine Mischung aus Supernova und zirkusreifer Superlative. In der Tat könnte man sagen, dass anlässlich der besonderen Konstellation des Superkunstjahrs der Kunstzirkus alle zehn Jahre Kopf steht. Der Ausdruck bezeichnet immer diejenigen Jahre, in denen die Documenta in Kassel und die Venedig Biennale zusammenfallen. Beide gelten als wichtigste Großausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit und damit als Seismographen dafür, was in der Kunstwelt „up and coming“ ist. Ebenfalls im Zehnjahresrhythmus und damit in diesem Jahr finden die spektakulären Skulptur-Projekte in Münster statt. Ein Überblick über die wichtigsten Daten und Fakten zu den drei Events.

documenta in Kassel, Foto Wolfgang Staudt from Saarbruecken, Germany (documenta12 Kassel Germany) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

DOCUMENTA 14 IN ATHEN UND KASSEL

Die documenta wird als das „Museum der 100 Tage“ bezeichnet. Sie findet seit 1955 alle fünf Jahre in Kassel statt (anfänglich alle vier Jahre) und verwandelt die geruhsame nordhessische Großstadt zur Kunstmetropole. Ursprüngliches Ziel der Ausstellung war es, eine Überblicksausstellung zu zeitgenössischer Kunst zu sein und damit nicht zuletzt die im Nationalsozialismus verfemten Kunstströmungen der Moderne zu rehabilitieren und Deutschland wieder auf die Landkarte einer internationalen Kunstwelt zu setzen. Heute gilt die documenta als wichtigste und einflussreichste Kunstausstellung der Welt. Dieser Anspruch, eine Weltkunstschau zu sein, bringt aber auch große Verantwortung mit sich und wirft kritische Fragen nach hegemonialen Strukturen auf. Seit mehreren Ausgaben versuchen deshalb die jeweils wechselnden Künstlerischen LeiterInnen der documenta, diesen Diskurs aktiv aufzugreifen und zu führen. So auch Adam Szymczyk, der für die 14. documenta eine radikale Dezentralisierung vorschlägt, indem er, zusätzlich zu Kassel, Athen als zweiten, gleichberechtigten Standpunkt der Ausstellung eingeführt hat.

Biennale in Venedig, Foto Horst-schlaemma (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons

VENEDIG BIENNALE 57. INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG

Die Kunstbiennale in Venedig ist die älteste Großkunstausstellung überhaupt. Sie findet seit 1895 statt und zwar, wie der Name schon sagt, alle zwei Jahre und immer in Venedig. Die Konzeption der weltweit bedeutendsten Kunstbiennale ist aus den Weltausstellungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts abgeleitet, diese waren nach Nationen sortierte Leistungsschauen, die ermöglichen sollten, Innovationen der jeweiligen Nationen in allen Lebensbereichen darzubieten. Mit der Gründung der Kunstbiennale in Venedig sollte dies auch für die Kunst möglich werden. In den sogenannten Giardini, einer eingegrenzten Parkanlage mitten in Venedig, stehen bis heute rund 29 Länderpavillons neben einem großen, zentralen Pavillon. Die Architektur der Pavillons wurde von den teilnehmenden Nationen selbst gestaltet, wie eine Art Visitenkarte –mit teils durchaus kontroversem Charakter. Da heute weit mehr als 29 Nationen an der Ausstellung teilnehmen, erstreckt sich die Venedig Biennale auch auf das Areal des „Arsenale“ sowie viele weitere Orte und Palazzi in der Stadt. Für das Programm in den einzelnen Pavillons sind bis heute die jeweiligen Länder zuständig. Dazu kommt eine von dem/der jeweiligen ernannten DirektorIn kuratierte Überblicksschau. 2017 wird das die französische Kuratorin Christine Macel sein, die einen Fokus auf ein positives Potential von Kunst legen will. Der Deutsche Pavillon wird von Susanne Pfeffer kuratiert (Leiterin des Fridericianum in Kassel) und von der Performancekünstlerin Anne Imhof bespielt.

Skulptur Projekte Münster, Bruce Nauman, Square Depression, Foto: Arendt Mensing/artdoc.de, Image via skulptur-projekte.de

SKULPTUR PROJEKTE MÜNSTER 2017

Die Skulptur Projekte finden seit 1977 alle zehn Jahre statt. Das besondere an der Ausstellung ist, dass temporäre, ortsspezifische Kunstwerke in und um Münster in Auftrag gegeben werden, die vor Ort realisiert werden. Leitgedanke ist es laut den Veranstaltern, „dass Kunst im Stadtraum historische, architektonische, soziale, politische und ästhetische Kontexte zu aktivieren vermag.“ Obwohl bisweilen große Arbeiten im Stadtraum verbleiben, werden die meisten nach dem Ausstellungszeitraum wieder abgebaut. Das Temporäre spielt auch bei der Erweiterung des Fokus von Skulptur auf performative Kunst eine Rolle. Eine Besonderheit der Ausstellung ist, dass nicht nur der Eintritt frei ist, sondern der Zutritt zu den Werken, sie stehen ja im öffentlichen Raum, rund um die Uhr und möglichst ohne Einschränkungen möglich ist. Für eine Kunstausstellung von Weltrang durchaus bemerkenswert. Kuratiert wir die Ausstellung bereits seit der ersten Ausgabe von Kasper König, jeweils mit einem Team an MitarbeiterInnen. In diesem Jahr werden etwa 30 neue Arbeiten zwischen Bildhauerei und performantiver Kunst gezeigt.