Thomas Bayrle: Good Vibrations
12.02.2026
4 min Lesezeit
Kunst oder Konsum? Die bunt bedruckten Regenmäntel des Frankfurter Künstlers Thomas Bayrle balancieren bis heute auf einem schmalen Grat. Im Lab106 werden sie anlässlich der Ausstellung in der SCHIRN neu aufgelegt.
Bayrles Mäntel sind immer Mäntel, niemals Gemälde
Die Kunst dieser Zeit kehrt zurück zum Figürlichen und thematisiert den Alltag – direkt, in all seiner Banalität und in Farbe. Motiv für Kunstwerke wird das, was man so oft im Supermarkt oder im Fernsehen sieht, dass man es gar nicht mehr richtig wahrnimmt: Schreibmaschinen, Autos, objektifizierte und sexualisierte Frauenkörper, Eiscreme, Polizeifotos. Übergeordnetes Sujet ist mehr oder weniger direkt der Konsum. Konsum von Lebensmitteln wie von Nachrichten oder Kunst. Nicht ohne Grund nutzt die Pop Art Motive, Strategien und Techniken der Werbung und der Massenproduktion.
1968 lässt der Künstler Thomas Bayrle vom Frankfurter Modeatelier Lukowsky & Ohanian Modelle für transparente Regenmäntel aus Plastik entwerfen, auf die er wie auf Tapeten Endlosraster von Kühen, Schuhen und Tassen in knalligen Farben drucken lässt. Anders als das Warholsche „Souper Dress“, ein Papiermodell bedruckt mit Campbell’s Soup-Dosen, nutzt Bayrle hier nicht nur Konsumgüter als Motive für Kunstwerke, sondern produzierte die Werke als Ware. Doch um was für eine Art von Kunst handelt es sich, wenn sie in den Schränken statt an der Wand hängt und man sie dadurch präsentiert, dass man sich in ihr kleidet? Jasper Johns‘ berühmte Gemälde von Zielscheiben stellen eine ähnliche Problematik dar, denn sie sind gleichzeitig Motiv – Gemälde von Zielscheiben – und Objekt – eben Zielscheiben. Ohne weiteres könnten diese Bilder als Zielscheiben benutzen werden, praktisch würde man das aber nie tun – schon gar nicht im Museum. Bayrles Mäntel aber sind immer Mäntel, niemals Gemälde oder Nachbildungen solcher, und sie sollen durchaus getragen werden; trotzdem hängen einige in Museen.