Strike a Pose! Zur Performativität musikalischer Kulturen
Bárbara Wagner und Benjamin de Burca erkunden in ihren Filmen musikalische Kulturen und die Gemeinschaften, die sie tragen. Brega und Swingueira, Spoken-Word-Poetry und Straight-Edge-Hardcore. Dabei highlighten sie immer wieder Momente, die trotz Inszenierung scheinbar intim wirken.
Lorem Ipsum
Zwei Gesichter im Profil, fast Stirn an Stirn. Der Hintergrund: violettes Neonlicht, unscharf, vielleicht eine Bühne, vielleicht ein Club. Die beiden sehen sich an, reglos, konzentriert. Es könnte ein Moment vor einem Kuss sein. Oder vor einem Kampf. Ich muss an Piero della Francescas berühmtes Diptychon denken, diese beiden Adligen im strengen Profil, die einander anblicken und doch aneinander vorbeischauen. Aber hier, in dieser Eingangsszene von „Estás vendo coisas / You Are Seeing Things“ (2016) über die brasilianische Brega-Szene, ist alles aufgeladen mit einer Spannung, mit Neon, mit Sound, mit der Ahnung eines Wettbewerbs. Bárbara Wagner und Benjamin de Burca erkunden in ihren Filmen musikalische Kulturen und die Gemeinschaften, die sie tragen. Brega und Swingueira, Spoken-Word-Poetry und Straight-Edge-Hardcore. Dabei highlighten sie immer wieder Momente, die trotz Inszenierung scheinbar intim wirken. Ihre Filme führen Zuschauende durch Bilder, die sich festsetzen: Ein junger Mann, der seinen Bart kämmt und dabei sein Smartphone als Spiegel benutzt; aber er ist nur halb versunken in diese kleine Geste der Selbstgestaltung, vielmehr schielt er zu der Kamera, die ihn filmt, zu uns, die das Aufgenommene betrachten. Oder eine Person, die ihre Haare rasiert und dabei einen runden Schminkspiegel vor sich hält wie einen Schutzschild oder ein Auge; grünes Neonlicht legt sich auf die Haut, verwandelt das Gesicht in etwas Unwirkliches, fast Außerirdisches. Es sind Szenen, bei denen man sich fragt, ob hier ein privater Moment oder eine Performance dokumentiert wird, ob sich jemand vorbereitet oder ob die Vorbereitung selbst schon der Auftritt ist.
Die Kulturwissenschaftlerinnen Angela McRobbie und Jenny Garber haben in ihrem einflussreichen Essay „Girls and Subcultures“ (1977) darauf hingewiesen, dass die Subkulturforschung einen blinden Fleck hatte: Sie konzentrierte sich auf öffentliche, männlich dominierte Räume – die Straße, den Club, das Konzert – und übersah dabei die privaten Orte, an denen subkulturelle Identität ebenfalls geformt wird. McRobbie und Garber prägten dafür den Begriff der „bedroom culture“, das Schlafzimmer als Ort, an dem junge Frauen vor dem Spiegel, beim Schminken, beim Musikhören mit Freundinnen ihre Zugehörigkeit zu einer Szene erprobten und einübten. Wagner und de Burca interessieren sich für genau solche Momente. Ihre Kamera ist dort, wo Sichtbarkeit hergestellt wird, bevor sie öffentlich wird: beim Kämmen vor dem Handy-Display, beim prüfenden Blick in den Schminkspiegel. Aber anders als bei McRobbie und Garber geht es hier nicht um einen geschützten Rückzugsraum. Die Grenze zwischen privater Vorbereitung und öffentlichem Auftritt ist durchlässig geworden, vielleicht hat sie nie wirklich existiert. Die Vorbereitung ist bereits Performance, vor dem Spiegel wie vor der Kamera. Wagner und de Burca inszenieren hier nicht den Blick hinter die Kulisse, der möglichst unentdeckt in den privaten Raum eindringt und etwas offenbart. Wenn sie etwas offenbaren, dann, dass selbst die intimsten Momente Auftrittscharakter haben können.
Zur Performativität von Subkulturen
Menschen, die sich in subkulturellen Szenen bewegen, lassen sich gar nicht so einfach benennen, ja bringen einen sogar in sprachliche Verlegenheit. In akademischen Texten ist oft von „Mitgliedern“ die Rede. Aber „Mitglieder“? Das klingt nach Vereinsregister, nach Beitragszahlung und Kündigungsfrist. „Teilnehmer“? Nach Wochenendseminar. „Anhänger“? Ein bisschen nach Sekte, oder? „Protagonisten“? Zu heroisch.
Aber diese Verlegenheit ist vielsagend. Es gibt kein rechtes Wort für jemanden, der oder die einer Szene angehört, ohne ihr beigetreten zu sein, der oder die dabei ist, ohne aufgenommen worden zu sein, und irgendwann nicht mehr dabei ist, ohne je ausgetreten zu sein. Subkulturelle Zugehörigkeit funktioniert nicht wie eine Mitgliedschaft. Sie ist performativ. Man ist dabei, indem man mitmacht.
Wagner und de Burca nehmen das ernst. Sie sprechen von den Menschen in ihren Filmen als „artists“. Sie zeigen Künstler*innen mit eigener Praxis, eigener Methodik, eigener Stimme. Nicht Vertreter*innen einer Szene, nicht Beispiele für einen Stil, sondern Akteur*innen, die an ihrer eigenen Sichtbarkeit arbeiten.
In „RISE“ (2018), einem Film über Spoken-Word-Poet*innen in Brasilien, gibt es eine Szene, in der man einen Performer sieht, der seinen Text vorträgt, und im selben Bild auch den Kameramann, der ihn filmt, und andere Anwesende, die zuschauen und ihrerseits gefilmt werden. Die Kamera ist nicht unsichtbar, sie ist Teil der sozialen Situation. Es gibt kein Außen, von dem aus man neutral beobachten könnte. Jeder Blick ist bereits eine Positionierung. Das zieht sich durch alle Arbeiten des Duos. Es tauchen immer wieder Bildschirme auf, Monitore, Überwachungsbilder. Wir sind gleichzeitig Backstage und im Zuschauerraum, bei der Aufnahme und bei der Auswertung.
Sarah Thornton hat in „Club Cultures“ (1995) beschrieben, wie Subkulturen immer schon medial vermittelt waren. Zunächst vor allem durch Flyer, Fanzines, Plattencover, heute auch durch das Internet und Soziale Medien. Die Vorstellung einer „authentischen“ Szene, die erst nachträglich von Medien entdeckt und verfälscht wird, sei ein Mythos. Medien sind von Anfang an Teil dessen, was eine Szene ausmacht. Diesen Gedanken scheinen Wagner und de Burca zu teilen. Ihre Filme zeigen nicht Subkultur trotz der Kamera, sondern durch sie. Die Kamera ist kein Eindringling, steht nicht außerhalb, sie interveniert. Sie verbindet Räume und Zeiten, bringt Stars und Fans, die einzelnen in der Gruppe zusammen, produziert Nähe und Distanz zugleich. Vor der Kamera zu performen heißt hier nicht einfach, „sich zu zeigen“. Es heißt, sich zu einem Apparat zu verhalten, der Sichtbarkeit herstellt, verstärkt und distribuiert. Dazu passt auch die aufwendige Inszenierung von Licht. Licht ist bei Wagner und de Burca nicht bloß Dekoration oder Stimmungsmacher, sondern etwas, das Sichtbarkeit verteilt. Wer im Lichtkegel steht, ist präsent. Wer im Schatten bleibt, wartet noch.
„Jeder Blick ist bereits eine Positionierung. Wir sind gleichzeitig Backstage und im Zuschauerraum, bei der Aufnahme und bei der Auswertung.“
Film als subkulturelle Praxis
In „Future of Yesterday“ (2026) taucht Wagner und de Burcas Kamera in die deutsche Straight-Edge-Hardcore-Szene ein, eine Subkultur, die Nüchternheit als konsequente Widerstandgeste gegen den Kapitalismus versteht. Wir Zuschauenden werden mit der Kamera durch verschiedene Bilder und Settings geführt. Eine alte Videotape-Aufnahme zeigt eine Schellackplatte auf einem Grammophon; den Tonarm, der aufsetzt; ein rotes Label, das sich dreht. Dann, in Hochglanz gefilmt, eine Frau an einer selbstgebauten Siebdruckmaschine. Eine Garage mit giftgrünen Wänden, in der ein Mann im Flanellhemd liebevoll die Motorhaube eines orange-schwarz lackierten Vans poliert. Der Mann und sein Fahrzeug sind einfach da, in ihrer ganzen Alltäglichkeit. Die Kamera fährt weiter und fasst eine vollgestopfte Werkstatt ins Bild, in der jemand mit dem Rücken zur Kamera Gitarre spielt, umgeben von Autoreifen, einem silbernen Helm, gestapelten Kisten.
Diese Settings und Objekte sind keine nostalgischen Requisiten. Sie sind, wie Dick Hebdige es in „Subcultures. The Meaning of Style“ (1979) prominent beschrieben hat, „mundane objects“. Alltagsdinge, die durch ihren Gebrauch zu Zeichen werden. Er bezog sich dabei auf Max Ernst und den Begriff der Bricolage: das Zusammenfügen von Dingen, die eigentlich nicht zusammengehören, um neue Bedeutungen zu erzeugen. Die subkulturelle Bricolage, so Hebdige, arbeitet wie der Autor einer surrealistischen Collage: Sie bringt scheinbar unvereinbare Realitäten zusammen und erzeugt so eine aufregende Verbindung. Aber Bricolage beschreibt nicht nur eine subkulturelle Praxis, sie beschreibt auch die filmische Methode von Wagner und de Burca. Sie dokumentieren nicht einfach eine Szene, sie collagieren dokumentarische und inszenierte, authentische und surreale Elementen; Schnelligkeit trifft auf Slow Motion, Schärfe auf Unschärfe. Ihre Filme sind, in Hebdiges Sinne, selbst subkulturelle Praxis. Hieran zeigt sich besonders deutlich, dass Wagner und de Burca diese Bilder nicht von außen an die Szene herantragen, sondern eng mit den Akteur*innen der dokumentierten Subkultur zusammenarbeiten.
Der Titel ihres Filmes „You Are Seeing Things“ ist doppeldeutig. „Du siehst Dinge“ kann heißen: Du halluzinierst, du bildest dir etwas ein. Es kann aber auch heißen: Du nimmst endlich etwas wahr, was immer schon da war. Beide Lesarten stimmen. Diese Filme lösen das Dokumentarische nicht in Fiktion auf; sie führen es ad absurdum, indem sie seine Bedingungen offenlegen. Das Reale erscheint nicht jenseits der Inszenierung, sondern in ihr. Nicht trotz der Pose, sondern durch sie.
Das Eingangsbild – zwei Profile im Neon, minimale Distanz, maximale Spannung – ist insofern programmatisch. Es hält offen, was zu oft vorschnell entschieden wird. Ist das Konfrontation oder Intimität? Authentizität oder Performance? Dokument oder Inszenierung? Wagner und de Burca zwingen nicht zur Entscheidung. Sie zeigen Subkultur nicht als Spektakel für ein externes Publikum, sondern als fortlaufende Arbeit an der eigenen Sichtbarkeit. Eine Arbeit, die Wagner und de Burca mit Respekt und ästhetischer Präzision begleiten, ohne sie sich anzueignen.

