SCHIRN Questionnaire: Rosa Barba

07.01.2026

7 min Lesezeit

Autor*in:
Theresa Weise
Rosa Barba

Ein Blick nach vorne – ein Blick zurück. Unsere Autorin Theresa Weise stellt ausgewählten Künstler*innen, die eigens für die SCHIRN ROTUNDE eine ortsspezifische Arbeit geschaffen haben, dieselben 10 Fragen: nach Lieblingskunstwerken und -texten, nach Routinen im Atelier sowie nach Gedanken zur eigenen künstlerischen Praxis und zu neuen Projekten. Diesmal mit Rosa Barba.

Die in Italien geborene Künstlerin Rosa Barba lebt und arbeitet in Berlin. Ihre künstlerische Praxis verknüpft Film, Skulptur, Klang und Sprache und spürt dabei Fragen nach Wahrnehmung, Zeitlichkeit und Erinnerung nach. Als Ausgangspunkt ihrer Arbeiten dienen häufig bestimmte Orte, deren politische und materielle Geschichte in immersive filmische Landschaften übersetzt werden. Indem sie sich des Mediums Film als eines künstlerischen Materials bedient, erweitert Rosa Barba es um eine skulpturale und architektonische Sprache, die die Betrachtenden vor Ort umgibt.

Als die Künstlerin 2016/17 in der SCHIRN ROTUNDE ausstellte, reagierte sie auf die spezifischen Bedingungen des frei zugänglichen öffentlichen Raumes. Die Präsentation „Blind Volumes“ verband Videoarbeiten mit Skulpturen und füllte die ROTUNDE fast vollständig mit einen Stahlgerüst aus: So entstand ein visuelles Labyrinth aus Bild, Licht und Sound. Hierin einbezogen wurden bereits bestehende Werke, die in einem neuen Kontext und in neuer Anordnung zu sehen waren.

Das Medium Film, so sagt Rosa Barba, macht es möglich, dass „Zeit und Raum in Schwingung geraten, dass sie kollabieren, einander überlagern und sich erweitern“. Durch die dezidierte und bewusste Herausstellung normalerweise verborgener Projektoren, Filmrollen und Lichtquellen werden diese zu skulpturalen Elementen in künstlerischen Installationen, die die Grenze zwischen Bild und Objekt, Wahrheit und Fiktion ausloten. In den überwiegend analog gedrehten Filmen der Künstlerin werden Landschaften und Infrastrukturen gleichsam zeichnerisch skizziert und geben damit Anlass für poetische Begegnungen zwischen dokumentarischen Spuren und fiktionalen Erzählungen. Das Publikum ist eingeladen, das Medium Film als einen Raum der Reflexion zu erfahren, in dem Präsenz und Abwesenheit in einem fragilen Gleichgewicht gehalten werden.

Vor Kurzem erst hat Rosa Barbas Mid-Career-Retrospektive im MAXXI in Rom eröffnet. Die Ausstellung umspannt zwei Jahrzehnte und versammelt eine Auswahl der wichtigsten skulpturalen und filmischen Arbeiten der Künstlerin, darunter auch einen neuen 35-mm-Film und eine neu entstandene Skulptur.

Ausstellungsansicht "Rosa Barba: Frame Time Open" mit abstrakten Objekten und Installationen in modernem Raum.
Rosa Barba, A shark well governed, 2017. Frame Time Open, MAXXI
© M3Studio, courtesy Fondazione MAXXI

Wann hast du dich zum ersten Mal als Künstlerin bezeichnet?

ROSA BARBA

Ich habe schon früh Filme gedreht und fotografiert – als Künstlerin habe ich mich wahrscheinlich aber erst bezeichnet, nachdem ich erste Anerkennung erhielt und zu Ausstellungen eingeladen wurde.

Wie sieht denn ein Tag in deinem Atelier aus?

ROSA BARBA

Das ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Es gibt immer Büroarbeit zu erledigen, außerdem finden Gespräche und Diskussionen mit dem Team statt, um Lösungen für Herausforderungen zu finden, und mit allen möglichen Vertreter*innen der Kunstszene. Dann heißt es Mittagessen zubereiten und gemeinsam essen. Und die Arbeit an den Projekten selbst macht immer wieder Freude: die Ton- und Bildbearbeitung, die Herstellung von Modellen, die Entwicklung von Prototypen usw.

Moderne Galerie mit leuchtendem, gestreiftem Kunstwerk und glänzender Kugel auf minimalistischem, weißem Podest.
Rosa Barba, They are taking all my letters, 2025 und Language infinity sphere, 2018. Frame Time Open, MAXXI
© M3Studio, courtesy Fondazione MAXXI
Moderne Galerie mit großem Bildschirm präsentiert abstrakte Schwarz-Weiß-Fotografie in ansprechendem, minimalistischen Raum.
Rosa Barba, Installationsansicht, Frame Time Open, 2025/26
© Andrea Rossetti, courtesy of the artist, Esther Schipper, Vistamare

Zu deiner SCHIRN-Ausstellung 2016/17: Was waren die zentralen Elemente deiner künstlerischen Praxis? Und wie würdest du deine heutige Kunstpraxis beschreiben?

ROSA BARBA

„Blind Volumes“! Als Inspiration diente die Erzählung „Die Bibliothek von Babel“, verfasst von dem Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges. Hieraus folgte eine grundlegende Beschäftigung mit der Weise, in der die Ausstellung (eine Plattform und vertikale Bühne) als Behälter für fiktionale Möglichkeiten und Erzählungen funktionieren kann – und dabei vielleicht selbst Teil eines unsichtbaren Buches ist. Eines „blind volume“ oder Blindbands. Hiervon einmal abgesehen: Was ist das „Volumen“ einer Ausstellung?

Ich reagierte auf den einzigartigen Ort der SCHIRN ROTUNDE, die einen öffentlichen Raum darstellt, gleichzeitig aber in die Museumsarchitektur eingebettet ist. Den Museumsraum mit seinen verschiedenen Geschossen sah ich als vertikal angeordnete Plattformen, von denen aus sich die Installation aus unterschiedlicher Höhe betrachten ließ – als ein Ort für die Präsentation von Filmen und weiteren skulpturalen Arbeiten. In welcher Weise kann er durch verschiedene Interaktionen im Prozess bleiben? Wie wird die Einzigartigkeit der Ausstellungsarchitektur lebendig, wie spricht sie, kommuniziert, teilt sich mit und provoziert?

„Blind Volumes“ bestand aus einer Stahlkonstruktion aus 80 Rahmenelementen, die die architektonischen Formensprache des Museums aufgriffen. Sie diente gleichzeitig als Bühne für fortlaufende Präsentationen innerhalb des Kunstwerks selbst.

Diese Methode habe ich anschließend in meiner künstlerischen Praxis und in meinen aktuellen Ausstellungen weiterentwickelt.

Moderne Installation aus schwarzgerahmten Strukturen in einem lichtdurchfluteten Raum mit Glaswänden.
Rosa Barba, Installationsansicht, Blind Volumes, 2016/17
Foto: Norbert Miguletz
Blick nach oben in ein modernes Gebäude mit klaren Linien, Metallrahmen und großem Glasdach.
Rosa Barba, Installationsansicht, Blind Volumes, 2016/17
Foto: Norbert Miguletz
Moderne Architektur mit transparenten und schwarzen Strukturen in einem zentralen Innenraum, umgeben von Glas.
Rosa Barba, Installationsansicht, Blind Volumes, 2016/17
Foto: Norbert Miguletz

Woher weißt du, dass ein Werk fertig ist?

ROSA BARBA

Wenn es (ohne mich) lebt und atmet.

Welche Metaebene verbindet deine Arbeiten?

ROSA BARBA

Die Bezugnahme auf zahlreiche weitere Erzählungen und konzeptionelle Ideen.

Was ist deine schönste Erinnerung im Zusammenhang mit Kunst?

ROSA BARBA

Wenn ein Kunstwerk aus der Situation heraus entsteht, aus der Betrachtung der Natur, als eine Begegnung mit Gemeinschaft – das bekommt man nicht ohne Weiteres hin, das entsteht durch eine oszillierende Erfahrung, wenn die Kamera auf die unglaubliche Kraft von Natur und Menschlichkeit trifft. Wenn man erkennt, dass die Kunst um dich herum und mit dir geschaffen wird.

Projektionsfläche mit farbenfrohen Mustern und geometrischen Formen in einem zeitgenössischen Ausstellungsraum.
Rosa Barba, Solar flux recordings, 2022. Frame Time Open, MAXXI
© M3Studio, courtesy Fondazione MAXXI
Moderne Kunstausstellung mit Skulpturen und Lichtinstallationen in einem minimalistischen Raum.
Rosa Barba, Installationsansicht, Frame Time Open, 2025/26
© Andrea Rossetti, courtesy of the artist, Esther Schipper, Vistamare

Welches Kunstwerk hat dich in deinem Leben am stärksten beeinflusst?

ROSA BARBA

Ich erinnere mich noch an die ungeheuer tiefe Faszination, die Robert Franks Film „Me and My Brother“ auf mich ausgeübt hat.

Lorem Ipsum

02:00

Welchen Text (Gedicht, Essay, Roman usw.) sollten wir alle irgendwann einmal lesen?

ROSA BARBA

„Es“ (ob nun ein Gedicht, ein Essay oder ein Roman) wird zu dir kommen.

Welche Ausstellung wirst du als Nächstes ansehen und an welchem Projekt arbeitest du aktuell?

ROSA BARBA

Mein aktuelles Projekt basiert auf einem besonderen Ereignis, das sich ursprünglich in den Gewässern Siziliens ereignet hat. Hieraus wird ein Film entstehen.

Wenn du unbegrenzte Ressourcen hättest, welche Art von Kunstwerk würdest du dann gerne realisieren?

ROSA BARBA

Vermutlich würde es bestimmte Gemeinschaften miteinbeziehen. Was verstehen wir heute unter einer „Ressource“? Gibt es überhaupt so etwas wie „unbegrenzte Ressourcen“? Das ist ja abhängig von der Politik der Positionierung. Es stellt sich hier die größere Frage nach dem Ethos, das einem Kunstwerk innewohnt.

Moderne Kunstinstallation in einem lichtdurchfluteten, minimalistischen Raum mit vielfältigen Skulpturen und Lichtspielen.
Rosa Barba, Installationsansicht, Frame Time Open, 2025/26
© Andrea Rossetti, courtesy of the artist, Esther Schipper, Vistamare
Installation mit Projektor, der Lichtstrahlen auf eine gebogene Wand projiziert, ergänzt durch grafische Elemente.
Rosa Barba, Wirepiece double stop, 2025. Frame Time Open, MAXXI
© M3Studio, courtesy Fondazione MAXXI

SCHIRN QUESTIONNAIRE

Solange die SCHIRN-Rotunde aufgrund des temporären Umzugs der SCHIRN nach Bockenheim unbespielt bleibt, nutzen wir den Moment, um einige der schönsten Rotundenprojekte Revue passieren zu lassen und zugleich auch aktuelle Ausstellungen der Künstler*innen in den Blick zu nehmen. Mit dem SCHIRN MAG QUESTIONNAIRE stellt unsere Autorin Theresa Weise allen Künstler*innen dieselben 10 Fragen: Von privaten Einblicken in Lieblingskunstwerke und -texte über Gedanken zur künstlerischen Praxis in der SCHIRN-Rotunde und aktuellen Ausstellung bis hin zu dem Moment, als das erste Mal der Satz „Ich bin Künstler*in“ gefallen ist: Die Fragen lassen tief blick und geben Aufschluss über Privates und Praxis der Künstler*innen.

Rosa Barba. Frame Time Open

MAXXI – Museo nazionale delle arti del XXI secolo
Rom, Italien
Bis 8. März 2026