âMein Name ist Bond. James Bondâ: Zweifellos gehören diese Worte zu den bekanntesten der Filmgeschichte und lösen in jedem Kopf sofort Bilder jenes Agenten aus, der fĂŒr den britischen Geheimdienst durch die Welt fliegt und gerne Wodka Martini trinkt â und zwar geschĂŒttelt, nicht gerĂŒhrt. Dass die explosiven Geschichten rund um Bond, dem Schauspieler wie Sean Connery und Roger Moore zu Unsterblichkeit auf der Kinoleinwand verhalfen, auf Romanen beruhen, wissen nur wenige.
1953 veröffentlichte Ian Fleming seinen Erstling âCasino Royaleâ, er spiegelte dabei nicht nur die mehrheitlich auf Konsum und AmĂŒsement ausgerichtete Londoner Nachkriegsgesellschaft, sondern griff auch auf eigene Spionage-Erfahrungen zurĂŒck: 1933 hatte Fleming als Korrespondent fĂŒr Reuters in der Sowjetunion gearbeitet und von dort aus Informationen an das britische AuĂenministerium geliefert. Fleming arbeitete dann wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs fĂŒr den britischen Marinegeheimdienst und schrieb sogar vor der Besetzung des Landes einen Bericht ĂŒber die deutsche Wirtschaft fĂŒr das AuswĂ€rtige Amt. Obwohl James Bond, der Frauen genauso zu sich nimmt wie Champagner, das Genre des Spionageromans bis heute prĂ€gt, war er nicht dessen erster Vertreter.
MĂ€nnliche Spione sind in der Literatur klar in der Ăberzahl
Aber was ist ein Spionageroman eigentlich? Auf eine allgemeingĂŒltige Definition konnten sich Literaturwissenschaftler bis heute nicht einigen. Einsortiert wird er zumeist in die Kriminalliteratur und vom Detektivroman unterschieden. Auch eine Trennlinie zwischen Thrillern, wie bei Fleming, und stĂ€rker auf die realistische Darstellung von Geheimdiensten abzielende Romane wird bisweilen gezogen. Mit wenigen Ausnahmen sind Spione in der Literatur â anders als in der RealitĂ€t â darĂŒber hinaus MĂ€nner.
Hoagy Carmichael, Flemings Vorstellung von James Bond, Image via wikipedia.org
Bei Joseph Conrad, der lange vor Fleming 1907 âDer Geheimagent. Eine einfache Geschichteâ veröffentlichte, heiĂt dieser Mann Mr. Verloc. Im offiziellen Leben Besitzer eines Ladens fĂŒr KuriositĂ€ten und Erotika in London, arbeitet er unter der Hand fĂŒr eine nicht nĂ€her benannte geheime Organisation und versorgt diese mit Informationen ĂŒber anarchistische Kreise. Aber nicht zu deren Zufriedenheit: âDer eigentliche Beruf eines âagent provocateurâ ist zu provozieren. Soweit ich aus Ihrem Bericht ersehe, haben Sie in den letzten drei Jahren nichts getan fĂŒr das Geld, das sie eingestrichen habenâ, wirft ihm sein Kontaktmann vor und beauftragt den leicht lethargischen Agenten mit einem Bombenanschlag auf das Observatorium in Greenwich, den er im Namen der Anarchisten ausfĂŒhren soll â ohne RĂŒcksicht auf die Sicherheit seiner Familie, die dabei zu Schaden kommt.
Der eigentliche Beruf eines âagent provocateurâ ist zu provozieren. Soweit ich aus Ihrem Bericht ersehe, haben Sie in den letzten drei Jahren nichts getan fĂŒr das Geld, das sie eingestrichen haben.
Maurice Castle, Hauptfigur in âDer menschliche Faktorâ von Graham Greene (1978), sorgt sich viel stĂ€rker um Frau und Kind. Er ist ein farbloser und pflichtbewusster Mann, der offiziell beim britischen AuĂenministerium arbeitet, aber dort geheimdienstlich relevante Nachrichten aus Afrika betreut. Um keinen Preis möchte er Aufmerksamkeit auf seine Person richten, denn Castle, das wird im Verlauf des Romans deutlich, ist jene undichte Stelle, nach der das MI6 mit Akribie sucht: Er liefert Informationen an die Sowjetunion, da diese ihm damals half, seine spĂ€tere Frau unbehelligt aus SĂŒdafrika zu schleusen. Castle, der lĂ€ngst das Rentenalter erreicht hat, ist arbeitsmĂŒde geworden und ertrĂ€nkt seine Sorgen und Ăngste regelmĂ€Ăig im Whiskey-Tumbler, um den Depressionen zu entgehen.
Greene trat damit in die FuĂstapfen einer der wohl bekanntesten Autoren von Spionageromanen: John le CarrĂ© hatte 1963 mit âDer Spion, der aus der KĂ€lte kamâ seinen Protagonisten Alec Leamas ins Rennen geschickt: Ein britischer Agent, der sich der Stasi als Doppelagent anbietet, um seinen Erzfeind dort zu Fall zu bringen. In den vergangenen Monaten waren mehrere seiner Kontakte von der Gegenseite ermordet worden, was ihn dazu bringt, sich emotional immer stĂ€rker zu verschlieĂen.
John le Carré, The Spy who came in from the Cold (Der Spion, der aus der KÀlte kam), 1963, Erste Edition, Image via wikipedia.org
âWir mĂŒssen ohne GefĂŒhl leben, ist es nicht so? [âŠ] Wir spielen es uns gegenseitig vor, all diese HĂ€rte. Aber so sind wir in Wirklichkeit gar nicht. Ich meine, man kann nicht die ganze Zeit drauĂen in der KĂ€lte sein; man muss auch einmal aus der KĂ€lte hereinkommen...â, versucht ihn sein Chef bei der ĂberprĂŒfung seiner weiteren Tauglichkeit als Agent aus der Reserve zu locken. Leamas spricht gerne und oft dem Alkohol zu, die Ehe mit seiner Frau ist lĂ€ngst geschieden und der Kontakt zu seinen Kindern besteht nicht mehr: Eine gebrochene Figur, die aus Frust ĂŒber die private UnzulĂ€nglichkeit ganz in der nervenaufreibenden Rolle des Spions aufgeht.
Eine gebrochene Figur geht ganz in ihrer Rolle als Spion auf
Das gilt auch fĂŒr Karl MĂŒller, der Hauptfigur aus Jacques Berndorfs Agentenroman âEin guter Mannâ (2005). MĂŒller, Mitarbeiter des BND und fĂŒr Ăberwachung des Nahen Ostens eingesetzt, ist ein höchst unauffĂ€lliger Mann; spontan muss er nach Damaskus fliegen, weil sein Kontakt Achmed ĂŒber die verschlĂŒsselte Leitung einen Notruf durchgegeben hat. Auch wenn Reisen ins Ausland als Agent immer mit Gefahren und exakt abgesprochenen VorsichtsmaĂnahmen verbunden sind, zieht MĂŒller sie noch immer dem Aufenthalt zu Hause vor: Die Ehe mit seiner Frau ist lĂ€ngst erkaltet und sein Vater liegt im Sterben. Sein Chef ermahnt ihn, seine privaten Probleme zu klĂ€ren, damit seine Arbeit im Bundesnachrichtendienst nicht davon beeinflusst wird â GefĂŒhle haben in der Spionage nichts zu suchen.
Jaques Berndorf, Ein guter Mann, 2005, Image via booklooker.de
Oder sie sind den Frauen vorbehalten. Diese stehen bis heute selten als Agentin im Mittelpunkt eines Spionageromans, und wenn doch, so verstricken sie sich frĂŒher oder spĂ€ter in eine Liebesgeschichte. In âHonigâ von Ian McEwan (2012) lĂ€sst der Autor die junge Serena in den Siebziger Jahren als Mitarbeiterin beim MI5 beginnen, wo man sie zunĂ€chst zu Schreibtischarbeit verpflichtet, bevor sie fĂŒr eine gröĂere Mission eingesetzt wird: Sie soll in der Rolle einer Literaturagentin einen jungen Autor fĂŒr ein vom Geheimdienst finanziertes Literaturmagazin gewinnen, das Texte von regierungsfreundlichen Schriftstellern abdruckt.
McEwan greift dabei manchmal etwas zu tief in die Klischeekiste: âHatte ich Zweifel oder moralische Bedenken? Zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich war glĂŒcklich, dass man mich ausgewĂ€hlt hatte. Ich fĂŒhlte mich der Aufgabe gewachsen und hoffte dabei, Lob aus den höheren Etagen ernten zu können â ich war ein MĂ€dchen, das gelobt werden wollteâ, erzĂ€hlt Serena an einer Stelle, kurz bevor sie sich in ihr Zielobjekt verliebt und eine Beziehung mit dem Mann eingeht. Der Codename âHonigâ fĂŒr die Mission ist bereits aussagekrĂ€ftig genug: Als âHonigfalleâ bezeichnete man weibliche Lockvögel, die durch Einsatz ihres Körpers an Informationen gelangten. Eine Aufgabe, die Agentinnen auf ihre weiblichen Reize reduziert â und zudem ein Phantasieprodukt der Literatur ist.
Hatte ich ZweiÂfel oder moraÂliÂsche BedenÂken? Zu diesem ZeitÂpunkt noch nicht.
Ian McEwan, Sweet Tooth (Honig), 2012,
Erste Edition, Image via wikipedia.org
Liz Carlyle, Hauptfigur von Stella Rimingtons Roman âAngstpartieâ (2008), sieht sich nicht in der Rolle des wimpernklimpernden MĂ€dchens. Ihre Aufgabe ist es, den Anschlag auf eine Friedenskonferenz mit dem Nahen Osten zu verhindern, bei dem auch der Mossad seine Finger im Spiel haben soll. Carlyle zĂ€hlt zu den zĂ€heren Protagonistinnen, die sich von der mĂ€nnlichen Konkurrenz nicht die Butter vom Brot nehmen lassen; und doch verzichtet Rimington â die 1992 zur ersten Chefin des MI5 gewĂ€hlt wurde â ebenfalls nicht darauf, ihre Protagonistin als junge und attraktive Frau zu schildern, die sich unglĂŒcklich in ihren Chef verliebt und zu einem Treffen mit ihrem Kontaktmann bei der CIA extra die neuen Riemchen-Stilettos trĂ€gt. Und auch Lauren Wilkinson, deren Roman âAmerican Spyâ (2019) rĂŒckblickend die Erfahrungen der Schwarzen CIA-Agentin Marie Mitchell erzĂ€hlt und dabei strukturellen Sexismus und Rassismus bei den Geheimdiensten thematisiert, kommt nicht ohne Liebesgeschichte aus.
Im Gegensatz zu Spionageromanen aus GroĂbritannien, die auf eine lange Tradition zurĂŒckblicken und in den meisten FĂ€llen eigenbrötlerische und melancholische Hauptfiguren in den Mittelpunkt stellen, bekam das Genre auf dem deutschen Buchmarkt erst vor wenigen Jahrzehnten Aufwind. AuffĂ€llig ist dort das immer wiederkehrende Thema familiĂ€rer Verwicklungen in SpionagetĂ€tigkeiten, sei es wĂ€hrend des Nationalsozialismus oder mit Bezug auf die deutsch-deutsche Teilung.Â
Lauren Wilkinson, American Spy, 2019, Image via amazon.com
So erzĂ€hlt Dirk Brauns in âDie Unscheinbarenâ (2019) die Geschichte eines Jungen, der mitansehen muss, wie seine Eltern von der Stasi festgenommen werden, weil sie fĂŒr die Bundesrepublik spioniert haben â eine Geschichte, die auf seinen eigenen Erlebnissen basiert. Das gilt auch fĂŒr Eugen Ruge, dessen Roman âMetropolâ (2019) von seiner GroĂmutter handelt, die in den DreiĂiger Jahren fĂŒr den Nachrichtendienst Komintern in Moskau arbeitet, sowie Ulla Lenze, die in âDer EmpfĂ€ngerâ (2019) die TĂ€tigkeit ihres GroĂvaters beim deutschen Geheimdienst in Amerika wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs verarbeitet.
Obwohl sich die Romane lĂ€nderĂŒbergreifend in Struktur und Personal also hĂ€ufig Ă€hneln, so bleibt die Definition und Abgrenzung von anderen Genres weiterhin schwierig. Der Experte fĂŒr Spionageliteratur Jost Hindermann findet in seiner Abhandlung zu britischen Spionageromanen die treffenden Worte: âEin Spionageroman ist ein Roman, der von Spionage handelt.â
Ein SpioÂnaÂgeÂroÂman ist ein Roman, der von SpioÂnage handelt.
