Ein Plädoyer für den Antifaschismus
17.02.2026
5 min Lesezeit
Was ist Geschichte? Wem gehört sie und wie prägt sie unsere Narrative? In der KUNSTHALLE GIESSEN durchdringt Roméo Mivekannin noch bis zum 15. März eurozentrische Erzählweisen und reflektiert Kolonial- und NS-Vergangenheit.
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Die Ausstellung von Roméo Mivekannin in Gießen ist dicht gespickt mit historischen Referenzen, europäischen kunsthistorischen Bildtraditionen und deutscher Vergangenheit. Schon der Titel „Les gens ne disent presque rien“ (dt. Die Menschen sagten fast nichts) bezieht sich auf ein einschneidendes Ereignis: Das Zitat stammt von Hannah Höch – einer von den Nationalsozialisten verfemten Dadaistin. Nach ihrem Besuch der Ausstellung „Entartete Kunst“, die parallel zu Hitlers „Großen Deutschen Kunstausstellung“ im „Haus der Deutschen Kunst“ in München präsentiert wurde, schrieb sie: „Nach der öffentlichen Hetze ist erstaunlich, wie sich das Publikum diszipliniert benimmt. Viele Gesichter sind verschlossen und auch ziemlich viel Opposition ist abzulesen. Gesagt wird kaum ein Wort.“ Dieses Gefühl des Schweigens und fehlenden Widerstands transferiert Mivekannin in unsere Gegenwart. Dabei wird deutlich, wie eng diese Zeitebenen miteinander verknüpft sind.
Im Spiegel der Macht
Bereits die erste Arbeit im Ausstellungsraum setzt die verschiedenen Zeitlichkeiten in Relation. „Pur Sang“ (2025) (dt. Reines Blut) zeigt über achtzig Spiegel, die wie in einer Ahnengalerie auf schwarzem Grund präsentiert werden. Auf den Spiegeln selbst sind monochrome, geisterhafte Porträts zu sehen: von Clemens August von Galen – er prangerte das Euthanasie-Programm des NS-Regimes an – bis zu Malala Yousafzai – einer pakistanischen Frauen- und Kinderrechtsaktivistin – und Künstler*innen wie Otto Dix. Der Titel entstammt einem Gedicht Aimé Césaires, welches sich mit totalitären Machtinstrumenten und Widerstand auseinandersetzt.
Mivekannin nutzt Spiegel, die sowohl Reflexion als auch Eitelkeit symbolisieren können und scheint die Betrachter*innen so zur Selbstbefragung aufzufordern: Was ist mein Anteil an der Geschichte? Wie bin ich geprägt? So würdigen die Spiegel nicht nur die Personen im Widerstand gegen Faschismus und Gewalt, sie verknüpfen dieses Gedenken zugleich mit der Gegenwart der Betrachtenden, wenn sich diese im Spiegelbild wiederfinden.
Im Spiegel der Macht
Die raumfüllende Arbeit „Atlas“ zeigt Hitlers geplantes „Führermuseum“ als käfigähnliches Stahlkonstrukt in der Mitte des Ausstellungsraums. Dafür sollte nach Vorbild des „Haus der Deutschen Kunst“ ein noch größerer Bau in Linz errichtet werden, um NS-konforme Arbeiten zu zeigen. „Atlas“ verbindet die Erzählstränge von Ahnengalerie und Ausstellungstitel. Im Käfiginneren hängen drei kleinere Architekturmodelle: das Pariser Palais du Trocadéro, der New Yorker Crystal Palace und das „Haus der Deutschen Kunst“. Allen drei Architekturen liegt dasselbe Prinzip zugrunde: Machtdemonstration – ob aus kolonialen Bestrebungen oder ökonomischen Interessen. In ihrer Monumentalität werden sie Manifestation rassistischer Ideologien und Überlegenheitsfantasien. Der Gefängnischarakter der Installation unterstreicht, wie eingefangen solche Denkweisen sind – Systeme, aus denen es kein Entkommen gibt.
Was in „Atlas“ schon sichtbar wurde, intensiviert sich in Mivekannins großformatigen Malereien, die Macht und Identitäten formen. Der Künstler nutzt Fotografien nationalsozialistischer Kulturpropaganda und überschreibt diese mit seinem eigenen Gesicht. So beispielsweise in Adolf Wissels „Kahlenberger Bauernfamilie“ (1939), welches das nationalsozialistische Familienbild propagiert, nun aber durch die Integration des Selbstporträts die bildinhärenten rassistischen Strukturen betont. Auch fiktive Szenen aus Filmen (u.a. Alfred Hitchcocks „Das Rettungsboot“ (1944)) entwickelt Mivekannin weiter. Seine Malereien werden durch populäre Arbeiten von entarteten Künstler*innen wie Otto Dix‘ „Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden“ (1926) vervollständigt, in die er sich jedoch nicht selbst einfügt – schließlich waren sie nicht Teil der NS-konformen Kunst. Als Leinwände nutzt Mivekannin alte Textilien und Bettlaken, die er in Kräuterelixiere taucht, um sie zu reinigen. Damit folgt er einer Voodoo-Praktik des Königreichs Dahomey, welches sich heute in Benin befindet. Mivekannin ist ein direkter Nachfahre Behanzins, dem letzten König von Dahomey. Für seine künstlerische Praxis verbindet er dieses besondere kulturelle Erbe mit europäischen Bildinhalten und stellt somit dominante weiße Narrative infrage.
Zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Mit diesem Gedanken schließt die Ausstellung auch ab: In einem abgetrennten Bereich – in andächtiger Stille und stimmungsvollem Licht – präsentiert sich „Jèto“ (2025). Eine zentrale Skulptur wird von sogenannten tilas, kleinen Päckchen mit Kräutern und Blüten, die als Glücksbringer gelten, umringt. Geschmückt sind sie mit Kaurimuscheln, die für Zukunftsvorhersagen genutzt werden und einen meditativen und positiven Charakter haben. Damit wird erneut die Verwobenheit von Zeit deutlich – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren nicht getrennt voneinander, sondern sind in ständigem Austausch.
Gekonnt setzt Mivekannin verschiedene Erzählungen gleich und interveniert in vermeintlich Gesetztes – sei es das Zeitverständnis oder die Wissensproduktion. Indem er westliche Ikonografie mit seinem eigenen kulturellen Erbe konfrontiert, bricht er mit der eurozentrischen Wissensproduktion und entwirft ein plurales Wissen aus Zirkularität, Ritual und Widerstand. Dabei gelingt ihm ein eindrücklicher Aufruf gegen den Faschismus – es ist dringlich.