Die unbekannten Brüder Duchamp
18.12.2025
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Die SCHIRN beleuchtet Suzanne Duchamps Werk aktuell erstmals in einer großen Retrospektive, während ihr Bruder Marcel Duchamp längst in den Kanon der Kunstgeschichte aufgenommen wurde. Dass aber noch zwei weitere Brüder Duchamp zentrale Werke geschaffen haben, ist wenigen bekannt. Wir klären auf!
Raymond Duchamp-Villon – der Bildhauer der Familie
Raymond Duchamp-Villon (geb. Raymond Duchamp, 1876) war der Bildhauer unter den Geschwistern Duchamp und einer jener Künstler, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich erkannten, dass der Mensch in das Zeitalter der Maschine eingetreten war. Aufgrund seines Gesundheitszustandes brach er das Medizinstudium ab, wodurch er sich vollkommen der Bildhauerei widmen konnte. Er schuf einige der ungewöhnlichsten Skulpturen seiner Generation und prägte zweifellos die Geschichte der modernen Kunst.
Duchamp-Villon war Teil der sogenannten Puteaux-Kubisten, eine Gruppe, die sich auf die plastische Darstellung von Bewegung konzentrierte und damit den Gegensatz zum analytischen Ansatz der Montmartre-Gruppe um Braque und Picasso herum bildete. Er stellte 1911 im Salon d’Automne aus und beeindruckte das Publikum durch ein stark vereinfachtes Porträt, bevor er sein kubistisches Denken durch geometrisch konstruierte Büsten darstellte. Sein Schaffen war geprägt von seinem Interesse für Architektur und Konstruktion, das sich etwa in der Fassadengestaltung der Villa La Maison Cubiste (1912, Paris) zeigt.
Der Maler Jacques Villon – bekannter als Marcel Duchamp?
Ebenso erstaunlich wie die bildhauerische Pionierkraft Raymond Duchamp-Villons und die posthume geschwisterliche Fortführung seines Lebenswerks, ist der künstlerische Werdegang von Jacques Villon (geb. Gaston Duchamp, 1875–1963). So war der älteste der sechs Geschwister in Europa zeitweise vermutlich sogar bekannter als sein heute so berühmter Bruder Marcel Duchamp, dessen internationaler Durchbruch erst in den 1960er-Jahren erfolgte.
Als Mitbegründer der kubistischen Puteaux-Gruppe und Vorstandsmitglied des Salon Automne wirkte Villon maßgeblich an wegweisenden Ausstellungen der Avantgarde mit. Zugleich trug seine Teilnahme an der Amory Show 1913 in New York dazu bei, die europäische Moderne in den USA zu etablieren. Es wäre nur naheliegend, wenn er damit auch als eine Art Vorbild für seine jüngeren Geschwister fungierte und ihnen gewissermaßen den Weg ebnete.
Villons grafisches Werk umfasst mehr als 600 Radierungen und Lithografien und konnte zunächst dem Kubismus zugeordnet werden. Nach kubistischen Porträts, wie die Darstellung seines Vaters 1924, entwickelte sich Villons farbintensive Malerei immer stärker hin zur völligen Abstraktion. Inspiriert vom Physiker Ogden Rood verstand Villon Farbe als ein „Gewicht auf der Waage der Emotionen“ und widmete sich ab den 1930er-Jahren verstärkt der Farbenlehre. In seinen sehr zahlreichen abstrakten Arbeiten arrangierte er vorwiegend Blöcke aus reiner Farbe auf flachen Oberflächen, um die Bildtiefe neu zu definieren. Er begann mit der Pariser Avantgarde-Gruppe Abstraction-Création auszustellen und genoss auch in den USA weiterhin großes Ansehen.
Villon erhielt als einer der führenden Meister der École de Paris 1950 den Ersten Preis der Carnegie International in Pittsburgh und den Großen Preis für Malerei der Biennale von Venedig 1956. Zu diesem Zeitpunkt war Jacques Villon noch das populärste Mitglied der Familie Duchamp. Gemeinsam mit Marc Chagall und Roger Bissière gestaltete er die Glasfenster des Doms von Metz. 1963 wurde er als einziger aus dieser außergewöhnlichen Künstler*innenfamilie zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Er verstarb im selben Jahr.
1968 wurden die Werke von Jacques Villon, Raymond Villon-Duchamp, Suzanne und Marcel Duchamp im Musée des Beaux-Arts in Rouen in der Ausstellung „Les Duchamps“ gemeinsam gezeigt, an deren Organisation sich Marcel als das einzige noch lebende Mitglied der Geschwister einbrachte. Untereinander waren sie wohl die strengsten Kritiker*innen, doch vor allem unterstützten sie sich zeitlebens auf ihren Wegen. Ihre Beziehung zueinander scheint nicht von Konkurrenz, sondern von einem tiefen Verständnis und einer großen Wertschätzung geprägt gewesen zu sein.