Berlinale-Auslese 2026: Und was ist eigentlich mit dem Film?
10.03.2026
7 min Lesezeit
Während die 76. Berlinale von medialen Diskursen überschattet wird, wenden wir uns den vielen lohnenswerten Filmen zu, die dort gezeigt wurden: Von Momenten des Widerstands im Alltag, in der Familie oder Kunst bis hin zu polyphonen Stimmcollagen in Dokumentarfilmen.
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„Ich wollte keinen traurigen Film machen,“ erklärte Sharbhanoo Sadat auf der Pressekonferenz zu „No Good Men“. Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale war in der Tat vieles, aber kein „sad movie“: Eine Liebeskomödie mit bewusstem Hang zum Kitsch, eine Emanzipationsgeschichte, eine politische Geschichte und eine afghanische Alltagsgeschichte kurz vor der Machtübernahme der Taliban. Sadat begleitet ihre Protagonistin, eine selbstbewusste TV-Journalistin, durch ein Land im Umbruch. Dort ist Krise zwar Alltag, doch der Alltag nicht nur Krise. So einen brutal ehrlichen und zugleich lustigen filmischen Affront gegen das mal religiöse, mal traditionell-konservative Patriarchat hat man auch jenseits Afghanistans selten gesehen. Der Kinostart für August 2026 ist bereits gesichert.
Doch statt über Filme wurde spätestens seit Mitte der Internationalen Filmfestspiele vor allem über Aufrufe und Positionierungen zu Israel und Gaza gestritten. Dass diese Diskurse in erster Linie medialer Natur waren, zeigte sich vor Ort. Eine Beschäftigung mit den Arbeiten selbst hätte geholfen – darunter mehrere explizit israelisch-kritische Filme (wie auch Angebote zur Versöhnung im Exil, darunter „Where to?“ von Assaf Machnes über den palästinensischen Taxifahrer Hassan und den jungen Israeli Amir). Kaum noch sichtbar war im Filmprogramm hingegen ein Krieg, der seit vier Jahren rund 1,300 Kilometer von Berlin entfernt in der Ukraine wütet – so nah an den Filmfestspielen wie kein anderer.
Wer profitiert vom Elend?
Auch bei der 76. Berlinale waren es nicht zuletzt die dokumentarischen Formate, die hängen blieben. Wie das ruhig erzählte, in seinem Anliegen umso dringlichere Debüt „Trop c‘est trop“ von Elisé Sawasawa: In einer guten Stunde erzählt der junge, autodidaktische Regisseur über den blutigen Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo und fragt, wer vom Elend profitiert. Sind es, so vermuten es die Protagonist*innen, die er in Flüchtlingslagern, bei militärischer Ausbildung und auf der Straße aufsucht, nicht auch die NGOs, die an einer politischen Lösung weniger Interesse haben denn an der Aufrechterhaltung des Status quo? Ein kluger, drastischer Film, der den Menschen vor Ort zuhört, statt sie zur Projektionsfolie zu machen.
Gänzlich ohne Off-Kommentar kommt „Im Umkreis des Paradieses“ aus. Darin begleitet Yulia Lokshina österreichische, deutsche, schottische und amerikanische Aussteiger*innen in Paraguay und lässt sie selbst zu Wort kommen. Das Leben der bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft (darunter ein Vogelforscher, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, „Migrationskritiker“, Esoteriker und ein ehemaliger Scientology-Chef) collagiert die Regisseurin gegenüber dem Alltag der lokalen Bewohner*innen, die sich ihren eigenen Reim auf die europäischen Migrant*innen machen.