Die Blutgräfin von Ulrike Ottinger
© Amour Fou Vienna, Amour Fou Luxembourg, Heimatfilm, Ulrike Ottinger Filmproduktion / P. Domenigg

Berlinale-Auslese 2026: Und was ist eigentlich mit dem Film?

Während die 76. Berlinale von medialen Diskursen überschattet wird, wenden wir uns den vielen lohnenswerten Filmen zu, die dort gezeigt wurden: Von Momenten des Widerstands im Alltag, in der Familie oder Kunst bis hin zu polyphonen Stimmcollagen in Dokumentarfilmen.

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„Ich wollte keinen traurigen Film machen,“ erklärte Sharbhanoo Sadat auf der Pressekonferenz zu „No Good Men“. Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale war in der Tat vieles, aber kein „sad movie“: Eine Liebeskomödie mit bewusstem Hang zum Kitsch, eine Emanzipationsgeschichte, eine politische Geschichte und eine afghanische Alltagsgeschichte kurz vor der Machtübernahme der Taliban. Sadat begleitet ihre Protagonistin, eine selbstbewusste TV-Journalistin, durch ein Land im Umbruch. Dort ist Krise zwar Alltag, doch der Alltag nicht nur Krise. So einen brutal ehrlichen und zugleich lustigen filmischen Affront gegen das mal religiöse, mal traditionell-konservative Patriarchat hat man auch jenseits Afghanistans selten gesehen. Der Kinostart für August 2026 ist bereits gesichert.

Doch statt über Filme wurde spätestens seit Mitte der Internationalen Filmfestspiele vor allem über Aufrufe und Positionierungen zu Israel und Gaza gestritten. Dass diese Diskurse in erster Linie medialer Natur waren, zeigte sich vor Ort. Eine Beschäftigung mit den Arbeiten selbst hätte geholfen – darunter mehrere explizit israelisch-kritische Filme (wie auch Angebote zur Versöhnung im Exil, darunter „Where to?“ von Assaf Machnes über den palästinensischen Taxifahrer Hassan und den jungen Israeli Amir). Kaum noch sichtbar war im Filmprogramm hingegen ein Krieg, der seit vier Jahren rund 1,300 Kilometer von Berlin entfernt in der Ukraine wütet – so nah an den Filmfestspielen wie kein anderer.

Ein Paar sitzt an einem Tisch mit Essen, während im Hintergrund ein Aquarium mit Fischen zu sehen ist.
No Good Men von Shahrbanoo Sadat
© Virginie Surdej
Zwei Männer sitzen nachts in einem Auto vor einer mit Graffiti besprühten Wand. Städtereise in der Dunkelheit.
Where To? von Assaf Machnes
© Maayne Bouhnik

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Unabhängig davon, wie man sich zu einzelnen Themen oder zur Frage positionieren mag, ob ein Filmfestival selbst jegliche virulente politischen Themen adressieren muss, stellte sich die Frage: Was ist eigentlich mit dem Film? So zeigte sich mit der Berlinale die ganze Ironie ihres Unterfangens: Physische Räume zum Filmeschauen verschwinden, während die Auswahl an lohnenswerten Filmen, die man potenziell im Kino schauen könnte, auf hohem Niveau bleibt – aber in der Aufmerksamkeitsökonomie kaum noch eine Rolle spielt.

Rückzug ins Private, Rückzug in die Kunst

Wie ein roter Faden zog sich ein Thema durch den Wettbewerb und andere Sektionen: die Familie. In Zeiten großer Unsicherheit richten nicht wenige Filmemacher*innen den Blick zurück auf die kleinste Einheit der Gesellschaft, in der sich Privates stets auch mit dem Gesellschaftspolitischen verschränkt. In „Everybody Digs Bill Evans“ von Grant Gee kehrt der heroinabhängige Jazzpianist in den frühen 1960er-Jahren von New York vorübergehend zu seinen Eltern nach Florida zurück, um dort einen Entzug zu machen. Das zurückhaltend inszenierte Biopic im kontrastreichen Schwarz-Weiß, das visuell an alte Jazzfotografien erinnert, begleitet das Ausnahmetalent auf seiner Reise – eine stille Abkehr von der unerträglichen Realität, ein Rückzug in die Kunst. In bleierner Schwere entfaltet „Safe Exit“ im post-revolutionären Ägypten seine Narration. Der Film des ägyptischen Regisseurs Mohammed Hammad, der sich allmählich vom Drama zum Thriller wandelt, begleitet einen jungen Sicherheitsmann durch seinen Alltag. In behutsam komponierten Bildern erzählt er die Geschichte von desillusionierten Hoffnungen nach dem arabischen Frühling, der Unterdrückung von religiösen Minderheiten in einer Welt, die unter ihren Paradoxien jederzeit zu bersten scheint.

Zwei Musiker spielen im dunklen, stimmungsvollen Raum zusammen: einer am Klavier, der andere am Kontrabass.
Everybody Digs Bill Evans von Grant Gee
© Shane O’Connor 2026 Cowtown Pictures_Hot Property
Ein junger Mann sitzt zwischen zwei großen Maskottchenköpfen: einem Panda und einem bunten, fröhlichen Charakter.
Safe Exit von Mohammed Hammad
© Pareidolia Productions

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Wolfram“ des australischen Regisseurs Warwick Thornton, selbst Kaytete Aborigine, erzählt die Geschichte eines jungen, indigenen Geschwisterpärchens, das 1932 entführt und zur Kinderarbeit gezwungen wird. Familie ist hier nicht Ausgangspunkt für den Rückzug in die Resignation, vielmehr Keimzelle des Aufstands und Quelle der Solidarität im Widerstand. Beim Gewinner des Goldenen Bären, „Gelbe Briefe“ des deutschen Filmemachers İlker Çatak, geht wiederum eine türkische Künstlerfamilie am politischen Druck zugrunde, dem sie zunehmend ausgesetzt wird. Çatak internationalisiert seine Geschichte bewusst und verlegt Istanbul und Ankara kurzerhand nach Hamburg beziehungsweise Berlin. Gemäß dem Slogan „Das Private ist politisch“ gelingt ihm dabei eine Übertragung politischer Konfliktlinien ins intime Beziehungsgefüge.

Eine nachdenkliche Frau sitzt neben einem schlafenden Mann in einem Fahrzeug, während im Hintergrund die Fenster reflektieren.
Gelbe Briefe von İlker Çatak
© Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film
Bühnenansicht mit Tänzern, die sich umarmen, vor einem Publikum in einem eleganten Theater.
Gelbe Briefe von İlker Çatak
© Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film
Drei Kinder und ein Mann in der Wüste sitzen auf einem Felsen, tragen Hüte und einfache Kleidung und betrachten die Umgebung.
Wolfram von Warwick Thornton
© Bunya Productions

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Und dann gab es zwischendurch immer wieder Filme, die die reine Lust am Filmemachen offenbarten: „Die Blutgräfin“ von Ulrike Ottinger ist eine furiose, österreichisch-queere Vampir-Saga aus dem Wien der Jetztzeit, von der man nie weiß, wie viel K&K-Monarchie noch darin steckt. Nicht durch die Zeiten, aber quer durch die Genres wilderte „Monster Pabrik Rambut (Sleep No More)“ des indonesischen Regisseurs Edwin. Darin geht ein Geschwisterpaar dem mysteriösen Unfall seiner Mutter auf den Grund, die wie viele überarbeitete Arbeiter*innen vom Geist der Fabrik heimgesucht wird. Eine Art Meta-Horror als aberwitzige und keineswegs versöhnliche Parabel auf das Malocherleben, und abermals eine Familiengeschichte.

Zwei elegant gekleidete Frauen in einem düsteren Raum, beleuchtet von Kerzen und einer Laterne.
Die Blutgräfin von Ulrike Ottinger
© Amour Fou Vienna, Amour Fou Luxembourg, Heimatfilm, Ulrike Ottinger Filmproduktion / P. Domenigg
Gruppe von Menschen mit Kerzen in der Hand versammelt sich um einen Tisch in einem dunklen Raum, vermutlich für eine Zeremonie.
Monster Pabrik Rambut von Edwin
© Palari Films 2026

Wer profitiert vom Elend?

Auch bei der 76. Berlinale waren es nicht zuletzt die dokumentarischen Formate, die hängen blieben. Wie das ruhig erzählte, in seinem Anliegen umso dringlichere Debüt „Trop c‘est trop“ von Elisé Sawasawa: In einer guten Stunde erzählt der junge, autodidaktische Regisseur über den blutigen Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo und fragt, wer vom Elend profitiert. Sind es, so vermuten es die Protagonist*innen, die er in Flüchtlingslagern, bei militärischer Ausbildung und auf der Straße aufsucht, nicht auch die NGOs, die an einer politischen Lösung weniger Interesse haben denn an der Aufrechterhaltung des Status quo? Ein kluger, drastischer Film, der den Menschen vor Ort zuhört, statt sie zur Projektionsfolie zu machen.

Gänzlich ohne Off-Kommentar kommt „Im Umkreis des Paradieses“ aus. Darin begleitet Yulia Lokshina österreichische, deutsche, schottische und amerikanische Aussteiger*innen in Paraguay und lässt sie selbst zu Wort kommen. Das Leben der bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft (darunter ein Vogelforscher, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, „Migrationskritiker“, Esoteriker und ein ehemaliger Scientology-Chef) collagiert die Regisseurin gegenüber dem Alltag der lokalen Bewohner*innen, die sich ihren eigenen Reim auf die europäischen Migrant*innen machen.

Eine ältere Frau sitzt nachdenklich auf einem Sack, umgeben von Menschen in einem belebten Lager.
Trop c’est trop von Elisé Sawasawa
© JBA Production
Eine junge Frau sitzt am Ufer unter einer Brücke, im Hintergrund fließt Wasser und der Himmel ist bewölkt.
Im Umkreis des Paradieses von Yulia Lokshina
© Zeno Legner / Trimafilm
Zwei Männer unterhalten sich, einer sitzt auf einem Motorrad, im Hintergrund sind weitere Motorräder und ein grüner Zaun zu sehen.
Im Umkreis des Paradieses von Yulia Lokshina
© Zeno Legner / Trimafilm

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„Es hat nur zwei Genies in Deutschland nach dem Krieg gegeben, im Westen Fassbinder, im Osten Schleef,“ schrieb Elfriede Jelinek über den 2001 verstorbenen Theater-Berserker, Schriftsteller, Bühnenbildner, Fotograf und Maler Einar Schleef. Die Dokumentarfilmerin Sandra Prechtel widmet ihm ein filmisches Denkmal, das ausschließlich aus Archivmaterial collagiert ist. In „Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden“ erzählt der Theatermacher selbst. Von seinem Zugang zur Sprache als von Kind an Stotternder, seiner Zeit als Künstler in der DDR, den die Parteiobersten schnell loswerden wollten und dem Schaffen später in Westdeutschland, das stark von der sozialen Kälte geprägt ist: „Dort die Mauer um alle. Hier die Mauer in jedem“, notiert er in seinem Tagebuch. Als Künstler, der von allen Seiten angefeindet wurde, bewahrte sich Schleef einen unbestechlichen Blick auf die deutsch-deutschen Verhältnisse.

Schwarz-weiße Passfotos eines Mannes in verschiedenen Posen, nachdenklich und ernst schauend.
Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden von Sandra Prechtel
© Filmgalerie 451