Als Angela Merkel im Jahre 2013 gemeinsam mit Barack Obama die Pressekonferenz zu seinem ersten Amtsbesuch in Deutschland abhielt, beschrieb sie das Internet als "Neuland". Wollte die Kanzlerin damit ursprĂŒnglich auf die Sicherheitsschwierigkeiten des World Wide Web aufmerksam machen, wurde sie durch diese Aussage schnell zum Zielobjekt von Politsatire und einem regelrechten Shitstorm in den sozialen Netzwerken. "Neuland" wurde zum geflĂŒgelten Wort.
Vier Jahre spĂ€ter steht uns nicht nur erneut die nĂ€chste Bundestagswahl bevor, sondern es gilt auch auf den PrĂŒfstand zu stellen, inwieweit das Internet Einfluss auf unser Leben nimmt. Ob sich dadurch Verhaltensmuster verĂ€ndert haben und wie die reale und digitale Welt miteinander verschmelzen.
Auf Ampeln sollte verzichtet werden
Die Ausstellung âShared Spacesâ, die derzeit im Neuen Kunstverein Aschaffenburg zu sehen ist, setzt genau an diesem Punkt an. Die Gruppenausstellung setzt ihren Fokus auf die Kommunikation und Interaktion in der digitalen Welt und deren Auswirkungen auf unser reales Leben. Titelgebend fĂŒr die Ausstellung ist das gleichnamige Verkehrsplanungsmodell von Hans Mondermann, von ihm in den 1990er-Jahren entwickelt um fĂŒr mehr Gleichberechtigung im StraĂenverkehr zu sorgen. Auf Ampeln und Verkehrsschilder sollte verzichtet werden, um dadurch eine erhöhte Aufmerksamkeit des Einzelnen fĂŒr andere Teilnehmer im StraĂenverkehr zu erzwingen. FĂŒhrt dieses Modell zu einer direkten Konfrontation zwischen Individuen, scheint die Bereitschaft fĂŒr eine solche Form der Auseinandersetzung im World Wide Web lĂ€ngst verloren gegangen.
So kommuniziert die Protagonistin in Julia WeiĂenbergs Videoarbeit âto make you feel comfortableâ nicht mehr direkt mit ihren Mitmenschen, sondern nur noch mit Computer generieten Stimmen. Eingebettet in den Alltag einer Smart City bei Seoul, interagiert die Protagonistin nur mithilfe von digitalen GerĂ€ten mit ihrer Umwelt. WĂ€hrend die GerĂ€te alle eine eigene Stimme zugewiesen bekommen, bleibt die junge Frau im Video jedoch stumm und ihre Antworten erscheinen als Textzeile.
Hinweisschilder voller Schriftverkehr
Die KĂŒnstlerin thematisiert das VerhĂ€ltnis von GerĂ€ten und ihren Nutzern jedoch nicht nur im Video, sondern auch in der PrĂ€sentationsform, indem es sich nur durch das Einscannen eines QR-Codes auf dem Teppich mit dem Smartphone öffnen lĂ€sst. So muss der Besucher selbst erst mit seinem Smartphone interagieren, um das Video sehen zu können.
Bei den gemeinsamen Arbeiten von Esther Poppe und Ellen Wagner muss der Betrachter genau hinschauen. Verteilt im Treppenhaus finden sich Plexiglasscheiben, die teils in den Raum ragen oder frontal an der Wand befestigt sind. Sie erinnern an Hinweisschilder oder an die Ăsthetik von Förderungstafeln, wie sie auch in groĂen Museen zu finden sind. Auf den Glasscheiben befinden sich jedoch AuszĂŒge aus dem digitalen Schriftverkehr der beiden KĂŒnstlerinnen, die Bezug auf die Ausstellung nehmen.
Neue Zeichen und Worte
Darunter findet sich unter anderem ein Zitat von Walter Benjamin: âIst ein Schusterladen Nachbar einer Confiserie, so werden seine SchnĂŒrsenkelgehĂ€nge lakritzenartig.â Was Benjamin an dieser Stelle beschreibt, ist eine Form der wechselseitigen Beeinflussung, die sich auch auf das VerhĂ€ltnis zwischen analoger und digitaler Welt anwenden lĂ€sst. So werden etwa  im Internet neue Zeichen und Worte generiert, die sich in unseren realen Sprachgebrauch einschleichen.
Auch Daniel Keller nimmt Bezug auf die Wechselbeziehung von virtuellem und realem Raum: Die Umrisse der âStack Reliefsâ sind der Form von sogenannten SteinmĂ€nnchen nachempfunden. Die aufeinander gestapelten Steine, die sich zu kleinen HĂŒgeln auftĂŒrmen, gelten ursprĂŒnglich als archaische Form des Wegzeichens, doch finden sich zunehmenden auch auf sozialen Plattformen wie Instagram wieder, wo die Nutzer vor den Steinen posieren und sie damit zur Touristenattraktion erklĂ€ren. Keller nutzt seine Reliefs als BildtrĂ€ger und die Zeichnungen auf ihnen erinnern an Wischbewegungen und FingerabdrĂŒcke. BerĂŒhrungen, die wir nicht mehr mit der Natur verbinden, sondern lĂ€ngst mit der glatten OberflĂ€che des Smartphones.
Harmlose Videos und ökonomische Interessen
Die Selbstinszenierung im Internet thematisiert der KĂŒnstler Florian Meisenberg immer wieder in seinen Arbeiten. So konnte man vor einem Jahr im Rahmen der Ausstellung ICH via Livestream Meisenbergs AktivitĂ€ten an seinem Smartphone mitverfolgen. In Aschaffenburg prĂ€sentiert er eine Videoarbeit, die an YouTube-Tutorials erinnert, jene Videos, die von Nutzern ins Netz geladen werden, um den Zuschauern etwa Backrezepte oder Kosmetikprodukt zu erklĂ€ren. Dass sich hinter diesen scheinbar harmlosen Videos oft ökonomische Interessen verbergen, wissen die Zuschauer, meist im Teeangeralter sind, oftmals nicht.
In Meisenbergs Video âI used to be âwith itâ then they changed what âitâ was now what i am âwithâ isnt âitâ and whats âitâ seems weird and scary to meâ, welches wie eine Serie mit sechs Staffeln aufgebaut ist, wird mit dem Zuschauer jedoch nicht kommuniziert, sondern ihm werden nur Dinge prĂ€sentiert. Auf einem billigen weiĂen Plastikstuhl werden Nahrungsmittel und Produkte wie SD-Karten vor der Kamera drapiert, um dann vom KĂŒnstler zerkleinert und vermengt zu werden. Sind die Bestandteile seiner âRezepteâ autonom betrachtet durchweg GegenstĂ€nde, die VitalitĂ€t, KommunikationsfĂ€higkeit und Lifestyle symbolisieren, erscheinen sie in Meisenbergs Arbeit verfremdet. Meisenberg spielt mit dem Ekel des Zuschauers, wĂ€hrend er Episode fĂŒr Episode den "Rezepten" des KĂŒnstlers folgen muss. Als wandfĂŒllende Videoinstallation kann der Zuschauer dem virtuellen Spektakel im realen Ausstellungsraum nicht entfliehen.
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