Lorem ipsum
Museen fĂŒr Alle! Ein Slogan, der vertraut ist. Denn der Wunsch, eine inklusive Kultureinrichtung zu sein, die von allen Menschen besucht und geschĂ€tzt wird, ist groĂ. Aber wie können Museen diesen Wunsch umsetzen? Wie können RĂ€ume geöffnet, wie Barrieren abgebaut werden?
Viele HĂ€user gehen diese Ăffnung aktiv an und erkennen neue Möglichkeiten, Ausstellungen zu gestalten und zu vermitteln. Am Anfang steht der Austausch: Die verschiedenen Communities, die man einladen möchte, kennen ihre BedĂŒrfnisse und HinderungsgrĂŒnde am besten.
Mit diesem Wunsch trat auch die SCHIRN an das DIALOGMUSEUM Frankfurt heran.
Das DIALOGMUSEUM bespielt szenografische AusstellungsrĂ€ume in völliger Dunkelheit. Das KernstĂŒck des Erlebnismuseums ist die lizenzierte Ausstellung DIALOG IM DUNKELN â Eine Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren, durch die blinde und sehbehinderte Expert*innen fĂŒhren. Im Team des DIALOGMUSEUM sind von dreiĂig Kolleg*innen knapp fĂŒnfzig Prozent blind oder sehbehindert. Die Ausstellung wird ohne den Sehsinn, durch Hören, Tasten, Riechen, Schmecken und FĂŒhlen erfahrbar und lĂ€dt so zum Entdecken, Staunen und Mitmachen ein. In Kleingruppen erleben die GĂ€ste einen einzigartigen Rollentausch und einen Perspektivwechsel, der Inklusion erlebbar macht und fĂŒr die Themen Behinderungen, Barrierefreiheit, Dialog, Empathie, Selbstwirksamkeit und Sinne sensibilisiert.
Der Austausch der beiden HĂ€user setzt genau hier an und baut auf der Expertise des Hauses und des Teams auf. Die SCHIRN möchte die RĂ€ume des neubezogenen Interimsstandorts in Bockenheim â ein historisches BacksteingebĂ€ude â sowie die dort gezeigten Ausstellungen zugĂ€nglicher fĂŒr blinde und sehbehinderte Menschen machen. Kunst, die einen starken Fokus auf das Visuelle legt, bietet hierfĂŒr besonders viel Potenzial fĂŒr kreative Lösungen.
Neue RĂ€ume â neue Möglichkeiten
Um Architektur und RĂ€ume barriereĂ€rmer zu gestalten, unterstĂŒtzt ein kontrastreiches, taktiles Bodenleitsystem, das selbststĂ€ndige Navigieren. Es besteht aus in Laufrichtung verlegten Rippen und Aufmerksamkeitsfeldern, die von Noppen gebildet werden. In dauerhaft bespielten Museumsbereichen bieten sich festinstallierte Leitsysteme an, beispielsweise im Foyer, der Garderobe sowie an AufzĂŒgen und Treppen. In der SCHIRN konnten unsere Teams gemeinsam die Bereiche abgehen und testen. Dabei wurde unter anderem ĂŒber die Platzierung von Abzweigungen und Aufmerksamkeitsfeldern sowie der WegefĂŒhrung gesprochen. Ein taktiler Lageplan unterstĂŒtzt ebenfalls bei der Orientierung, in der SCHIRN wird er direkt neben dem Haupteingang im Foyer zu finden sein.
FĂŒr RĂ€ume mit wechselnden Ausstellungen und stets neu gestalteter Ausstellungsarchitektur lassen sich festinstallierte Bodenleitsysteme schwer realisieren. TemporĂ€re Leitsysteme mit ablösbaren Klebstoffen können hier eine praktische Lösung sein. Dabei muss man nicht an metallene Leitstreifen denken: entscheidend ist ein fĂŒhlbares Leitsystem, das sich von der MaterialitĂ€t des restlichen Bodens unterscheidet. Selbstklebende Filzbahnen eignen sich gut als Alternative: sie sind kostengĂŒnstig und bei Ablösung oder BeschĂ€digung schnell austauschbar. NatĂŒrlich immer unter der BerĂŒcksichtigung, keine neuen Stolperfallen zu schaffen. Die SCHIRN wird in der aktuellen Schau Thomas Bayrle. Fröhlich sein! ebenfalls solche Konzepte umsetzen und testen.
Digital Change
Braille, eine tastbare Schrift auf Basis eines fĂŒhlbaren Punktsystems, hilft bei der Vermittlung von Inhalten. Die Anbringung von Braille auf LageplĂ€nen, in AufzĂŒgen und an HandlĂ€ufen baut weitere Barrieren ab. Allerdings können nicht alle blinden/sehbehinderten Menschen Braille lesen, besonders spĂ€terblindete Personen erlernen die taktile Schrift kaum noch. Viele Betroffene nutzen daher Smartphones und digitale Hilfsmittel wie Screenreader (Bildschirmleseprogramme), die Texte, beispielsweise auf Webseiten, ĂŒber eine Sprachausgabe vorlesen. Daher sind erklĂ€rende Texte auf der eigenen Website, Wegbeschreibungen als ErgĂ€nzung zum Bodenleitsystem sowie weitere wichtige Informationen fĂŒr die barrierefreie Vermittlung von besonderer Bedeutung.
Durch Beacon-Technologie oder einfache QR-Codes lassen sich Informationen per Bluetooth oder ĂŒber die Kamerafunktion des eigenen Smartphones abrufbar. Die QR-Codes beispielsweise werden im Foyer, an der Kasse und in den AusstellungsrĂ€umen an zentralen Stellen angebracht. Moderne Smartphone-Kameras erkennen sie automatisch und leiten die Nutzer*innen direkt zu den Texten weiter. Die Vermittlung der visuellen Kunstwerke durch Werkbeschreibungen und multisensorische Medien wie Tastmodelle oder Musik geben neue Impulse, Ausstellungen mit allen Sinnen erlebbar zu machen.
Hands On
Es ist nie zu frĂŒh oder zu spĂ€t, um ĂŒber Barrierefreiheit nachzudenken. Werden QR-Codes, die zu screenreadergeeigneten Seiten fĂŒhren, sinnvoll in Ausstellungen platziert, werden Inhalte inklusiver. TemporĂ€re, ablösbare Bodenleitsysteme können in Wechselausstellungen angebracht werden oder zum Testen von dauerhaften Installationen dienen. Auch Webseiten und Social-Media-KanĂ€le können durch Alternativtexte, die Bilder detailliert beschreiben, ergĂ€nzt werden und so die digitale Barrierefreiheit vorantreiben. Schritt fĂŒr Schritt können Kulturinstitutionen so inklusive Strategien testen, erweitern und implementieren, um ZugĂ€nge zu verbessern und inklusive RĂ€ume zu gestalten.
Ein Dialog mit verschiedenen Communities bildet dabei die Grundlage. Dadurch entsteht kein âĂŒbereinander sprechenâ, sondern ein âmiteinander sprechenâ, bei dem die unterschiedlichen LebensrealitĂ€ten, Blickwinkel, Erfahrungen und Expertisen als StĂ€rken eingesetzt werden können.