20. Juni 2018

Keine Jahreszeit ist so sehr verbunden mit Sehnsüchten, Erwartungen und Erinnerungen wie der Sommer. Darüber haben wir mit Künstlerinnen und Künstler gesprochen. Peter Saul verbringt den Sommer am liebsten ohne Telefon in einer amerikanischen Kleinstadt.

Von Philipp Hindahl (Text), Jan Buchczik (Illustration)

In den Sommermonaten ist Peter Saul nur per E-Mail zu erreichen. Die warme Jahreszeit verbringt der Maler außerhalb einer Kleinstadt, 90 Meilen nördlich von New York antwortet er auf meine Nachricht. Eine kurze Google-Recherche führt auf die Seite des Architekten Stan Allen. Der hat in den 90ern für den amerikanischen Architekten Richard Meier gearbeitet, und 2016 war einer seiner Entwürfe Teil des US-Pavillons auf der Venedig Biennale. Zwei Jahre zuvor baute er dem Maler Peter Saul ein Studio am Rand der Stadt Germantown im Staat New York.

© Jan Buchczik

Ich schaue mir die Fotos von seinem Studio an und sehe ein Gebäude, mit mintgrünen Latten verkleidet, aus verschiedenen Blickwinkeln fotografiert. Die Bäume auf den Bildern haben keine Blätter und die schmalen Fensterbänder sind von innen beleuchtet. Auf einem Bild ist das freistehende Gebäude aus der Ferne fotografiert zu sehen, durch Bäume und Gebüsch hindurch. Im Vordergrund Grabsteine. Die stehen in seltsamen Kontrast zu dem einladenden Haus und geben der Szenerie etwas Morbides, wie man es aus den Schauergeschichten von H.P. Lovecraft kennt.

Sauls Bilder sind dezidiert weniger gothic als die Lage seines Studios vermuten lässt. Hier arbeitet ein Mensch, denke ich, der sich für amerikanische Mythen interessiert. Dabei sehen die Mythen des Popkünstlers — so zumindest nennt ihn das Feuilleton — ganz anders aus als die Düsternis der Wälder von Neuengland. Grell und bunt nämlich sind seine Gemälde, oft satirisch, und vor allem: figürlich.

Nördlich von New York sieht es so pastoral aus, dass man versteht, wenn Saul sagt, er verbringe den Sommer am liebsten hier. Nur gelegentlich, schreibt er, wären seine Frau Sally und er gerne anderswo, zum Beispiel in Paris oder London. In Paris hat er auch gelebt, und Ende der 50er darüber nachgedacht, wie er einen eigenen Malstil für sich reklamieren könnte. „Ich dachte an Sachen aus den USA, und als erstes dachte ich an einen Kühlschrank“, sagte er einmal. Also war das erste, was Saul malte, ein Kühlschrank, mit allem, was darin zu finden ist. Eine Art kapitalistischer Realismus auf Amerikanisch, der auch voriges Jahr in der SCHIRN zu sehen war.

Ich schaue mir noch einmal sein Studio an, das beruhigend mintgrüne, freistehende Haus am Waldrand. Hier wohnt und arbeitet ein Künstler, der das Einfache liebt. Der letzte Satz seiner Mail, die er leutselig mit „yerz“ unterschreibt, lautet: „Ich freue mich auf den Herbst, denn im Staat New York ist das Wetter sehr angenehm. Gerade richtig für einen Spaziergang.“