01. Juli 2018

Keine Jahreszeit ist so sehr verbunden mit Sehnsüchten, Erwartungen und Erinnerungen wie der Sommer. Darüber haben wir mit Künstlerinnen und Künstlern gesprochen. Ayşe Erkmen denkt zurück an die warmen Monate in einem alten griechischen Dorf.

Von Philipp Hindahl (Text), Jan Buchczik (Illustration)

„Ich verbringe den Sommer gerne in einem alten griechischen Dorf an der Küste, nahe Izmir. Soll ich es dir aufschreiben?“ „Gerne.“ Ayşe Erkmen schreibt in mein Notizbuch: Alaçatı.

Wir sitzen in der Charlottenburger Altbauwohnung der 1949 geborenen Künstlerin. Vierter Stock, es ist heiß, das Fenster steht offen, und auf der Straße rauscht der Verkehr. Ein Aluminiumregal voll mit Ausstellungskatalogen bedeckt die eine Wand, an der anderen steht ein Sofa. Auf ihrem Schreibtisch in der Mitte des Raums sind noch mehr Bücher, außerdem eine Reihe von kleinen Porzellantieren.

© Jan Buchczik

Ayşe Erkmens früheste Erinnerung an den Sommer interessiert mich: „Oh, da gibt es eine üble Geschichte. Als ich vier Jahre alt war, warf mich ein Freund meiner Mutter ins Meer, im Urlaub. Er hatte seinen Kindern so das Schwimmen beigebracht. Er dachte, das klappt bei mir auch, aber ich bin untergegangen. Normalerweise erinnert man sich nicht an Dinge, die so lange zurückliegen. Vielleicht weiß ich es nur noch, weil meine Mutter mir davon erzählt hat.“ Daher ihre Faszination für das Meer, vermutet die Künstlerin. Therapiert ihre Arbeit dieses Trauma? Sie stimmt zu. „Man weiß nie, wie tief das Wasser unter der Oberfläche wirklich ist“, sagt Erkmen. Mich erinnert das natürlich sofort an ihre Installation „durchnässt“ in der SCHIRN Rotunde und ihren Beitrag zu den Skulptur Projekten Münster 2017. War das in Münster nicht eine ähnliche Erfahrung: über eine unsichtbare Brücke im Hafen der westfälischen Stadt zu gehen? „Man muss der Konstruktion und dem Kunstwerk vertrauen. Man kann das Wasser dann bewältigen“, sagt Erkmen.

„Alaçatı“, sage ich, scheitere aber an der korrekten Aussprache. Nicht weit entfernt von der Küste ist die Stelle der Ägäis, an der Ikarus dem Mythos nach ins Meer gefallen und ertrunken ist. „Was machst du in dem Dorf?“, frage ich. Ayşe Erkmen verbringt schon lange ihre Ferien in einem bestimmten Hotel. Dort wird keine Musik gespielt. Keine Kellner bedienen die Gäste. Aber es gibt einen Pool — Erkmen: „Ich mag Swimming Pools sehr, diese künstlichen Wasserflächen“ — Bäume und einen Strand, sonst nichts. Die Menschen lesen dort die meiste Zeit.

Ich mag Swimming Pools sehr, diese künstlichen Wasserflächen.

Ayşe Erkmen

Und welches Buch hat sich die Künstlerin diesen Sommer vorgenommen? „Jedes Jahr versuche ich mich an ‚Ulysses‘. Aber es gelingt mir nie.“ Ich schlage vor, dass sie das Buch nicht als Aufgabe sieht, die sie bewältigen muss, sondern als Angebot. „Schließlich hat Joyces Roman mehr als nur eine Richtung“, sage ich, „und eigentlich ist es auch egal, wo man ihn anfängt, fast wie bei einer Rundreise.“

In ihrer Arbeit bewegt die Künstlerin Wände, Besucher, Skulpturen. Ihrer Werke sind meist nur für kurze Zeit zu sehen, dann verschwinden sie wieder. Ich möchte wissen, ob sie das Konzept des Unterwegsseins anspricht. „Mein Problem ist, dass ich mich sehr schnell an Orte gewöhne. Kennst du die Sängerin Anohni? Sie sagte einmal zu mir, ich will weiter, aber ich will nicht gehen. Das trifft es ganz gut.“ Und ist es Zufall, dass sich Ayşe Erkmen ausgerechnet James Joyces Bearbeitung der Geschichte von Odysseus, dem Schiffsreisenden rund ums Mittelmeer, als Reiselektüre ausgesucht hat? Bestimmt nicht.