29. Januar 2020

Neuer Raum, neue Kunst: Die erste Ausstellung in der umgebauten Frankfurter basis kombiniert wissenschaftliche Analyse mit künstlerischem Pathos.

Von Rebecca Herlemann

Der Eingangsbereich der Frankfurter Produktions- und Ausstellungsplattform basis in der Gutleutstraße präsentiert sich nach seiner Generalüberholung aufgeräumt und in neuem Glanz. Gleich zwei neue Türen führen in die Ausstellungsräume links und rechts des Eingangs. Eine frische Wandgrafik gibt einen Überblick über die Nutzung der Räume, die Geschichte des Hauses und die laufende Ausstellung. Einzig der alte Leseraum wartet noch auf seine Vollendung.

Nachdem die Ausstellungsräume der basis seit Mai 2019 wegen Umbau geschlossen waren, ist nun die erste Ausstellung in den neuen Räumen zu sehen. Die beiden Stipendiaten des IEPA (International Exchange Program for Visual Artists), Pauline Castra und Dennis Siering, zeigen Arbeiten, die während des Austausches im letzten Jahr entstanden sind. IEPA ist ein dreimonatiges Arbeitsstipendium für bildende Künstlerinnen und Künstler in Kooperation mit der basis und NEKaTOENEa im französischen Baskenland. Die Ausstellung in der basis bildet den Auftakt, im April reist die Schau nach Hedaye in Frankreich. Für den Sommer ist auch ein Katalog geplant.

Beide setzen sich inten­siv mit ihrer Umge­bung ausein­an­der

Die beiden diesjährigen Stipendiaten könnten nicht besser zusammenpassen. Beide setzen sich intensiv mit ihrer Umgebung auseinander und reagieren auf vorgefundene Gegebenheiten. Im Fokus steht dabei das Übertragen und Sichtbarmachen von vor Ort gefundenen Formen und das scheinbar wissenschaftliche Analysieren von Situationen. Ein genaueres Hinsehen entlarvt beide Künstler jedoch schnell als Geschichtenerzähler. Pauline Castra ist in ihrer Zeit in Frankfurt auf Entdeckungsreise gegangen. In den Blick genommen hat sie vergessene Orte und Artefakte, Zeugnisse vergangener Kulturen und Architekturen. 

Ausstellungsplakat iepa #4, Image via basis-frankfurt.de

Pauline Castra, Panser-Classer (Detail), 2020, Foto: Anglika Zinzow

Fragmente aus dem Steinarchiv des Archäologischen Museums waren für sie ebenso interessant wie die Bauteile der ehemaligen Liebieghaus-Villa. Für die Ausstellung hat sie in Paraffin gegossene Tonabdrücke von Architekturfragmenten genommen, die sie hier nun in beinahe wissenschaftlicher Klassifizierung einzeln sortiert und anordnet.

Jeder ist dazu eingeladen, vergessenen Orten wieder Beachtung zu schenken

Dem Ganzen gibt sie den Titel „Panser-Classer“, in Anlehnung an „Penser/Classer“ (1985), dem posthum erschienenen Buch des französischen Schriftstellers und Filmemachers Georges Perec. Dem Denken („Penser“) und Einordnen („Classer“) fügt die Künstlerin durch eine Lautverschiebung eine weitere Ebene hinzu: „Panser“, die Fürsorge, das Pflegen und Reparieren nehmen hier eine ebenso wichtige Rolle ein wie das Auffinden und Dokumentieren. So ist jede Besucherin und jeder Besucher eingeladen, den vergessenen Orten wieder Beachtung zu schenken. Um dorthin zu gelangen, muss aber erst ein Schritt in das Dahinter gewagt werden: Castra hat den Zugang zum Ausstellungsraum mit einem Vorhang aus feinen Schnüren zugehangen, der nur eine gebrochene Sicht auf die Objekte im Raum zulässt. Dadurch entsteht ein „Dazwischen“, ähnlich wie sich auch ihre gefundenen Motive in einem Zwischenzustand befinden – vorhanden doch beschädigt, aufbewahrt doch vergessen.

Pauline Castra, Panser-Classer (Detail), 2020, Foto: Anglika Zinzow
Pauline Castra, Installation view, 2020, Foto: Anglika Zinzow
Pauline Castra, Installation view, 2020, Foto: Anglika Zinzow

Dass dabei eine gewisse Portion Pathos mitschwingt, wird deutlich in der Videoinstallation „Vigil“. Mit einer kleinen Gruppe von Leuten inszeniert die Künstlerin hier eine „Mahnwache“ für die Bruchstücke der Villa im Garten des Liebieghauses. Während das Museum im Inneren ein Ort des Bewahrens und Schützens ist, werden die Teile draußen unbeachtet der Witterung ausgesetzt. Unweigerlich muss man die herrschenden Mechanismen des Erinnerns und Wertens kultureller Objekte hinterfragen.

Man verpürt sofort den Drang die Objekte anzu­fas­sen

Auf der anderen Seite des Foyers stellt Dennis Siering unsere Wahrnehmung auf ganz andere Art und Weise auf die Probe. Chromglänzende Oberflächen reihen sich an vermeintlich natürliche Formationen und entführen uns in ein geologisches Laboratorium. Die perfekt ausgeführten Objekte sind so haptisch, dass man sofort den Drang verspürt sie anzufassen. Gleich im ersten Raum zeigen zwei Siebdrucke auf Aluminium abstrakt anmutende Wetterphänomene basierend auf Satellitenaufnahmen der NASA. Hoch komplexe Forschung in technoider Ästhetik wird hier ohne weitere Erklärung wiedergegeben. Übrig bleiben beeindruckende Tafelbilder, die die Betrachter staunend zurücklassen. Vielleicht sind Hintergrund und Entstehungsgeschichte auch nicht so wichtig – passenderweise heißt eines der Werke „The Middle of Nowhere“.

Dennis Siering, No Maps For These Territories, 2018-2020, Foto: Angelika Zinzow

Die fortlaufende Serie „Vertical Memory“ (seit 2017) wiederum erinnert an Rammkernsonden, die zur Erkundung des Bodenaufbaus und zur Entnahme von Bodenproben genutzt werden. Längliche Aluminium-Zylinder im Ausstellungsraum sind gefüllt mit den verschiedensten Inhaltsstoffen, die sich auch bei längerem Hinsehen nicht entschlüsseln lassen.

Die Inhaltsstoffe lassen sich auch bei längerem Hinsehen nicht entschlüsseln

Ein Blick auf den Raumplan gibt Aufschluss über eine Vielzahl an Materialien – längst nicht alle natürlich Bodenvorkommnisse – und es wird klar, dass es sich hier nur scheinbar um naturwissenschaftliche Gerätschaften handelt. Dazu sind im Raum eine Vielzahl von Bodenplatten verteilt, deren Struktur einer Lavalandschaft zu entspringen scheint. Tatsächlich handelt es sich hierbei um Abdrücke von Lavariffen in Gran Canaria sowie der Küstenlandschaft des Baskenlandes, kombiniert mit urbanen Asphalt-Abdrücken. Hier und dort ragen gebogene Aluminiumröhren aus den Platten heraus – sind sie Teil eines komplexeren kartografischen Systems?

Dennis Siering, Vertical Memory (Detail), 2017-2020, Foto: Angelika Zinzow

In der Arbeit „In Psychic Defense“ schließlich offenbart sich vollends Sierings Humor. Eine beinahe sakral anmutende Wandkonstruktion aus Aluminiumrohren ist an einigen Stellen aufgebrochen und verbogen. Als habe sich die Installation gegen ein gewaltvolles äußeres Einwirken zur Wehr setzen müssen, stehen einzelne Teile zur Seite. Wer oder was war hier der Eindringling? Die beiden künstlerischen Positionen Dennis Siering und Pauline Castra lassen uns in dieser Ausstellung Fragen nach festgefahrenen Rezeptions- und Erinnerungsmechanismen stellen ohne gleich vorgefasste Antworten zu geben.

Dennis Siering, No Maps for These Territories (Detail), 2018-2020, Foto: Angelika Zinzow