05. Dezember 2018

Von Manipulation, virtuellen Reisen und Software-Scans. Drei KünstlerInnen im Fotografieforum stellen Fragen nach Inszenierung und Fiktion.

Von Katharina Cichosch

Thomas Albdorfs mystisch schimmernde Gesteinsbrocken haben den Tech-Scan mit Bravour gemeistert: Als „Geological Phenomenon, Sea, Smoke, Volcanic Landform“ hat die Software zur automatischen Katalogisierung von Bildermassen sein sorgsam inszeniertes Motiv eingeordnet – tatsächlich handelt es sich um eine Studio-Arbeit, das ‚geologische Phänomen‘ hat Albdorf aus schwarz eingepinselten Schwämmen imitiert, mit Rauch und Licht versehen und vor einen aufgemalten Hintergrund gepackt.

„We Went To A Crater“, so der Name des gefakten Vulkanbildes, ist somit ein echter Albdorf: Der 1982 geborene Österreicher liebt die Re-Inszenierung, in einem ganz und gar wörtlichen Sinne. So ist in seinen Bildern nichts, wie es scheint, und dieser Zweifel macht natürlich den Reiz seiner Hochglanz-Fotografie unter anderem aus. Wer seinen Namen hört, der kann sich darauf gefasst machen: Irgendwo ist ein analoger Glitch versteckt, ein Bildfehler, vielleicht sollte man in diesem Fall aber eher von Motivfehler sprechen. Fühlen wir, dass etwas nicht stimmt? Diese Frage kann der Betrachter sich noch stellen – bei der Software hingegen weiß der Außenstehende nicht bis zur letzten Gewissheit, ob sie womöglich ähnliche Ungewissheiten kennt, die nicht sichtbar werden, weil sie immerfort eine Zuordnung vornehmen muss. Für oder gegen den Zweifel, in Richtung der größtmöglichen Übereinstimmung.

Neben dem Vulkan wurde auf dem fiktiven Ausflug auch alles andere inszeniert

 „Knapp daneben ist auch vorbei“, so der übersetzte Titel von Thomas Albdorfs neuer Werkreihe, ist jetzt im Frankfurter Fotografieforum zu sehen – neben ebenfalls neuen Arbeiten von Lilly Lulay und Nadja Bournonville, die wie Albdorf auch für das Recommended Olympus Fellowship des gleichnamigen Kameraherstellers ausgewählt wurden. 

We Went To A Crater, 2018 © Thomas Albdorf

Nach den Deichtorhallen Hamburg und dem FOAM in Amsterdam werden die Ergebnisse des einjährigen Arbeitsstipendiums und Mentorenprogramms nun in Frankfurt vorgestellt. Und die sehen etwa so aus: Viele Bilder, aber keine klassische Motivarbeit. So zeigte sich Lilly Lulay fast ein wenig überrascht über die großzügige Unterstützung, wo sie sich doch nicht im eigentlichen Sinne als Fotografin begreife.

Thomas Albdorf nutzte das Stipendium für die Dokumentation einer Reise: Ans Mittelmeer, Italien, und welche Motive man dort unterwegs so mitnimmt, „vielleicht den lokalen Vulkan besuchen, eine Pizza essen, und wenn man ins Hotel kommt, stehen dort schon Blumen bereit.“ Neben dem Vulkan wurde auf diesem fiktiven Ausflug auch alles andere inszeniert – analog oder digital: Die Vase zum Bouquet fotografierte der Künstler ab, die Blumen wiederum ließ er von einer Software hinzurechnen, in diesem Falle noch eher schlecht als recht. Und auch die Titel, die inzwischen als Kurzbeschreibung in sozialen Netzwerken fester Bestandteil der visuellen Kultur geworden sind, werden stilecht kopiert. 

Viel­leicht den loka­len Vulkan besu­chen, eine Pizza essen, und wenn man ins Hotel kommt, stehen dort schon Blumen bereit.

Thomas Albdorf
We Went To That Pizza Place Display Was Not Exaggerating! (Marine Biology, Ocean Still Life/Spoof: Unlikely), 2018 © Thomas Albdorf

„Am meisten interessieren mich die Bilder, die schon ganz oft fotografiert wurden, die man am häufigsten gesehen hat, “ erklärt Albdorf seinen emphatischen Zugang zur Massenbildkultur, und später: „Ich habe einen naiven Zugang und einen wissenschaftlichen.“ Seine Bilder glitschen so schön durch Hirne wie Algorithmen.

Auch bei Lilly Lulay empfiehlt sich ein zweiter, dritter Blick, allerdings aus anderem Grund: Ihre Bildmanipulationen sind alles andere als subtil, sondern schon von weitester Entfernung sichtbar – brachial werden hier Motive nahezu bis zur Unkenntlichkeit per Laser-Cut zerschnitten. Die Ergebnisse der vermeintlichen Zerstörungswut sehen dann wieder sehr filigran aus, wobei die Assoziationen durchaus geschlechtsspezifisch unterschiedlich ausfallen, wie Lulay anmerkt: „Männer fühlen sich oft an Schaltkreise erinnert, Frauen an geklöppelte Spitzenmuster.“ Dabei sind auch die Maschinen Teil dieser Welt und keine außenstehende Science-Fiction, wie diese Randnotiz zeigt: Längst nicht alle Teile von Lulays feinteiliger Vorlage sind nach Plan ausgeschnitten worden, hier und dort prangen noch die eingeritzten Linien auf der Fotofolie.

Männer fühlen sich oft an Schalt­kreise erin­nert, Frauen an geklöp­pelte Spit­zen­mus­ter.

Lilly Lulay
Our Writing Tools Take Part In The Forming Of Our Thoughts, 2017 (Detail) © Lilly Lulay

Lulay, die an der HfG in Offenbach studiert hat und in Frankfurt lebt und arbeitet, ist tatsächlich auf Reisen gegangen: Auch für sie spielte das selbst gemachte Fotomotiv bisher eine untergeordnete Rolle, meist arbeitete sie mit Found Footage. Unterwegs fertigte sie diesmal dann doch einige Aufnahmen selbst an, unter anderem vom Bücherregal einer 70-jährigen Freundin, in dem man hier und da noch einen Beuys oder Gogol herausfiltern kann.

Der ursprüngliche Verständigungszweck wird ad absurdum geführt

In die fressen sich nun unterschiedlichste Symbole einer universellen Zeichensprache, die Lulay in einer Art intuitiv gesteuertem Prozess durch Eingabe von Begriffen in eine Webdesign-Datenbank generiert hatte; so oft über- und unterlagert, dass deren ursprünglich beabsichtiger Verständigungszweck vollends ad absurdum geführt wird. Die Einlassungen verleihen den zweidimensionalen Fotoprints eine objekthafte Qualität. Noch expliziter aufs künstlerische Re-claiming der materiellen Welt, die neue-alte Lust am Material verweist Lulays Regal-Installation, für die sie Fotomotive auf Samt, Chiffon oder Organza gedruckt hat. Als ob die Übertragung der Fotografie-Welt den umgekehrten Schritt aus der Welt in die digitale Bilddatei rückwirkend legitimieren könnte.

How To Get In Touch (E. with her smartphone), 2017 © Lilly Lulay

Nadja Bournonville wiederum fährt in dieser Schau das vielleicht perfideste Täuschungsmanöver auf: Ihre Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte von Eva de Bournonville, die während des Ersten Weltkriegs als Agentin für die Deutschen anheuerte und nach nur zwei Wochen Spionagetätigkeit bereits verhaftet wurde – so zumindest der biografische Pitch, den die schwedische Fotokünstlerin mit Wahlheimat Leipzig angibt.

Poetische Bilder sucht Bournonville für die etwas naive Abenteuerlust ihrer entfernten Verwandten, der Tante ihrer Großmutter, die der schließlich zum Verhängnis wurde, wenn auch mit letztlich gutem Ausgang. Und findet diese im Spiel mit oft händisch bearbeiteten Bildern oder in Schriftzügen aus Preußisch-Blau, die an die Seife anknüpft, mit deren Hilfe die Spionin ihre Geheimtinte sichtbar machen konnte. Die Zweifel in dieses beliebte Spiel mit den Referenzen streut die Künstlerin selbst: Ob das alles genau so gewesen sei, und was sie überhaupt zu den Verhören wissen kann, die hier künstlerisch ebenfalls re-enacted werden, interessiere sie gar nicht so sehr. 

Nadja Bournonville, Onus Probandi. Aus der Serie “Intercepted”, 2017 © Nadja Bournonville

Die Geschichte genügt als MacGuffin, um die eigene Erzählung voranzutreiben. Was natürlich gut funktioniert, weil jeder gern von persönlichen Familiengeheimnissen fremder Menschen hört: Hat nun also die Narration, die man heute beinahe nur noch als Unwort guten Gewissens so nennen kann, oder das Bild die größere Überzeugungskraft?

Es bleiben anziehende Bilder, die auch auf der Meta-Ebene funktionieren

Die Frage, ob den Bildern zu trauen ist, begleitet Fotografie und heute natürlich sowieso Videokunst nicht erst seit Roland Barthes. Ist der shift, den die digitalen Möglichkeiten, Algorithmen und Software-Scans bieten, nun überhaupt ein qualitativer oder nicht doch bloß ein ins Vielfache multiplizierter quantitativer, wie es Schach-Legende Garri Kasparow gern über die sogenannte Künstliche Intelligenz behauptet? Albdorf, Lulay und Bournonville sind nicht angetreten, um diese Fragen zu beantworten, aber ihre Arbeiten sind auch deshalb eine so gute Wahl, weil sie keine reine Diskurs-Kunst praktizieren. Ob sie sanft manipulieren oder hart traktieren: Es bleiben visuell und manchmal haptisch anziehende Bilder, die auch auf der Meta-Ebene funktionieren. Aber eben nicht erst dort.

Nadja Bournonville, Careless Talk #1. Aus der Serie “Intercepted”, 2017 © Nadja Bournonville
Nadja Bournonville, Potato Diet. Aus der Serie “Intercepted”, 2017 © Nadja Bournonville