27. Dezember 2018

Happy Holidays! Also ab nach Amsterdam und Kunst mal abseits des Rijksmuseums entdecken, Bami Goreng aus dem Automaten essen oder Zaandams übereinander gestapelte Hausfassaden bestaunen.

Von Katharina Cichosch
1. Mediamatic

Als sie andernorts noch als Exotikum galt, widmete man sich auf der Halbinsel am Oosterdok schon mit voller Hingabe der sogenannten Medienkunst: Seit den 80er Jahren gehört Mediamatic zu den Pionieren dieser Disziplin, die allerdings nie starr begriffen wird, sondern eher als Forschungsstätte zwischen Kunst, Gesellschaft und Wissenschaft verstanden werden soll. Heute kann man hier dem Verhältnis von Kunst und Botanik nachspüren, sich beim „Pis Talk“ den Mehrwert von Urin erklären lassen, Ausstellungen besuchen und Workshops buchen.

Nächster Workshop: Introduction to Tempeh
18. Januar 2019, ab 16 Uhr

Mediamatic, Imgae via www.mediamatic.net
2. Metahaven und Lily van der Stokker im Stedelijk

Das Stedelijk ist Amsterdams großes Museum für Kunst ab der Moderne. Neben der riesigen hauseigenen Sammlung gibt es wechselnde Schauen zu sehen – aktuell gleich zwei seltene Gelegenheiten: die (neben London) erste Überblicksausstellung des Kollektivs Metahaven mit ihrer allumfassenden Post-Internet-Kunst und die ebenfalls erste Retrospektive von Lily van der Stokker,  die nichts dagegen hat, dass ihre rosa-gelb-grünen Wandzeichnungen und Installationen als explizit soft und freundlich wahrgenommen werden.

Jeweils bis 24. Februar 2019

Metahaven, Information Skies, still, 2016. Courtesy Metahaven, Image via www.stedelijk.nl
3. Kino, Ausstellung und Essen im Eye Amsterdam

Im futuristischen Prestigebau mit Glasfront in Richtung Wasser kommen mehrere Funktionen zusammen: Seit 2012 ist hier das Amsterdamer Filmmuseum untergebracht, das über eine große eigene Sammlung visueller Bildergeschichte verfügt, aber auch Filme zeigt und Diskussionen veranstaltet. Außerdem ist das Eye, zu dem man in wenigen Minuten mit der Fähre ab Hauptbahnhof übersetzt, ein aktuelles Beispiel, wie der Kulturbetrieb mit Prestigebauten zu neuen Aushängeschildern einer Stadt beiträgt.

Als solches ist das Eye von Anfang an auch auf kommerzielle Nutzung für Gastro- oder Firmenevents ausgelegt – bei rund 30 Millionen Projektkosten sicher notwendig. Neben der Dauerausstellung lohnen die Retrospektiven mit oft ungewöhnlichem Schwerpunkt. 2016 wurde beispielsweise eine große Hommage ans Zelluloid präsentiert, zu dem unter anderem auch Rosa Barba eingeladen war. Bald steht das Museum im Zeichen des surrealistischen Animationsfilmemachers Jan Švankmajer.

15. Dezember 2018 – 3. März 2019

Eye Amsterdam, Image via www.filmladder.nl
Rosa Barba, They Shine, 2007 (Filmstill) © Rosa Barba, Image via www.eyefilm.nl
4. Gabriel Lester bei Fons Welters

Transformation als mythologischer Moment: Noch bis Mitte Januar zeigt die Galerie Fons Welters neue Arbeiten des niederländischen Künstlers Gabriel Lester. Der war 2015 auch mit einer Videoarbeit im Double Feature der SCHIRN zu sehen – in Amsterdam präsentiert er nun unter dem Titel „Shake a Shack“ Skulpturen, Zeichnungen und LED-Bildschirme, die mythologische Transformationen und die Grenzen zwischen animalischen, humanen und robotischen Verhaltensweise zum Thema nehmen.

Bis 12. Januar 2019

Gabriel Lester, Pots Trauma (Tropism), 2018 © Gabriel Lester, Foto: Gert Jan van Rooij, Image via http://www.fonswelters.nl
5. FOAM

Das Foam (Fotografiemuseum Amsterdam) zählt zu den wichtigsten Ausstellungshäusern für Fotografie in Europa. Ausstellungen laufen hier zeitlich überlappend, so dass sich ein Besuch eigentlich immer lohnt. Auch thematisch ist das Haus breit aufgestellt, von dokumentarischen bis zu experimentellen Ansätzen, gern mit zeitgenössischem Bezug. Aktuell kann man hier zum Beispiel noch Arbeiten von Daniel Shea (bis 27. Januar 2019) oder dem Künstlerduo Persijn Broersen und Margit Lukács (bis 10. Februar 2019) sehen. Ende Dezember widmet sich das FOAM dann der Beziehung vom Menschen zu seinem Essen und speziell der Frage, warum er dies so gerne ansprechend aufbereitet („Feast for the Eye“, ab 21. Dezember).

Daniel Shea, Lic 7, from the series 43 – 35 10th street, 2017 © Daniel Shea, Image via www.foam.org
6. Last Meal Café im W139

Finstere Suppen, infektiöser Ketchup, halluzinogener Fisch und toxischer Tee stehen aktuell in diesem Artist’s Space auf der Speisekarte – zubereitet von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern. Wer sich vom Titel nicht abschrecken lässt, der kann an einem von zwölf Tischen Platz nehmen und zur Abwechslung zwischen den Festtagen ein Krimi-Dinner-gone-really-really-bad ordern.

Bis 13. Januar 2019

Last Meal im W139, Image via w139.nl
7. Von Bitterballen & Essen aus der Wand….

Apropos Essen: Das wird in den Niederlanden sehr geschätzt und (noch) weniger in gesund und ungesund kategorisiert als andernorts. Davon kann man sich bei einem Besuch im Supermarkt überzeugen. Bunter Hagelslag (Streusel) fürs Weißbrot und Tonnen an süßem, knallbuntem Gebäck sind hier gleichberechtigt neben ganzen Theken an fertig zusammengestelltem Küchengemüse für Pfanne, Wok und Eintopf zu finden.

Auswärts essen geht man auch sehr gern – zum Beispiel ins eethuis, in eines von Amsterdams schummrigen Bruin Cafés auf eine Portion Bitterballen (panierte Fleischkroketten) oder Stamppot (Eintopf aus Kartoffeln und Gemüse) oder zwischendurch mal an die Automatiek, wo es für ein bis zwei Euro das bekannte Essen aus der Wand gibt, frittiertes Bami Goreng in Scheiben und ähnliche, nur auf den ersten Blick unappetitliche Kleinigkeiten.

Bruin Café, Restaurant de Tapperij, Image via www.restaurantdetapperij.nl
8. …BIS HIN ZU SCHWIMMENDEM PAGODENKITSCH

Neben­bei ist Amster­dam kuli­na­risch so inter­na­tio­nal wie wenige Städte ähnli­cher Größen­ord­nung – das Erbe als wich­tige Hafen- und Handels­stadt, aber auch die nieder­län­di­sche Kolo­ni­al­ge­schichte haben hierzu beige­tra­gen. Allein die Auswahl an Suri­naam- und Chine­si­scher Küche ist gigan­tisch. Ein paar Empfehlungen: Im Oriental City werden Dim Sum zwischen üppigen Anthurien-Arrangements und Zimmerbrunnen aufgetischt, der Sea Palace am Hafen lohnt allein wegen des schwelgerischen Ambientes. Bei EN Japanese Kitchen & Sake Bar gibt es sehr gute japanische Küche, hübsch angerichtet zum Beispiel auf Magnolienblättern, und für Freunde der Permakultur-Küche lohnt ein Ausflug ins Gewächshaus mit eigener Gourmetküche, De Kas.

Sea Palace, Image via www.opentable.de
9. Falsche Fassaden in Zaandam

Wer über die einschlägigen Reiseportale auf die Suche nach einer Unterkunft in der immer-vollen Stadt geht, der wird mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einen zauberhaften Klotz stoßen, der wie eine niederländische Variante von Hayao Miyazakis „wandelndem Schloss“ ausschaut. Was weitreichend als „Inntel Hotel Amsterdam“ beworben wird, befindet sich in Wahrheit im 10 Kilometer entfernten Zaandam – zählt aber, Google-Bildersuche sei Dank, inzwischen längst auch zum Amsterdamer Bilderrepertoire. Fans postmoderner Architektur, wie sie in Westeuropa dank strenger Bauvorschriften eher seltener anzufinden ist, können eine Kurzvisite in der ansonsten sehr durchschnittlichen Nachbarstadt einplanen und sich das eklektische Bauwerk aus 70 übereinander gestapelten Fassaden niederländischer Giebelhäuser aus der Nähe anschauen.

Zandaam, Image via hotels.nl
10. Rietveld-Schröderhuis, Utrecht

Auch von innen eine spannende Angelegenheit: Das Rietveld-Schröderhuis, ebenfalls ideal für einen kleinen Ausflug, da nur eine knappe halbe Stunde mit der Bahn entfernt (alternativ kann man auch gleich einen Tag im pittoresken Utrecht einplanen). 1924 wurde das Bauwerk von De Stijl-Mitbegründer Gerrit Rietveld für und mit Truus Schröder-Schräder als Haus komplett ohne fest eingezogene Wände konzipiert. So lassen sich ganze Wohnräume ganz nach Bedarf verschieben und neu gestalten – eine Idee, die bis heute wenig an ihrer Radikalität eingebüßt hat. Fassaden und Innenbereiche spiegeln die Gestaltungsprinzipien von De Stijl wieder, nach der jedes Element eigenständig und autonom qua Farb- und Linienführung funktionieren soll. Wer das UNESCO-Weltkulturerbe besichtigen möchte, muss vorab eine feste Tour über das eigene Online-Portal buchen. 

Rietveld-Schröderhuis, Image via Wikicommons