01. November 2016

Ulays Diebstahl eines der bekanntesten deutschen Gemälde aus der Neuen Nationalgalerie in Berlin: eine Aktion zwischen Institutionskritik und Medienevent.

Von Lisa Beisswanger

Westberlin, Neue Nationalgalerie, 12. Dezember 1976, ca. 13 Uhr: Das berühmte Gemälde von Carl Spitzweg „Der arme Poet“ (1839) wird gestohlen. „Linksradikaler raubt unser schönstes Bild!“ titelt am nächsten Tag die Bildzeitung. Der Linksradikale, später auch „Irrer“ genannt, ist der zu dieser Zeit kaum bekannte Künstler Ulay.

Tatsächlich stahl Ulay aus der – noch keine zehn Jahre alten – Neuen Nationalgalerie West-Berlin das berühmte Spitzweg Gemälde. Jedoch dauerte es vom Raub bis zur Rückgabe des Gemäldes lediglich 30 Stunden. Der Diebstahl war „nur“ eine Kunstaktion und das Gemälde kam auch nicht zu Schaden. Wie genau Ulay vorging und welche Stationen das Bild auf seinem Ausflug durch Berlin machte, nämlich, in ein Filzdecke gewickelt, mit dem Auto und zu Fuß durch den Dezemberschnee zum Künstlerhaus Bethanien und anschließend in die Wohnung einer türkischen Gastarbeiterfamilie und zurück, kann einer filmischen Dokumentation und zahlreichen Zeitungsartikeln entnommen werden.

Warum gerade der arme Poet?

Warum wählte Ulay ausgerechnet Spitzwegs Armen Poeten für seine Aktion? Auf diese Frage gibt es zahlreiche mögliche Antworten. Vielleicht, weil „unser liebstes Bild“ den spießbürgerlichen Geschmack der Nachkriegszeit repräsentierte und, als Reproduktion, bis heute zahlreiche polstermöblierte und Eichenschrankwand-bestückte Wohnzimmer ziert. Vielleicht, weil es einen armen Poeten zeigt, also einen Künstler und seine prekären Lebensverhältnisse, die Ulay und vielen seiner jungen KünstlerkollegInnen bekannt gewesen sein dürften.

Vielleicht, da es geradezu ironisch erscheint, dass ausgerechnet diese Verkörperung des armen Künstlers zu einem Wertgegenstand wurde, der im Museum, dem Tempel der bürgerlichen Hochkultur, dem gesellschaftlichen Establishment zum Kunstgenuss dargeboten wurde. Vielleicht auch, da es sich um ein besonders bekanntes, klassisches Gemälde handelt, ein Kunstobjekt also und damit eine Kunstform, über die sich AktionskünstlerInnen wie Ulay aktiv hinwegsetzen wollten.

Kunstraub als Institutionskritik

Auf einen institutionskritischen Hintergrund verweist auch der mehrdeutige Titel der Arbeit: „Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“. Was ist unter einer kriminellen Berührung zu verstehen? Geht es um die im Museum verbotene Berührung der dort präsentierten Kunstgegenstände? Oder geht es um den kriminelle Akt eines Kunstraubs? Beides spielt sicherlich eine Rolle, erklärt aber nicht, warum der Titel als Statement, als Hinweis formuliert ist. "Da" ist eine kriminelle Berührung in der Kunst. Ulay spricht der Kunst damit ein Wirkungspotential zu, sie kann unmittelbar berühren, kriminell sein und subversiv.

Ulays Aktion ist eine Demonstration genau dieses Anspruchs. Indem er eine Gastarbeiterwohnung zum Setting seiner Demonstration macht und dort die Reproduktion eines „Engelbildes“ über dem Sofa gegen das wertvolle Gemälde austauscht, macht er auf die unsichtbaren Regeln, Restriktionen und Ausschlussmechanismen der klassischen Hochkultur aufmerksam, die verhindern, dass Kunst ihre gesellschaftliche Wirksamkeit entfaltet. Der Weg der Kunst im Museum bis in die tatsächliche Lebensrealität der Menschen erscheint unerhört weit. Aus heutiger Sicht, mit einer zunehmenden Sensibilisierung für postkoloniale Theorie, Migrationsthemen und Transkulturalität, erscheint der Einbezug der Familie und ihrer Wohnung als „Demonstrationsobjekt“ als nicht ganz unproblematisch. Daran, dass Ulay mit seiner Aktion aber eine „kriminelle Berührung“ gelungen ist, besteht dennoch kein Zweifel. Davon zeugt die große öffentliche Aufmerksamkeit, die der Aktion zu Teil wurde.

Komplizenschaft

Ulay raubte das Bild nicht allein, sondern in prominenter Begleitung. Die Quellen sind sich zwar nicht ganz einig in welcher Funktion, sicher ist jedoch, dass Marina Abramović an der Aktion beteiligt war. Sie war seit kurzem die Lebensgefährtin und auch künstlerische Partnerin von Ulay. Nur wenige Tage vor dem Kunstraub, am 30. November, hatten die Beiden ihre erste gemeinsame Performance in Amsterdam gezeigt, mit dem Titel „Talking about Similarity“. Während dieser Performance nähte sich Ulay vor Publikum den Mund zu, im Anschluss beantwortete Abramovic an seiner Statt Fragen des Publikums.

Es folgte die bislang bekanntest Phase von Ulays künstlerischem Schaffen, die gemeinsamen „Relation Works“. Marina Abramović sollte später zur berühmtesten Performancekünstlerin der Welt werden, während Ulay nahezu in Vergessenheit geriet. Nach der Kunstraub-Aktion waren die Rollen ein einziges Mal ganz anders verteil: Ulay stand voll und ganz im Rampenlicht. Ob weitere Personen an der Aktion beteiligt waren, bleibt bis heute unklar, vielleicht absichtlich. Immerhin handelte es sich um ein kriminelle Handlung in der Komplizenschaft juristische Konsequenzen gehabt haben könnte.

Juristisch ein Diebstahl, künstlerisch eine Aktion

Ein Kunstraub ist eben kein Kavaliersdelikt, auch wenn er von vornherein als Kunstaktion geplant ist. Zeitungsberichten zufolge ist dem Bild zum Glück keinerlei Schaden zugefügt worden, es wurde unversehrt vom damaligen Direktor der Neuen Nationalgalerie, Dieter Honisch, im Künstlerhaus Bethanien abgeholt. Dennoch folgten für Ulay juristische Konsequenzen aus der Aktion. Er fuhr gemeinsam mit Honisch zurück in die Nationalgalerie und stellte sich dort der Polizei. Anschließend wurde eine wahlweise Geld- oder Haftstrafe gegen ihn verhängt, der sich Ulay vorerst entziehen konnte, indem er das Land verließ. Später kam es jedoch zu seiner Verhaftung und er kam erst frei, nachdem Freunde eine Geldsumme entrichtet hatten.

Aktionskunst ist per Definition ephemer, also vergänglich, momenthaft und einmalig. Das gilt für alle Aktionen und Performances. Eine Besonderheit an Ulays Aktion war, dass nicht einmal sein „Publikum“ wusste, dass es soeben einer künstlerischen Aktion beiwohnte. In gewisser Weise also eine frühe Form der sogenannten „Relational Art“ die ein reales, soziales Umfeld miteinbezieht. Dafür, dass die Aktion nachträglich nicht als Kunstraub, sondern als Kunstwerk anerkannt und erinnert werden konnte, trug Ulay aber in dreierlei Hinsicht sorge.

Kunstwerk und Medienevent

Erstens verfasste er ein schriftliches Konzept, in dem er die Rückgabe des Gemäldes bereits ankündigte, zweitens sorgte er für eine nahezu lückenlose filmische Dokumentation der Aktion, drittes richtete er anschließend die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Aktion und gewann damit ein neues, diesmal informiertes Publikum. So wurden die Pressevertreter „offiziell“ über die Studiogalerie von Mike Steiner informiert, über die dann auch das Video (als Kunst) vertrieben wurde sowie eine Publikation mit einer Dokumentation der Arbeit und den gesammelten Pressestimmen, die nun als Bestandteil der Arbeit gelten können. So wurde aus der vergänglichen Aktion ein Werk.

Das weitere Schicksal von Spitzwegs armen Poeten in der Nationalgalerie ist tragisch, denn das Gemälde wurde 1989 tatsächlich gestohlen und gilt seitdem als verschollen. Da Spitzweg mehrere Versionen des Gemäldes angefertigt hat, verbleiben zwei Versionen des Gemäldes sowie die ein oder andere Studie und Ölskizze. Eines der beiden fertiggestellten Gemälde befindet sich heute in Privatbesitzt, das zweite hängt in der Neuen Pinakothek in München und ist somit die einzige öffentlich zugängliche Version.

Der Rollstuhl als Kunstwerk

Ulays spektakuläre Aktion wurde wiederum ihrerseits zur Inspiration für andere KünstlerInnen. Einen Kulturtransfer in die entgegengesetzte Richtung inszenierte beispielsweise der türkische Künstler Aykan Safolu beim „Festival of Future Nows“, 2014. Er lud BewohnerInnen der Muskauer Straße, jener Straße in der die türkische Familie wohnte bei der Ulay den Armen Poeten zeitweilige aufhängte, dazu ein, in der Neuen Nationalgalerie ein türkisches Klagelied zu singen. Ebenfalls 2014 verarbeitete Mariana Castillo Deball mit einer Installation im Hamburger Bahnhof die Geschichte des Spitzweg-Gemäldes. Sie zeigte einen Rollstuhl mit der zynischen Aufschrift „Null Problemo“, mit dem sich die Spitzweg-Diebe auf dem Weg zum endgültigen Raub des Bildes getarnt hatten. Den Rollstuhl ließen sie am Tatort zurück, jetzt ist er ein Kunstwerk.