13. Dezember 2018

Wenn der Körper dem Code zum Opfer fällt. Alexandra Bachzetsis spürt in ihren Arbeiten kodifizierten Bewegungen nach und deckt damit gesellschaftliche Repräsentationen von Körper und Weiblichkeit auf.

Von Daniel Urban

Einsam steht eine Frau in weißen Kleid im Scheinwerferlicht. Am Rande des Lichtpegels weitere Personen, die sich im Uhrzeigersinn um sie herum bewegen, schließlich zur Ruhe kommen und in der Hocke regungslos verharren. Die Frau beginnt zu tanzen, ihre Bewegungen werden immer ekstatischer, die sie begleitende Musik chaotischer, beide steigern sich in immer weitere Höhen, bis die Tänzerin plötzlich zusammenbricht und leblos auf dem Boden liegt: der Opfertanz findet sein schauriges Ende, die Frau hat sich zu Tode getanzt.

Das Publikum konnte seinerzeit diese Szenen aus Igor Stravinskys Ballett „Le sacre du printemps“ bei der Uraufführung 1913 in Paris nur schwer verdauen.  Lachen und Pfeifen sollen durchgehend zu hören gewesen sein, und ein handfester Skandal brach sich Bahn. Über 100 Jahre später gilt Stravinskys Werk als eine der bedeutendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts und vermag niemanden mehr zu schockieren und auch die Choreographie des Balletts von Vaslav Nijinsky hat sich rehabilitiert. Das sich „zu Tode tanzen“ indes bleibt ein erschreckendes wie auch faszinierendes Kuriosum, auch für die Schweizer Video-, Installations- und Performance-Künstlerin Alexandra Bachzetsis, wie sie unlängst der New York Times verriet. Im DOUBLE FEATURE wird sie nun ihre Arbeit „Massacre: Variations on a Theme“ (2017) präsentieren.

Bachzetsis beschäftigt sich immer wieder mit genre­spe­zi­fi­schen Körper­codes

Bachzetsis, die 1974 in Zürich geboren wurde, begann ihre Karriere selbst als Tänzerin, bevor sie ab 2001 eigene Choreographien inszenierte. In ihren Arbeiten beschäftigte sich die Künstlerin immer wieder mit genrespezifischen Körpercodes, vom Stepptanz übers Voguing bis hin zum Techno-Tanzstil Tecktonik, aber auch mit dem Alltagsgebaren von Personen verschiedener sozialer Schichten und Kulturkreise.

Alexandra Bachzetsis, Massacre: Variations on a Theme, 2018, Image via www.alexandrabachzetsis.com

Alexandra Bachzetsis, Massacre: Variations on a Thema, 2018 © Alexandra Bachzetsis

In „Dream Seasons“ (2008) thematisierte sie so die Struktur und dramatische Form von Soap Operas, neuere Arbeiten wie „PRIVATE: Wear a mask when you talk to me“ (2016) beschäftigen sich mit der Entstehung von sozialem Geschlecht anhand einer Art Studie über Körperstellungen aus Yoga, Pornofilmen oder Fußball. „Massacre: Variations on a Theme“, in Auftrag gegeben vom New Yorker MoMA, entstand in der Auseinandersetzung mit ebenjener Faszination für den rituellen Opfertanz, der in Stravinskys Ballett die Klimax darstellt – als eine Adaption sollte man die Arbeit jedoch nicht verstehen.

Wie von unsichtbarer Hand

Zu stakkatohaften Klavieranschlägen gibt das Bild nach den Eröffnungstiteln den Blick frei auf einen kleinen Raum, komplett aus Pappe bestehend. Auf dem Boden liegt eine Frau, deren Körper sich, wie fremdgesteuert, kraftvoll auf und ab bewegt, ganz so, als sei sie besessen, als würde eine unsichtbare Gestalt auf ihren Körper einwirken. Das Klavierspiel spitzt sich zu, polyrhythmische Strukturen und immer mehr Töne sind da zu hören, mehr, als ein einzelner Pianist zu spielen vermag. Und in der Tat: Bald darauf ist ein Klavier zu sehen, das ebenfalls wie von unsichtbarer Hand gespielt wird.

Alexandra Bachzetsis, Dream Season, 2008, Image via www.alexandrabachzetsis.com

Insgesamt vier Tänzerinnen inszeniert Bachzetsis im Lauf der knapp 23-minütigen Arbeit. „Massacre: Variations on a Theme“ war sowohl als Live-Performance wie auch als Videoarbeit zu sehen, und gerade letztere stellt mithilfe der beinahe klaustrophobischen Kameraeinstellungen eine Körperlichkeit zur Schau, die nachhallt. Eine Tänzerin bewegt sich nach einigen künstlerischen Figuren auf dem Boden langsam auf die Kamera zu und starrt nahezu regungslos zweieinhalb Minuten in deren Linse, fokussiert direkt den Betrachter. 

Alexandra Bachzetsis, Massacre: Variations on a Thema, 2018 © Alexandra Bachzetsis

Ihre Körperlichkeit, das Animalische, Leibhaftige und zugleich aber auch Inszenierte der Bewegung, und wie diese wahrgenommen wird, thematisiert die Künstlerin hier immer wieder explizit: Eine Tänzerin, die eine hautenge, vielleicht auch nur aufgemalte Jeans, von der lediglich die Nähte zu sehen sind, trägt, hantiert mit Sandsteinen, bevor sie schließlich mittels eines länglichen Spiegels ihren eigenen Körper genau im Mittelpunkt doppelt.

Das Versteckte überlässt der Illusion die Bühne

Der Spiegel taucht später erneut auf und wird auch hier zur Doppelung der eigenen Körperhälfte genutzt, wie dies beispielsweise in der Spiegeltherapie zur Behandlung von Phantomschmerzen nach einer Amputation geschieht. Allein: Hinter dem Spiegel, der den Blick freigibt auf die gedoppelte Körperhälfte, lugt bald wie durch Zauberhand das durch die Doppelung versteckte, eigentliche Körperteil auf. Gleich etwas Verdrängtem blitzt es für einen kurzen Moment auf und verschwindet dann wieder, um der Illusion die Bühne zu überlassen.

Alexandra Bachzetsis, Massacre: Variations on a Thema, 2018 © Alexandra Bachzetsis

Alexandra Bachzetsis, Massacre: Variations on a Theme (concept Photography), Image via www.alexandrabachzetsis.com

Als Lieblingsfilm hat sich Alexandra Bachzetsis den 1980 erschienenen „Times Square“ von Allan Moyle ausgesucht. Der Film erzählt die (Liebes-)Geschichte um Nicky Marotta (Robin Johnson) und Pamela Pearl (Trini Alvarado), die sich in einem New Yorker Krankenhaus auf der Neurologischen Station kennenlernen, in der sie auf ihre geistige Gesundheit hin untersucht werden sollen. Nicky, ein rebellisches „street kid“, das nach wiederholter Sachbeschädigung von der Polizei in die Klinik eingeliefert wurde, ist fasziniert von der wohlbehütet aufgewachsenen Pamela, die einer komplett anderen Welt entsprungen zu sein scheint und überredet sie bald zur Flucht aus dem Krankenhaus.

Eine Flucht in den Underground und der Versuch eines neuen Lebens

Als schließlich Pamelas Vater, wohlhabender Stadtabgeordneter, der sich für die Erneuerung des heruntergekommenen Times Square einsetzt, eine stadtweite Suche nach seiner Tochter in die Wege leitet und Nicky der Entführung bezichtigt, bekommt der Radio-Discjockey Johnny LaGuardia (Tim Curry) von der Geschichte Wind und berichtet on air über die Flucht der beiden Teenager. 

Allan Moyle, Times Square, 1980, Image via staticflickr.com

Nicky und Lisa finden im weiteren Geschehen eine Unterkunft in einem verlassenen Lagerhaus und versuchen sich ein Leben nach eigenen Vorstellungen aufzubauen. „Times Square“ floppte seinerzeit an den Kinokassen – Filmkritiker Roger Ebert bescheinigte ihm einige brillante Momente, aber sah sein Potential nicht ausgeschöpft. Interessant ist der Film als filmisches Dokument über den alten Times Square, den die New York Times damals noch als „The worst block in town“ bezeichnet hatte: Eine Ansammlung von schmuddeligen Motels, Bordellen und Vaudeville-Clubs, die eben auch Freiräume für Subkulturen bot, bevor die Gebäude in den 1990er Jahren komplett erneuert wurden. 

Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine treue Anhängerschaft um den Film

Im Laufe der achtziger Jahre entwickelte sich dann nach und nach eine treue Anhängerschaft rund um den Film. Insbesondere auf LBGT-Filmfestivals wurde der Film regelmäßig aufgeführt und sorgte für Begeisterung. 

Allan Moyle, Times Square, 1980, Image via networkonair.com

Wenngleich in der Kinofassung sämtliche explizite Hinweise auf die lesbische Liebesbeziehung zwischen Pamela und Nicky dem Schnitt zum Opfer gefallen sind, ist doch die romantische Zuneigung, die beide füreinander empfinden, klar erkennbar. Vor allen Dingen aber durch das hier auf Filmmaterial gebannte vermeintliche und vielleicht auch tatsächliche Lebensgefühl der Post-Punk und New Wave-Generation vermag „Times Square“, mitsamt seinem fulminanten Soundtrack, die Zuschauer für sich einzunehmen.