Khabar Lahariya ist die einzige digitale Nachrichtenredaktion Indiens, die von einem Team von Frauen herausgegeben wird, das aus Dalits, aber auch aus Muslimen, OBC und Frauen der oberen Kaste besteht. In Ihrer Berichterstattung repräsentieren sie feministische und marginalisierte Perspektiven aus ländlichen Regionen, die sonst keine Aufmerksamkeit erfahren. Dabei stehen kollektive Entscheidungsprozesse, das Knüpfen neuer Netzwerke und Freundschaften, sowie das Engagement für mehr Rechte und Bildung im Zentrum ihrer Arbeit.

Der Dokumentarfilm „Writing With Fire“ (2021) begleitet die Arbeit des Redaktionsbüros Khabar Lahariya (KL) im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Die Zeitung, die als gedruckte Ausgabe begann, ist inzwischen ein digitaler Newsroom und erreicht Millionen von Menschen. Seitdem der Film für den Oscar nominiert wurde, ist Khabar Lahariya auch in Europa einem größeren Publikum bekannt geworden. Wir haben mit Kavita Devi, der Mitbegründerin der Zeitung, und Disha Mullick, der Mitbegründerin der Chambal Media (dem Mutterkonzern der Zeitung), über ihre journalistische Arbeit, Herausforderungen bei der Berichterstattung und ihre Meinung zum Dokumentarfilm gesprochen.

Der Doku­men­tar­film „Writing With Fire“ von Sush­mit Ghosh und Rintu Thomas hat Ihrem Redak­ti­ons­team sehr viel Aufmerk­sam­keit beschert und Sie zeigten sich stolz und berührt über die Arbeit der Filmemacher*innen. Allerdings haben Sie auch Ergänzungen zu der Darstellung Ihrer Arbeit, die in einem Film natürlich nicht umfassend abgebildet werden kann. Welche Ergänzungen sind das?

Es ist nicht so, dass wir das Porträt insgesamt nicht gut finden, aber es ist lückenhaft und irreführend und es simplifiziert überdies den kritischen Journalismus, wie er von ausgegrenzten Frauen vor Ort tatsächlich ausgeübt wird. Wir wissen es zu schätzen, dass der Film die journalistische Arbeit der Frauen auf dem Land beleuchtet und wir hoffen, dass das eine positive Entwicklung anstoßen wird. Allerdings wird im Film gezeigt, wie wir schwerpunktmäßig nur über eine einzige politische Partei berichten und das in einem politisch ausgesprochen brisanten Moment der indischen Geschichte. Dass wir seit zwei Jahrzehnten im ländlichen Uttar Pradesh über alle Wahlen und politischen Parteien berichtet haben, wird jedoch nicht erwähnt. Wir haben immer größten Wert darauf gelegt, unterschiedlichste politische Positionen darzustellen und zu analysieren – und eben nicht nur eine. Sogar für die Wahl, die im Mittelpunkt des Films steht, haben wir beispielsweise die Politik der Dalits und die Situation ihrer Kandidaten in einem Bundesstaat beschrieben, in dem von Seiten der ausgegrenzten Menschen eine starke politische Mobilisierung ausgegangen ist. Außerdem haben wir über den Zorn der Frauen geschrieben, die darüber erbost waren, wie die Regierungspartei bestimmte Sozialleistungen angepriesen hat, es geht eben nicht in erster Linie, wie es im Film beschrieben wird, um die Rolle von Religion in der Politik. Es handelt sich hier um eine ethische und redaktionelle Strategie, die die Organisation aufrechterhalten und das Team geschützt hat, und das ist unserer Meinung nach im Film untergegangen – es ist ein wesentlicher Aspekt unserer Identität und Widerstandskraft, der hier ausgelassen wurde. Außerdem wird simplifiziert, wie die Frauen der Dalits und aus anderen ausgegrenzten Gruppen diese Arbeit machen können, wie sie komplexe Strategien entwickeln und Netzwerke knüpfen, welche Entscheidungen sie treffen und welche Kompromisse sie machen. Unsere vollständige Stellungnahme zum Film finden Sie hier.

*Anmerkung der Redaktion: Ein Gespräch mit den Filmemacher*innen lesen Sie hier.

Writing With Fire, 2021, Filmstill, © Black Ticket Films

Können Sie unseren Leser*innen den Fokus Ihrer Berichterstattung beschreiben? 

Der Film zeigt einen Teil unserer Arbeit. Schwerpunkt unserer Berichterstattung ist das Lokale – was Leser*innen in den Orten und Regionen, über die wir seit 20 Jahren schreiben, interessiert, ob es um Verbrechen, Politik, Sozialleistungsprogramme und wie diese realisiert werden, geht oder um Kommentare zu gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Angelegenheiten. Unsere Arbeit ist den lokalen Anliegen gewidmet, dabei folgen wir einer feministischen Anschauung, wir betrachten die Probleme aus dem Blickwinkel der Frauen und jenen die am stärksten marginalisiert werden.  

Wie setzt sich das journalistische Team von Khabar Lahariya zusammen? Wie sind Sie zum Journalismus gekommen und wie haben Sie als Team zusammengefunden? 

Mittlerweile sind wir beinahe vierzig Frauen, die in den Bereichen Berichterstattung, Produktion, Redaktion und der vertikalen Vernetzung in den sozialen Medien tätig sind. Als wir die Zeitung gegründet hatten, konnten die Frauen in der unterentwickelten Bundelkhand-Region kaum oder erst seit kurzer Zeit lesen und schreiben. Und als wir anfangs nach Journalistinnen für unser Team suchten, war es sehr schwierig, Frauen mit einer Schulbildung zu rekrutieren da die meisten Menschen und Behörden in den Dörfern nicht akzeptieren wollten, dass Frauen journalistisch arbeiten können.

Das war sicher eine sehr große Herausforderung. Warum war die Umsetzung des Projekts aber dennoch so wichtig?

Frauen, die nur bis zur 5. oder 7. Klasse die Schule besucht hatten, hatten ein erstaunlich tiefes Verständnis für die lokalen Zusammenhänge und die Nachrichten aus der Region. Wir haben sie dann für die Berichterstattung über politische, soziale und wirtschaftliche Themen weitergebildet und ihnen auch gemeinsame Wissensgrundlagen über feministisches Denken und Patriarchat vermittelt. Die KL-Reporterinnen, die aus der Kaste der Dalits stammen bzw. einen muslimischen oder stammesspezifischen Hintergrund haben, begreifen die Probleme ihrer Gemeinschaft sehr gut und können authentisch und umfassend darüber berichten. Wenn eine Dalit-Reporterin beispielsweise über Diskriminierung von Dalits durch die höheren Kasten berichtet, dann kennt sie den Kontext und die Geschichte dieser Diskriminierung und kann sie auch nachempfinden. Khabar Lahariya begann als Medienkollektiv, das heißt der Teamgeist war schon zu Beginn unserer Arbeit stark ausgeprägt – organisatorische Entscheidungen werden immer kollektiv im Team getroffen. Wir haben von Anfang an sichergestellt, dass alle Teammitglieder gleiche Chancen für ihre persönliche und berufliche Entwicklung haben, unabhängig von Kaste, Religion, Ausbildungsstand etc.

Writing With Fire, 2021, Filmstill, © Black Ticket Films

Was machen Sie anders als andere Medien? 

Zum einen ist es die Vielfältigkeit der Mitarbeiterinnen von Khabar Lahariya – es sind Frauen aus der Kaste der Dalits, bzw. mit muslimischem Hintergrund oder aus ‚anderen rückständigen Klassen‘ und zum anderen ist diese Form des ländlichen Journalismus aus dem feministischen Blickwinkel einzigartig. KL berichtet über Gewalt gegen Frauen, und zwar mit einem fundierten Verständnis der Gender- und Kastenstrukturen, in denen diese Übergriffe stattfinden. Beiträge in KL hinterfragen Machtstrukturen und Ungerechtigkeit im persönlichen Umfeld der Familie und auch im öffentlichen Bereich. Mit unserer Form des ländlichen Journalismus erzählen wir alltägliche Geschichten von alltäglichen Menschen in Regionen, die ansonsten gar keine mediale Aufmerksamkeit erfahren. In den Beiträgen von KL – im Video-, Text- und Audioformat – wird die wachsende Diskrepanz zwischen den Versprechen der Regierung zur ländlichen Entwicklung und Stärkung und der tatsächlichen Umsetzung vor Ort beleuchtet. Andere indische Medienhäuser haben in den ausgegrenzten Gemeinschaften nur eine beschränkte Vertretung für die Berichterstattung oder Redaktion vor Ort. Und selbst wenn es eine gibt, sind es doch nur einige wenige. Außerdem berichten wir von alltäglichen Themen auf dem Land, die die Mainstream-Medien gewöhnlich übersehen. Mit der Gründung der Chambal Academy bilden wir seit diesem Jahr nun auch Mädchen und Frauen auf dem Land zu digitalen Geschichtenerzählerinnen aus. Es gibt Kurse zu mobilem Journalismus auf dem Land, Medientraining und digitalen Instrumentarien.  

Und wer sind Ihre Leser*innen? 

Im Moment ist die Gruppe der Leser*innen von Khabar Lahariya gemischt, es sind Männer und Frauen aus ländlichen Regionen, ein Mix aus urbanen und semi-urbanen Leser*innen auf Social Media Plattformen wie Instagram und Twitter sowie eine wachsende internationale Leserschicht. In den ländlichen Kerngebieten gibt es mehr männliche als weibliche Leser, da der Zugang von Frauen zu Smartphones und dem Internet dort immer noch beschränkt ist.

Writing With Fire, 2021, Filmstill, © Black Ticket Films

Beim Anschauen des Films hat mich besonders beeindruckt, wie Sie beharrlich immer wieder schwierige Themen wie sexuelle Gewalt und Korruption aufgreifen. Mit welchen Herausforderungen haben Sie in Ihrer Arbeit zu kämpfen?

Über Themen wie sexuelle Gewalt zu berichten, braucht sehr viel Zeit, Geduld und einen empathischen Blickwinkel. Wir versuchen, mit den Opfern und ihren Familien auf empathische und nicht urteilende Weise zu sprechen. Um ihre Geschichte zu erzählen, müssen sie Vertrauen zu uns haben können. Eine Korruption, die Regierungsparteien und jene, die an der Macht sind, involviert, wird von den Medien gerne übersehen. Aber wir berichten über diese Themen, was mitunter schwierig ist, da wir deshalb schon erpresst, bedroht und unter Druck gesetzt wurden, damit wir die entsprechenden Beiträge zurückziehen. Interviews mit Beteiligten sind auch nicht leicht, da sie häufig nicht vor einer Kamera sprechen wollen. Wir müssen zu ihrer Sicherheit ihre Identität schützen. Daher können wir die Beiträge nicht so präsentieren, wie wir gerne möchten. Wir berichten mit Empathie, Verständnis und Mitgefühl und respektieren die Privatsphäre und wir ziehen die Täter mit unserer Berichterstattung zur Verantwortung.

Sie haben 2002 mit einer Print-Zeitung begonnen, mittlerweile stellen Sie Ihre Nachrichten und Reportagen nur noch digital auf Ihrer Website zur Verfügung. Was war der Grund für diese Entwicklung?

Angesichts der Veränderungen im Bereich der Medien im vergangenen Jahrzehnt ging es darum unsere Arbeit auch in Zukunft fortführen zu können, außerdem wollten wir ein größeres Publikum erreichen. Das waren die Hauptgründe für den Wechsel vom Printmedium zum digitalen Angebot. Die Produktionskosten für eine gedruckte Zeitung mit einem beschränkten, lokalen Vertrieb waren nur schwer aufzubringen und eine Förderung durch Stiftungen o.ä. wird letztlich nur bei Projekten gewährt, die eine größere Reichweite haben, um eine Investition zu rechtfertigen. Die digitale Version hat niedrigere Produktions- und Vertriebskosten bei einer wesentlich größeren Reichweite und das hat ein Geschäftsmodell ermöglicht, welches uns eine größere Freiheit gewährt als eine Förderung, die immer mit gewissen Unwägbarkeiten einhergeht.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert seitdem Sie online und mit Ihren Smartphones arbeiten?

Als die digitale Welle die kleineren Orte und Dörfer in Indien um 2015 erreichte, begannen die Menschen Nachrichten online zu lesen. Um uns an diese Veränderungen anzupassen und auch den Erwartungen unserer Leser*innen gerecht zu werden, haben wir zwischen 2015 bis 2016 vom Printmedium auf die digitale Version umgestellt. Aber diese Umstellung auf die digitale Version hat auch einige Herausforderungen mit sich gebracht, da die meisten Reporterinnen von KL nicht vollumfänglich lesen und schreiben können und das erste Mal in ihrem Leben ein Smartphone benutzten. Also beschlossen wir, sie in einigen Dingen grundlegend zu schulen, wie der Benutzung der Handykamera, dem Schreiben von Emails, dem Erstellen von Videoaufnahmen mittels Youtube und Social Media und vieles mehr. Unsere Reichweite hat sich seit der Umstellung auf die digitale Version signifikant verbessert und wir erreichen nun ein Publikum jenseits von Bundelkhand. Auch Menschen in großen Metropolen schauen sich nun unsere Beiträge und Nachrichten an.

Gauri Gill, ‘Manju & Parvati’, aus der Serie ‘Balika Mela’, 2010, Digitaldruck auf Transparentpapier, 101,6 x 68,6 cm, © Gauri Gill

In diesem Herbst zeigt die Schirn eine Ausstellung mit Werken der Fotografin Gauri Gill, die lange als Fotojournalistin in Delhi gearbeitet hat, bevor sie sich ihrer Kunst und ihren eigenen Projekten zugewandt hat. Die Ausstellung in der Schirn trägt den Untertitel „Acts of Resistance and Repair“. Gills Schaffen ist von der Überzeugung geleitet, dass künstlerische Kooperation und langfristige Freundschaften die Beteiligten resilienter machen und ermächtigend wirken – insbesondere was ausgegrenzte Frauen und Mädchen betrifft. Finden Sie diese Idee nachvollziehbar?

Auf jeden Fall. Einer unserer organisatorischen Grundsätze ist es, das Private und die öffentliche bzw. professionelle Seite von Frauen zusammenzubringen, damit sie Aspekte des Kastensystems und patriarchaler Strukturen in ihrem Leben hinterfragen können. Dauerhafte Freundschaften, generationsübergreifende Mentorschaft, die Schaffung eines förderlichen Umfeldes für von der Obrigkeit ausgegrenzte Menschen, sind alles bewusst eingesetzte pädagogische Instrumente und spielen eine wichtige Rolle in der internen und externen Arbeit von Khabar Lahariya, die zugleich herausfordernd aber auch stärkend ist. Momentan fließt ein Großteil unserer Energie als selbsttragende Medienorganisation in die Suche nach Möglichkeiten der Kooperationen mit Gleichgesinnten, die die Vision unserer Arbeit bereichern können.

Was ist mit Blick auf die Zukunft die wichtigste Aufgabe für Sie als Journalistinnen?

Am 31. Mai in diesem Jahr ist Khabar Lahariya zwanzig Jahre alt geworden. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, weiterhin Geschlechterstereotypen aufzubrechen und die Medienrevolution fortzuführen und zu erweitern, die vor zwanzig Jahren ihren Anfang genommen hat. Und wir hoffen, dass die Absolventinnen der Chambal Academy Teil des Netzwerks feministischer Reporterinnen auf dem Land werden, aber sich auch anderen Medienhäuser anschließen. Sie können für andere Frauen auf dem Land beispielhaft vorangehen und sie ermutigen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und das Narrativ der ländlichen Reportage verändern helfen.

FILMSCREENING: WRITING WITH FIRE

Film­scree­ning von "Writing with Fire" am 24. NOVEMBER 2022, 19 UHR im SCHIRN SPACE. Eintritt frei.

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